08.08.08.
PAMINA unterwegs: Gustav Mahler - 100 Jahre Lied von der Erde
Im Sommer 1908 entstand in Toblach eines der bedeutendsten Werke des Komponisten


Im Hintergrund türmt sich ein schroffes Bergmassiv; darunter, an den steil abfallenden Hängen, ist die Landschaft dicht bewaldet. Gegenüber, auf der anderen Seite Tals, weitet sich der Blick: sonnige Wiesen, über die Hänge verstreute Höfe, ein paar Kilometer weiter schließlich Toblach mit der barocken Dorfkirche im Zentrum.

Eine ähnliche Aussicht muss Gustav Mahler gehabt haben,
als er im Sommer des Jahres 1908 sein „Lied von der Erde“ schrieb. Hier, in Altschluder-
bach, nur wenige Schritte vom „Trenkerhof“ entfernt (heute ein Teil der Gustav-Mahler-Gedenkstätte), steht das „Komponierhäuschen“: eine kleine, schlichte Holzhütte am Waldrand, zu Mahlers Zeiten möbliert mit Klavieren, einem Tisch und einem Stuhl – mitten in der Natur. Solch ein Häus-
chen hatte sich Gustav Mahler schon Jahre zuvor in Maiernigg am Wörther See errichten lassen; doch diesen Ort hatte die Familie fluchtartig verlassen, nachdem die älteste Tochter Maria Anna im Sommer 1907 an Diphtherie gestorben war und man kurze Zeit später bei Gustav Mahler einen lebensbedrohlichen Herzfehler diagnostiziert hatte. Das alles ereignete sich in einem Jahr, das ohnehin schwierig war für die Familie: Nach etlichen Intrigen und antijüdischen Hetzkampagnen hatte Mahler unter dem zunehmenden Druck beschlossen, sein Amt als Direktor der Wiener Hofoper aufzugeben. 

Nun quälten die Erinnerungen. Die Familie machte kurz Station in der Nähe von Toblach – und hier lebten Gustav und Alma tatsächlich wieder etwas auf, hier konnten sie sich ihre Zukunft vorstellen. Diese lag jedoch erst einmal in New York, wo Mahler im Dezember 1907 als Dirigent an der Metropolitan Opera seine neue Dienststelle antrat. Doch im Frühjahr kehrte er nach seiner ersten, erfolgreichen Saison wieder zurück, und nach mehreren Besichtigungstouren in der Toblacher Umgebung entdeckte die Familie schließlich „ein großes Bauernhaus außerhalb des Ortes … allerdings etwas primitiv, aber herrlich gelegen.“ Mitte Juni konnte die Familie dann ihr Sommerquartier im Trenkerhof beziehen.

Mahlers Komponierhäuschen bei Toblach Toblach, im heutigen Südtirol, war zur Zeit der k.u.k. Monarchie ein bedeutender Luftkurort. Das Dorf galt als Tor zu den Dolomiten; der Schriftsteller Peter Altenberg schwärmte gar vom „Wunderland
der Bleichen Berge“. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten die ersten Touristen die Schönheiten dieser Landschaft entdeckt, und
die neu erbaute „Südbahn“ pendel-
te zweimal täglich von Wien in die Berge. Das obere Pustertal war zu einem Anziehungspunkt für die fei-
ne Wiener Gesellschaft und darüber hinaus für Gäste aus aller Welt geworden; davor bedeutete die karge Bergregion mit ihrem nur mäßig fruchtbaren, kalkhaltigen Boden in erster Linie Überlebenskampf für wenige Einheimische.

Im Pustertal ließen sich fortan Adelige und Gutbürgerliche, aber auch Kreative und Intellektuelle nieder: beispielsweise Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. Prachtvolle Hotels entstanden; das Toblacher „Grand Hotel“ ist heute Kultur- und Bildungszentrum, zugleich Schauplatz der „Gustav Mahler Musikwochen“, die jedes Jahr im Sommer ebenso die Kirchen und Burgen der Region, das Komponierhäuschen und sogar die freie Natur zur Kulisse zahlreicher Konzerte und Vorträge machen.

Gustav MahlerAls sich Gustav Mahler hier mit seiner Familie im Sommer 1908 niederließ, hatte er die „Chinesische Flöte“ im Gepäck, eine von Hans Bethge frei nachgedichtete Sammlung von ursprünglich altchinesischen Texten, die in englischen und französischen Übersetzungen vorlagen. Diese traurigen Gedich-
te ranken sich um Abschied und Vergänglichkeit, und Mahler war schon zuvor von ihnen angetan.
Er hatte sie zunächst beiseite gelegt - doch nun überfielen sie
ihn: Vom „morschen Tand der
Erde“ ist hier unter anderem die Rede, und dessen muss sich Mahler im Zuge seiner eigenen Todeserfahrungen schmerzlich bewusst gewesen sein. „Wohin
geh ich?“ heißt es weiter, „ich wandre in die Berge, ich suche Ruh für mein einsam Herz“. Der ewige Kreislauf, die immer wieder erwachende Natur, wo das Ende zugleich auch Neuanfang ist – all das spiegelt sich letztlich in Mahlers Leben wider, und so schrieb er an den Dirigenten Bruno Walter, dass das Lied von der Erde wohl das „Persönlichste ist, was ich bis jetzt gemacht habe“. 

Mahler war bis dahin ein sportlicher Komponist gewesen - ein begeisterter Wanderer, Radfahrer, Ruderer und Schwimmer - und die Bewegung in der Natur bedeutete stets Inspiration. Doch all das hatten ihm die Ärzte nun verboten, nur leichte Spaziergänge waren noch erlaubt. Mahlers seelische Verfassung leidet zunächst sehr darunter - er war zwar von seinen geliebten Bergen umgeben, nun aber von allem Gewohnten abgeschnitten. Doch da passiert etwas Bemerkenswertes: Gerade weil Mahler die Landschaft nicht mehr in der bisherigen Weise genießen kann, dient sie ihm nun im Wesentlichen als Ort der künstlerischen Auseinandersetzung, und allmählich lebt er sich in seiner neuen Umgebung ein. Er arbeitet fieberhaft, und aus der anfänglichen Leere erwächst tatsächlich neue Schaffenskraft. Diese Kraft bringt eines der innovativsten Werke jener Zeit hervor: Das Lied von der Erde sprengt sämtliche Gattungsgrenzen, Mahler nennt es eine „Sinfonie für eine Alt- und eine Tenorstimme und Orchester“. Sieben Texte fasst er zu einer gedanklichen Einheit zusammen, und ihre Vertonungen greifen voraus in eine musikalische Zukunft, die nicht mehr den spätromantischen Reichtum, sondern den größtmöglichen Ausdruck mit sparsamsten Mitteln anstrebt. Teilweise hat Mahler exotische Tonfolgen eingearbeitet: Die Mittelsätze beispielsweise sind feinstichige Genrebilder - kunstvolle Gewebe, die zu den damals beliebten Chinoiserien und der floralen Ornamentik des Jugendstils passen.

Todesgedanken und die Ahnung von Vergänglichkeit hinter einer blühend wirkenden Fassade; jähe Ausbrüche, leises Klagen und dennoch zaghafte Übermut – all das drückt Mahler im „Lied von der Erde“ mit beispielloser Intensität aus. Es zeigt die unterschwellige Beklommenheit und Morbidität des „Fin de siècle“ und ist zugleich Mahlers Apotheose. 

(erschienen am 07.08.08. im Badischen Tagblatt; www.badisches-tagblatt.de)




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