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15.12.08
Klangcollage aus reichlich Material
Jugendliche des Projekts "Der Schrei" treffen erstmals mit SWR Sinfonieorchester zusammen
„Ohne Musik bist du nicht du“ ruft eine junge Sängerin ins Mikrofon, und es klingt wie ein Appell, ein Aufschrei. Genau das entspricht der Idee des SWR-Jugendprojekts, das bezeichnenderweise „Der Schrei“ heißt: Es möchte Jugendliche dazu animieren, sich mit Musik auszudrücken – und zwar künftig gemeinsam mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg.
Mehr als 200 Jugendliche von Karlsruhe bis Lörrach nehmen an diesem Projekt teil, es gab kein Casting, jeder bringt sich nach Kräf-
ten in dieses Projekt und in sein Musikteam ein - und genau das ist
die Herausforderung: „Es gibt keine Vorgaben, wir wissen nicht, was bis zum nächsten Sommer dabei herauskommt – aber es wird etwas sein, das uns alle begeistern wird“, versichert der Regisseur Dieter E. Neuhaus, der für Dramaturgie und Konzept verantwortlich ist.
Zwei Monate haben die Jugendlichen bislang in ihren Ensembles gearbeitet, nun zeigen sie erste Ergebnisse. Der Musiker Werner Englert - er hat die künstlerische Gesamtleitung der Musikteams inne - betont die „Begegnung auf Augenhöhe“, die hier stattfinden soll, „den kreativen Austausch zwischen Laien und Profis“.
Dann kommt es zum ersten Treffen. Im Festspielhaus erleben die Jugendlichen nun jenes Orchester, mit dem Sie bald zusammen arbeiten werden. Man probt „Eclairs sur l´Au Delà“ von Olivier Messiaen, und Chefdirigent Sylvain Cambreling führt sein junges Publikum behutsam ins Geschehen ein: Die Musik sei manchmal wie „Tränen und Lächeln gleichzeitig“, an anderen Stellen klinge das Werk des Ornithologen Messiaen, „als ginge man durch einen Wald“. Im Saal herrscht gespannte Aufmerksamkeit, ja völlige Stille beim gespenstischen Flimmern der Streicher, beim wilden Enteilen der Bläserstimmen. „Interessant, aber gewöhnungsbedürftig“ nennt einer der Teilnehmer Messiaens Musik, als sich die Schülerinnen und Schüler im Foyer nun ihrerseits auf die Präsentation vorbereiten.
Auf der Bühne des Festspielhauses versammeln sich die insgesamt 18 Musikteams mit ihren Teamleitern: Bläser, Streicher und Sänger, die
sich zum großen Teil nie zuvor gesehen haben, stehen nun nebeneinander – sogar behinderte Jugendliche sind dabei. Vorne am Pult organisiert Werner Englert das beachtliche Jugendorchester: Er ist
in den letzten Wochen durch den Südwesten gereist und hat aus dem Material, das er von den jungen Ensembles zu hören bekam, eine Collage geformt. Außerdem haben sich die einzelnen Teams auf regionaler Ebene bereits kennen gelernt.
Für eine Probe dieses einleitenden Konzeptstücks bleibt keine Zeit – doch jede Instrumentengruppe weiß genau, was sie zu tun hat, und dies spricht für eine hervorragende Organisation: Da wird mit Klängen Atmosphäre geschaffen; ein Murmeln und Grummeln schwebt im Raum, eine Harfe säuselt dazwischen. Man weiß zunächst nicht, wo dieses Murmeln herkommt, bis sich schließlich etliche Stimmen zu einem harten Schrei verdichten. Die anderen Instrumente fahren beherzt dazwischen, reagieren sofort auf Englerts Dirigat, Notenblätter gibt es keine.
In den einzelnen Teams haben die Jugendlichen mit ihren Teamleitern (die allesamt erfahrene Musiker und Pädagogen sind) an Klängen, Basisfiguren und Improvisationen gearbeitet - herausgekommen ist eine beeindruckende Vielfalt: Jazzige, rockige und experimentelle Klänge, exotische Färbungen, Pop-Klischees und zarte Streicher-Figuren, die gar barocke Anleihen haben. Schließlich schreit eine Sängergruppe mit rotzigen Texten ihren Frust heraus: „Mir ist alles zuviel, alles egal“; Tabus gibt es offensichtlich nicht in diesem Projekt. Doch die Musikerinnen und Musiker des SWR Sinfonieorchesters zeigen sich beeindruckt, es gibt viel Beifall, und das ist keineswegs nur Höflichkeitsapplaus. Nun liegt es an den künstlerischen Leitern, allmählich ein erstes Konzept zu entwickeln und weitere Aufgaben an die Musikteams zu verteilen: Reichlich Material ist offensichtlich vorhanden.
(Fotos: SWR/ Christoph Büscher; Artikel erschienen am 15.12. im Badischen Tagblatt; www.badisches-tagblatt.de)
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