09.06.08
Von Jugendlichen lernen, Fragen beantworten
SWR Sinfonieorchester startet Jugend-Musik-Projekt "der Schrei!"


Noch riecht es nach frischen Sägespänen, und wer vom Foyer zur Bühne will, der muss sich erst einmal den Weg vorbei an Brettern und Gerüsten bahnen. Das Karlsruher Tollhaus ist derzeit eine Baustelle – und dieses Bild passt: Hierher nämlich lud der SWR zu einer der Info-Shows im Vorfeld des Jugend-Kulturprojekt „Der Schrei!“. Dies ist eine Initiative des SWR Sinfonie-Orchesters Baden-Baden und Freiburg unter dem Motto „Lass raus, was in dir steckt!“, und aufgerufen sind Jugendliche im Alter von 14 und 20 Jahren zwischen Karlsruhe und Lörrach, die sich mit Stimme oder Instrument ausdrücken wollen. Dabei erhalten am Ende 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Chance, ihre eigenen Ideen mit professionellen Musikern zu erarbeiten und schließlich mit dem Orchester auf der Bühne umzusetzen.


SWR Sinfonieorchester„Was dabei herauskommen soll, wissen wir selbst noch nicht, und genau das macht die Sache so spannend“, erklärt der Regisseur Dieter
E. Neuhaus, der für die Dramaturgie verantwortlich ist. Als die Idee zu einem Jugend-Projekt gemeinsam mit einem großen Sinfonie-Orchester reifte, habe man selbstverständlich auch das Berliner Vorzeige-Experiment „Rhythm is it“ im Hinterkopf gehabt. „Aber uns war klar, dass wir dieses Konzept auf den Kopf stellen wollten“, betont Werner Englert, der selbst als Musiker und Pädagoge arbeitet und ebenfalls zu den künstlerischen Leitern gehört. „Denn der Reiz liegt nicht darin, dass die Jugendlichen etwas einstudieren, sondern dass wir selbst von ihnen lernen und gleichzeitig ihre Fragen beantworten.“ Englert und Neuhaus haben Erfahrung mit Großprojekten: Unter anderem konzipierten sie vor vier Jahren sie das Rock-Pop-Jazz-Spektakel „Junger Wilder Süden“.

Sylvain Cambreling, Chef-Dirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, sei sofort begeistert gewesen, und in der Tat scheint sein Ensemble für ein solches Experiment geradezu prädestiniert: Schließlich liegt ein Schwerpunkt des Orchesters im Bereich der zeitgenössischen Musik, und Begegnungen zwischen den Sparten „E“ und „U“ gab es bereits im Rahmen eines Projekts mit den „Söhnen Mannheims“.

„Der Schrei!“ soll sämtliche Grenzen überschreiten – soziale und ethnische, religiöse und künstlerische – so wie ein Schrei in allen Kulturen große Emotionen ausdrückt. In den verschiedenen Musikteams, die sich ab September 2008 in Karlsruhe, Offenburg, Freiburg und Lörrach formieren und dort von professionellen Musikern betreut werden, dürfen sich Jugendliche mit ihrem ganz persönlichen musikalischen Hintergrund einbringen: Von Rap, Hip-Hop, Rock, Ethno, Folk, bis hin zu Jazz oder Klassik. Im Dezember treffen sie sich dann erstmals mit dem Sinfonieochester, und im Juni und Juli 2009 wird dann schließlich zu hören sein, für welchen Nachhall „Der Schrei!“ bei den Beteiligten gesorgt hat.

Bei diesem Projekt kann jeder mitmachen; Leistungsnachweise werden nicht verlangt. „Wir sind gewissermaßen eine `Anti-Casting-Veranstaltung` “, stellt Werner Englert klar. Dabei sucht man gerade auch nach Begabungen unter denjenigen Jugendlichen, die zu Hause nicht gefördert werden oder die normalerweise durch ein bestimmtes Raster fallen: Gezielt seien deshalb Kontakte zu Jugendzentren und Behinderten-Einrichtungen geknüpft worden. Damit passt das Konzept auch in den „Masterplan 2015“ der Stadt Karlsruhe: „Der besondere Stellenwert liegt hierbei auf der kulturellen Bildung von Jugendlichen – Grund genug also, dieses Projekt zu unterstützen,“ erklärt Kulturamtsleiterin Dr. Susanne Asche.

Bei der Informations-Veranstaltung im Tollhaus gab es zudem einen musikalischen Vorgeschmack: Musiker des SWR-Sinfonieorchesters experimentierten mit Klangfarben und Klangflächen, Video-Sequenzen gaben einen Einblick in die Arbeit des Orchesters. Der Perkussionist Nils Tannert demonstrierte eindrucksvoll, dass man beim Musizieren den ganzen Körper braucht; Rhythmus in die Sprache brachte hingegen der Rapper Danny Fresh, und der Saxofonist Peter Lehel – einer jener Musiker, die mit den Jungendlichen in den Workshops arbeiten werden – holte sanfte, virtuose und kraftvolle Klänge aus seinem Instrument heraus. Dass das gemeinsame Musizieren ein „besonderes Erlebnis“ ist, legte schließlich SWR-Hörfunkdirektor Bernhard Hermann den Jugendlichen nahe – und dann warfen sich die Musiker sämtlicher Sparten gemeinsam die Bälle zu und gaben auf ihren Instrumenten Schreie der Lust, der Wut und der Begeisterung von sich.


weitere Informationen und Anmeldung (bis 15. Juli) unter www.der-schrei.com)

(erschienen am 07.06. im Badischen Tagblatt, www.badisches-tagblatt.de)



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