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04.07.08
Die Musikhochschule Karlsruhe und ihr "Zukunftslabor"
Institut für Musikwissenschaft und Musikinformatik mit dem Preis "Deutschland - Land der Ideen" ausgezeichnet
Musikinformatik – da denkt man häufig zunächst an computergenerierte Klänge, an zeitgenössische Kompositionen mit Live-Elektronik. Tatsächlich sind aber nahezu alle Bereiche des modernen Musiklebens ohne den Computer nicht mehr denkbar – sei es die Bearbeitung von Notensätzen, von Tonaufnahmen im Rahmen einer CD-Produktion oder die Gestaltung und Übertragung von Radioprogrammen.
Da liegt es nahe, an einer modernen Hochschule ein entsprechendes Studium anzubieten: Bereits 1991
hatte die Karlsruher Musikhochschule den ersten deutschen Lehrstuhl für Musikinformatik inne; im „Computerstudio“ werden Studierende der Kompositionsklassen betreut. Auf dieser Grundlage entstand vor drei Jahren das „Institut für Musikwissenschaft und Musikinformatik“ - mit drei Bachelor- und zwei Masterstudiengängen, bei denen die Schwerpunkte in beiden Fächern frei wählbar sind. Diese Abteilung wurde ins Leben gerufen, als sich an der Technischen Universität die Schließung des Instituts für Musikwissenschaft abzeichnete. Derzeit sind etwa vierzig Studierende in den verschiedenen Studiengängen eingeschrieben; die Berufsfelder sind dabei ebenso vielfältig: Sie reichen von der Entwicklung von Software und Synthesizern bis hin zum Webdesign, denn die Studierenden arbeiten auch mit Grafikern oder Videokünstlern zusammen.
Dass man an der Karlsruher Musikhochschule Wert legt auf ein breit gefächertes Angebot – nicht zuletzt auch ermöglicht durch die Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen der Region - macht den Studiengang deutschlandweit einzigartig. „Zwar kann man mittlerweile an etlichen Orten Musikinformatik studieren, doch das Studium wird durchweg an Universitäten angeboten, mit einer speziell technischen Ausrichtung“, erklärt Professor Thomas Troge, der Leiter des Studiengangs. „Bei uns hingegen ist die Technik nur eines von mehreren Standbeinen; wichtig sind uns ebenso wissenschaftliche, künstlerische und ästhetische Aspekte“.
So interessiert man sich beispielsweise auch für Probleme aus der Psychoakustik: etwa für die Frage, wie aus dem Hören eigentlich eine Wahrnehmung entsteht. Da jedoch ein einziges Institut die Voraussetzungen zu komplexen Untersuchungen nicht bereitstellen kann, ist man derzeit dabei, ein Netzwerk an Beziehungen aller Art aufzubauen: Das Fraunhofer-Institut Ilmenau bot bereits eine Kooperation an. Auf diese Weise sollen vor allem auch Praktika für die Studierenden ermöglicht werden; außerdem knüpft man Kontakte zu Verlagen und zur Musikindustrie.
Im Bereich Musikwissenschaft arbeitet man mit dem Max-Reger-Institut zusammen: Mit Hilfe von neuen Techniken ist es beispielsweise möglich, in kriti-
schen Editionen die verschiedenen Lesarten anhand von Bildmaterial
und integrierten Klangbeispielen zu verdeutlichen. Seit Januar entsteht
auf diese Weise eine neue Reger-Werkausgabe.
Sogar bei der mittelalterlichen Musikforschung hilft der Computer, denn die Vielzahl der Schriften, in denen gregorianische Choräle notiert wurden, ist noch heute ein Buch mit sieben Siegeln. Computerprogramme können hier Abweichungen feststellen und die Umschrift in moderne Notationen erleichtern. „Erweitert um den Bereich Informatik, ergeben sich somit auch in der traditionellen Musikwissenschaft bessere Berufschancen“, so Thomas Troge.
Ansonsten beschäftigt man sich mit allen Arten der Klangerzeugung: Ein Laptop-Ensemble zerlegt beispielsweise Klangmaterial in kleinste Schnipsel, schafft mit Bewegungssensoren immer neue Klangfarben und Geräuschkombinationen. Und schließlich fördert man auch außergewöhnliche Ideen von Studierenden, wie beispielsweise die Nutzung von Flaschen oder Fahrrädern als „Klangmaschine“- denn die eigenen Experimente im Bereich Mechanik und Akustik sind erfahrungsgemäß wertvoller als eine Vielzahl von Vorlesungen.
Als Lohn für soviel Innovationskraft durfte Thomas Troge nun für das Institut den Preis des Bundeswettbewerbs „Deutschland - Land der Ideen“ aus der Händen von Finanzminister Willi Stächele entgegennehmen; die Musikhochschule Karlsruhe ist nun mit ihrem „Zukunftslabor“ („Music2thousand“) einer von 365 "ausgezeichneten Orten"; insgesamt gab es 1500 Bewerber.
Stächele stellte ebenso die Berücksichtigung des geplanten Neubaus im Landeshaushalt 2009/2010 in Aussicht: „Die erheblichen Investitionen von voraussichtlich mehr als 29 Millionen Euro zeigen, dass sich die Landesregierung der besonderen Qualität der Hochschule bewusst ist.“
Ein zentraler Campus, der sämtliche Institute vereint und daneben einen Multimedia-Komplex für experimentelle Aufführungen und Studioräume vorsieht: Auch das wird den Studierenden der Musikinformatik zugute kommen.
Zum geplanten Neubau:
Alle Einrichtungen der Karlsruher Musikhochschule sollen künftig auf dem Baugelände am Standort Schloss Gottesaue konzentriert werden. Schon in den vergangenen zehn Jahren wurden drei historische Gebäude für Lehre und Verwaltung ausgebaut.
Nach einem internationalen Architektenwettbewerb im Jahr 2007 ist nun ein Multimedia- und Bühnenkomplex geplant, der auf einer Nutzfläche von 2400 Quadratmetern Platz für dringend benötigte Räumlichkeiten schafft - beispielsweise für die Institute „Neue Musik und Medien“, das „Institut Lernradio“ und „Musikinformatik“. Bisher sind Teile dieser Institute in einem Gebäude aus den Dreißiger Jahren untergebracht.
Der Komplex schließt einen Multifunktionssaal mit bis zu 500 Zuschauerplätzen und hohen akustischen Anforderungen ein: für traditionelles und experimentelles Musiktheater, für Konzerte mit multimedialen Effekten, für Aufzeichnungen und Sendungen. Bisher gibt es in Karlsruhe keinen vergleichbaren Aufführungsort.
Ebenso sollen auf dem Gelände jene Bereiche untergebracht werden, die derzeit in der Innenstadt angesiedelt sind. Auf diese Weise soll der Austausch zwischen den einzelnen Studiengängen verbessert werden.
Der Baubeginn ist für 2010 geplant, die Fertigstellung für 2012: 200 Jahre nach der Gründung des „Musikalischen Bildungsinstituts für Bläser“, dem Ursprung der Hochschule.
(erschienen am 04. 07. im Badischen Tagblatt, www.badisches-tagblatt.de)
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