18.01.08
Psychologische Dichte und tiefgründige Musik
Zu Janaceks Oper "Jenufa"


Im Rahmen der diesjährigen Winterfestspiele, bei denen Neu-Inszenierungen des St. Petersburger Mariinsky-Theaters (musikalische Leitung: Valery Gergiev) zu sehen sind, kommt das Publikum des Festspielhauses Baden-Baden in einen seltenen Genuss: Die Opern des mährischen Komponisten Leos Janacek sind hierzulande wenig bekannt, und dennoch gehört „Jenufa“ (Foto: N. Razina) zu den eindringlichsten Werken des modernen Musikdramas.

In den Bergen Ostmährens findet man abgelegene Dörfer und endlos lange Nadelwälder, und in dieser Abgeschiedenheit herrschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts unverrückbare moralische Grundsätze.
Janaceks Oper „Jenufa“ (1904 uraufgeführt und bereits zu Lebzeiten des Komponisten über 70mal inszeniert) hat ihren Schauplatz in einem dieser Dörfer: Auf dem Hof einer Wassermühle lebt der leichtfertige Steva, der die Mühle geerbt hat, und nun ein junges Mädchen – Jenufa - verführt, das auf dem Hof arbeitet. Dazwischen steht Jenufas Furcht erregende Pflegemutter, die man nur „die Küsterin“ nennt und die in ihrer Unerbittlichkeit und Strenge bei den Dorfbewohnern hoch angesehen ist. Und dann gibt es noch den aufrichtigen Laca, den Stiefbruder Stevas, der Jenufa leidenschaftlich liebt, von ihr jedoch schroff zurückgewiesen wird: Damit sind die Grundmuster gelegt, die allerlei Raum zu großer Dramatik und tief greifenden Entwicklungen lassen.

Die Vorlage zur Oper ist das Bühnenstück „Ihre Stieftochter“, ein Werk der böhmischen Autorin Gabriela Preissova, und Janacek hat den Stoff zugespitzt: Er lenkt den Blick von Beginn auf Jenufa und Laca – jene beiden Figuren, die im Laufe der Oper an ihren eigenen schmerzvollen Erfahrungen am tiefsten reifen und sich charakterlich so sehr weiterentwickeln, dass sie schließlich über den strengen Moralkodex der Dorfgemeinschaft erhaben sind.

Jenufa ist schwanger von einem Mann, der sie nicht wirklich liebt, sondern der sie hauptsächlich wegen ihrer Schönheit begehrt. Während man einerseits die naive Verliebtheit der Protagonistin als aufkeimende Leidenschaften eines jungen Mädchens erfährt, wird Jenufa vom Urteil der Küsterin und den Vorstellungen des Dorfes in aller Härte getroffen. Das Tragische daran: Die Küsterin, von ihren eigenen hohen moralischen Ansprüchen in die Enge getrieben, wird später zum Mord an Jenufas Kind verleitet.

Laca, der aus enttäuschter Liebe zu überhitzten Reaktionen neigt, verletzt Jenufas Wange, entstellt damit ihr Gesicht und macht sie somit für den oberflächlichen Steva unattraktiv. Aber gerade hierin liegt die Chance: Jenufa hat bereits Kraft aus ihrer (kurzen) Mutterschaft gewonnen - damit auch die moralische Unabhängigkeit gegenüber der Dorfgemeinschaft. Nun lässt die Oper Raum für Beziehungen, die sich aus der Größe von Vergebung und charakterlicher Reife entwickeln.

Dazu liefert Janacek eine dichte, psychologisch geradezu tiefgründige Musik: Sie warnt vor falschen Illusionen, sie verkündet Unheil, sie legt Charaktereigenschaften und Empfindungen frei, die man auf den ersten Blick nicht sieht, und durchleuchtet somit die Handlung auf der Bühne.

weitere Informationen unter:
(www.festspielhaus.de)


weitere Termine der Winterfestspiele:

Freitag, 18. 01.: Hélène Grimaud und das Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersbrug (Valery Gergiev); 20 Uhr

Samstag, 19. 01.: Richard Strauss: "Elektra"; 19 Uhr

Sonntag, 20. 01.: Richard Wagner: "Der fliegende Holländer"; 18 Uhr

Montag, 21.01.: Leos Janacek: "Jenufa"; 20 Uhr

Dienstag, 22. 01.: Richard Wagner: "Der fliegende Holländer"; 20 Uhr    



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