18.04.08
Zehn Jahre Erfolgsgeschichte und ein attraktives Programm
Festspielhaus stellt Termine für die Saison 2008/ 2009 vor


Knapp zehn Jahre ist es her – da glaubte man das Unternehmen Festspielhaus kurze Zeit nach dem ersten Spatenstich schon endgültig an die Wand gefahren. Wegen völlig überteuerter Eintrittspreise blieb das Publikum weg, John Eliot Gardiner dirigierte vor leeren Rängen, man spottete öffentlich über das Projekt. (Foto: Festspielhaus)

Festspielhaus Baden-BadenIn dieser kritischen Phase übernahm der Musikwissen-
schaftler und Betriebswirt Andreas Mölich-Zebhauser (vormals Geschäfts-
führer des "Ensemble Modern" ) das Ruder, nachdem man das bisherige Führungs-Trio wegen grober Management-Fehler entlassen hatte, und aus der Pleite wurde ein Erfolgsmodell: Inzwischen sorgt unter anderem der Freundeskreis Festspiel-
haus („die Bürgerinitiative für Hochkultur“) für eine stabile wirtschaftliche Basis, und die Stadt Baden-Baden lebt heute unter anderem von der Außenwirkung des Hauses. Seit kurzem kann Mölich-Zebhauser hierfür handfeste Zahlen vorlegen, erhoben von der Universität St. Gallen: Die jährlich rund 200 000 Besucher bringen ca. 46 Millionen Euro an Kaufkraft-Zufluss an die Oos. Das Hotel- und Gastronomie-Gewerbe verzeichnet einen Umsatz von rund Millionen Euro Umsatz, was etwa 320 Vollzeitstellen entspricht.

Baden-Baden sei dank seinem neuen Image als Kulturstadt nun dynamischer, selbstbewusster und fröhlicher als noch vor zehn Jahren, beobachtet der Festspielhaus-Intendant: „Für mich ein Zeichen dafür, dass man mit kultureller Initiative das Bild einer Stadt verändern kann“.
Und vor allem mit einem kreativen Team: „Ich habe begeisterte Mitarbeiter, die unter anderem das Haus zu dem gemacht haben, was es heute ist“. Da passt es beinahe symbolhaft ins Bild, dass ausgerechnet in jener sensiblen Phase, als sich das Festspielhaus gerade ein gewisses Vertrauen erarbeitet hatte, die „Idomeneo“-Premiere bei den Pfingstfestspielen des Jahres 2000 beinahe in einer Katastrophe endete: Eine defekte Sprinkleranlage hatte zwei Stunden vor der Aufführung die Bühne mit 40 00 Litern Wasser überschwemmt; unermüdliches Engagement und großer Teamgeist sorgten jedoch am nächsten Tag für eine glanzvolle Aufführung. 


Gespannt sein darf man auch auf die Aufführungen der nächsten Saison. Erstmals wird es eine Zusammenarbeit mit der New Yorker Metropolitan Opera geben, und erstmals bringt diese Kooperation eine Rossini-Oper an die Oos: „Il Barbiere die Siviglia“ in der Inszenierung von Bartlett Sher und unter der Leitung von Thomas Hengelbrock (3. und 5. Oktober). Ebenfalls Premiere hat der „Rosenkavalier“ im Rahmen der Winterfestspiele: Hierbei ist Herbert Wernickes Salzburger Inszenierung von 1996 zu sehen (25./28./31. Januar); Solisten sind unter anderem Renée Fleming, Diana Damrau, Sophie Koch, Franz Hawlata und Franz Grundheber.


Anna Netrebko Rolando VillazonAls Sohn eines Operndirigenten ist Andreas Mölich-Zebhauser dieser Sparte besonders verbunden, er plädiert für eine „neue Ernsthaftigkeit“: „Regie muss aus der Musik entstehen – und nicht mit groben Pinselstrichen, grellen Farben oder schnellen TV-Schnitten“.
So ist Webers „Freischütz“,
dem das problematische Klischee des „deutschen Waldes“ anhaftet und deswe-
gen Aktualisierungsversuche regelmäßig scheitern, in einer Inszenierung von Robert Wilson zu sehen (30. Mai/ 1. Juni): Wilson setzt auf symbolhaft-gestische Andeutungen; seine „Aida“ wurde in Baden-Baden bereits mit Begeisterung aufgenommen.

Bei den Sommerfestspielen stehen daneben ausgesprochene Raritäten auf dem Programm, nämlich die beiden hierzulande gänzlich unbekannten einaktigen Opern „Aleko“ (Rachmaninow) und „Jolanthe“ (Tschaikowsky), letztere dafür mit der prominentesten und wohl populärsten Besetzung, die man sich derzeit vorstellen kann: Anna Netrebko und Rolando Villazon (Foto: J. Henry Fair) singen die Hauptrollen (18./ 21./ 24./ 27. Juli).

Lorin Maazel und das New York Philharmonic Orchestra eröffnen am 11. September die Konzertsaison mit Bruckners achter Sinfonie: Jenes monumentale Werk soll das zehnjährige Bestehen des Hauses mit dem ersten von vier Festkonzerten krönen. Unter die Gratulanten reiht sich am 14. September auch Valery Gergiev, Dirigent der ersten Stunde, mit Tschaikowskys 5. Sinfonie und dem b-moll Klavierkonzert (Solist: Alexei Volodin).

Daneben gibt es innerhalb des Konzertprogramms eine Reihe von Zyklen: Drei Konzerte porträtieren den Komponisten, Dirigenten und Pianisten Olli Mustonen (13. bis 15. März); Kurt Masur und das Orchestre National de France widmen sich an vier Abenden dem kompletten sinfonischen Schaffen Ludwig van Beethovens (26. bis 29. März), und der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard spielt dessen Klavierkonzerte (26. April): Zunächst die ersten drei; in der übernächsten Spielzeit soll dieser Zyklus fortgesetzt werden.

Alfred BrendelAuch dem großen Alfred Bren-
del (Foto: Andrea Kremper) sind mehrere Abende gewidmet: Zum letzten Mal kommt er als Pianist nach Baden-Baden
(6. Dezember), bevor er mit einem Konzert in Wien seine Karriere beendet. Bei den Pfingstfestspielen darf ihn das Publikum aber nochmals erleben: mit einem Vortrag über den „Charakter in der Musik“
(2. Juni) und als Rezitator seiner eigenen literarischen Werke (3. Juni). 

Zu den Stammgästen im Festspielhaus zählen Anne-Sophie Mutter (zu hören am 14. November mit Brahms-Sonaten und am 14. Mai mit Mendelssohns Violinkonzert) und Thomas Quasthoff, der mit Haydn-Arien nach Baden-Baden kommt (13. Dezember). Das Mariinsky-Ballett zeigt traditionell ein Weihnachtsprogramm; John Neumeier und das Hamburg Ballett sind mit „Othello“ (10./ 11./12. Oktober) und „A Cinderella Story“ (17./ 18./ 19. Oktober) zu sehen.

Auch mit neuen Formaten will man im Festspielhaus künftig aufwarten: Bach zu nächtlicher Stunde in der Spitalkirche, Nyman und Piazzolla in der Trinkhalle, Musik und Literatur im Theater – Geschichten rund um die Liebe zwischen Marianne Viardot (Tochter der Komponistin und Sängerin Pauline Viardot) und dem Komponisten Gabriel Fauré, zu Papier gebracht von Iwan Turgeniew, der einige Jahre in Baden-Baden lebte. Daneben lassen öffentliche Proben mit Erläuterungen das Publikum im Rahmen von so genannten „Konzert-Werkstätten“ teilhaben an der sehr persönlichen Sicht eines Interpreten, bevor das entsprechende Werk dann im Konzert zu hören ist.

Mit diesen Formaten will man die Musik aus ihrer traditionellen Umgebung herausholen; man möchte den Austausch zwischen Bühne und Publikum fördern und somit einen Schwerpunkt auf die Erwachsenenbildung legen: „Im Alter zwischen 40 und 50 Jahren entdecken viele Menschen die Klassik wieder für sich – da wollen wir Antworten geben“, so Mölich-Zebhauser. Für die jüngere Generation hat man in der vergangenen Spielzeit bereits die „Kinder-Musikfeste“ ins Leben gerufen.


„Soviel Aufbruchstimmung war nie,“ bilanziert Andreas Mölich-Zebhauser, und er ist überzeugt: „Die besten Jahre liegen noch vor uns.“ 



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