10.10.08
"Musique Concrète" oder wie aus Eisenbahngeräuschen Musik wird
Vor sechzig Jahren produzierte Pierre Schaeffer seine "Geräusch-Etüden"


„Musique Concrète“ – so nannte der französische Komponist und Ingenieur Pierre Schaeffer jene Musik, die er vor sechzig Jahren im „Studio d’ Essai de la Radio“ in Beaune produzierte: Mit Alltags- und Naturgeräuschen als Grundmaterial, die er zuvor auf Tonband aufgezeichnet hatte.
„Konkret“ ist diese Musik deshalb, weil sie beispielsweise im Unterschied zu instrumentalen Werken nicht durch Notenwerte abstrahiert wird. Der Komponist steht also gewissermaßen im ständigen Dialog mit seinen Werken; die Klänge sind nicht vom Interpreten abhängig.


Pierre SchaefferDie „Musique Concrète“ gilt als Vorläufer der so genannten „akusmatischen Musik“: Eine Musik, die ohne den Rahmen einer Live-Aufführung erklingt, die also allein für die Vermittlung über Tonträger geschaffen ist.
Der Begriff „Akusmatik“ stammt hingegen aus der Antike und
bezieht sich auf die Schüler des Pythagoras, die den Vorlesungen des Meisters hinter einem Vorhang folgten, um sich nicht durch die Optik ablenken zu lassen.

Als „Geburtsstunde“ der Musique Concrète gilt eine Rundfunksendung im Oktober 1948: Innerhalb dieser Sendung wurden Schaeffers Kompositionen erstmals im Rahmen eines „Geräuschkonzerts“ ausgestrahlt. Angesichts dieses denkwürdigen Datums widmete das ZKM der technisch produzierten Musik und ihren Entwicklungen nun ein Lautsprecherkonzert – im Verbund mit anderen Studios und zeitgleich mit Veranstaltungsorten etwa in Belgien, Spanien, Frankreich und Canada.

Komponisten wie Edgar Varèse, Pierre Boulez, Olivier Messiaen und Karlheinz Stockhausen nutzten fortan das Spiel mit den Reglern – auch, um davon für ihre instrumentale Arbeit zu profitieren.

Hört man nun diese Werke in einem größeren Zusammenhang, dann erkennt man in der Tat auch im Stampfen und Dröhnen, im Klirren, Quietschen und Tropfen ein Spiel mit musikalischen Parametern wie Klangfarben, Rhythmus und Dynamik.

Anfangs überwiegen die dunklen Töne. Es sind typische Fabrikgeräusche, wie sie dem Beobachter aus den Werkhallen entgegenhämmern – gemischt mit Rauschen, Pfeifen und Echo-Wirkungen, sodass sich hier schwere und üppige Flächen ergeben.
Dann jedoch lichtet die Szenerie, der Klang wird kleinteilig: Hell, metallisch und punktiert kommen jetzt die Impulse; Eigenschaften wie Schärfe oder Nässe (beispielsweise  bei Tropfgeräuschen) wecken Assoziationen und machen das Bild plastisch. Ein dumpfes Anrollen des Klanges, danach ein Crescendieren und Rhythmisieren (durch abrupte Einwürfe in unterschiedlicher Länge) – all das schafft Dynamik und Struktur.

Zentrum des Konzerts ist jedoch das Werk Pierre Schaeffers; seine „cinq études de bruits“ beeindrucken durch ihre kompositorische Dichte und vor allem durch ihre verblüffend hohe technische Qualität.
Hier werden Klangmuster übereinander gelegt; beispielsweise schafft ein monotones Rumpeln eine rhythmische Grundfläche, pulsierendes Stampfen sorgt hingegen für Akzente.

Im Grunde lässt sich schon aus Eisenbahngeräuschen ein formal korrektes Werk konstruieren: Das Pfeifen und Anfahren des Zugs als Einleitung, dann das Rattern der Waggons, hinterher ein Schnaufen und Stoßen – all das sorgt in diesem Fall für ein vielstimmiges Fortschreiten der Klangkomposition.
Mit Tonschnipseln erzeugt Schaeffer in seinen Geräusch-Etüden zudem virtuose Läufe, die an Vivaldi erinnern – überhaupt scheinen unter diesem Geräuschdickicht immer wieder Anklänge an klassische Werke hervorzuleuchten. Eine leise Ahnung, die schnell wieder verrauscht, die aber dennoch zusätzliche Eindrücke hinterlässt. Und aus abgerissenen Silben und Hustengeräuschen entwickelt er komplexe musikalische Figuren.

Mit ähnlichem Material arbeitet auch der Komponist und Schlagzeuger Robert Wyatt - Gründer der Kultband „Soft Machine“ - der mit Kollegen in den Pariser GRM-Studios (benannt nach der von Schaeffer gegründeten "Groupe de Recherches Musicales") ebenfalls improvisierte: „It“ (ein Klang-Experiment über den Satz „I did it again“) ist ein Stück, das so kurz und bündig klingt wie sein Titel. Denn hier dialogisieren die Wortschnipsel auf insistierende, fast schon penetrante Weise; aus dem ganzen Raum prallen Plosive oder Zischlaute aufeinander.

Schließlich sind die technischen Verfeinerungen - beispielsweise in metallischen Klangen, die ineinander fahren, explodieren oder nur kurze Signale setzen – am Ende des Konzerts in den Werken von Christian Zanesi, Francis Dhomont und Francois Bayle zu hören.

All jene Klangcollagen zeigen auf eindrucksvolle Weise, wie Natur- und Alltagsgeräusche mit Hilfe der Technik ihre musikalischen Qualitäten entfalten.
(Foto: Pierre Schaeffer im Phonogéne, 1952, © Ina - Archives du GRM de l´Ina, Foto: Serge Lido)



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