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19.05.09
Produktionen am Puls der Zeit
Badisches Staatstheater stellt Programm der Spielzeit 2009/10 vor
Auch in der Finanzkrise halten die Karlsruher offenbar dem Badischen Staatstheater die Treue: Die Aufführungen sind nach Angaben der Verwalltungsdirektion insgesamt zu 84 Prozent ausgelastet; bei den Konzerten sind es sogar beinahe 100 Prozent. Damit sind die Besucherzahlen gegenüber dem Vorjahr nur geringfügig zurückgegangen.
Zudem wurde dem Haus bis zum Jahr 2011 (dann verlässt Generalintendant Achim Thorwald das Badische Staatstheater) finanzielle Planungssicherheit zugesagt - in Zeiten ständiger Etatkürzungen ein beruhigendes Polster für die zum Teil ehrgeizigen Projekte der kommenden Spielzeit. „Das zeigt, wie sehr die Kunst und insbesondere das Theater als Lebenselixier der Stadt angesehen wird“, so Achim Thorwald.
Besonders gespannt sein darf
man unter anderem auf das
Ballett „Schwanensee“ von Peter Tschaikowsky (Premiere: 21.11.), ein Klassiker auf sämtlichen Bühnen, der allerdings eine große, hochkarätige Besetzung verlangt: „Schwanensee ist ein Traum von mir und ein Traum des Ensembles“, erklärt Ballett-Direktorin Birgit Keil. „Dieses Stück braucht viel Aufbauarbeit und Erfahrung, doch jetzt ist die Compagnie bereit dafür“. Birgit Keil, zugleich auch Direktorin der Mannheimer Akademie des Tanzes, hebt zudem die Mitwirkung der dortigen Studierenden hervor: „Sie werten die Compagnie auf, andernfalls wäre das Projekt nicht durchführbar.“ Der Choreograph Christopher Wheeldon wird das Stück mit dem Ensemble erarbeiten; er hat „Schwanensee“ bereits mit dem Pennsylvania Ballet auf die Bühne gebracht: Seine Choreographie ist damit eine Erstaufführung im deutschsprachigen Raum.
Mit „Symphony in C“ von George Balanchine und „Adagio Hammerklavier“ von Hans van Manen (Premiere am 13. März 2010) bringt das Badische Staatstheater daneben Produktionen auf die Bühne, die als Meisterwerke der Neuzeit gelten; beide Choreographen haben die Tanzästhetik des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst.
Die Werk-Auswahl in der Sparte „Musiktheater“ folgt dem Motto „Kulinarisches und Ausgefallenes“; daneben möchte man möglichst nahe am Puls der Zeit bleiben: Immer aktuell sind jene Themen, die um Freiheit und Menschenrechte kreisen, wie beispielsweise Beethovens „Fidelio“ (Premiere ist sinnigerweise am 3. Oktober)
oder fie selten gespielten Verdi-Oper „I Masnadieri“, die den Stoff aus Schillers „Räuber“ zur Grundlage hat. Hier geht es ebenfalls um den Freiheitsbegriff, daneben um mörderische Banditenverehrung und die Frage nach Vorbildern für die Jugend. Premiere ist am 30. Januar 2010, und Regie führt Alexander Schulin, dessen „André Chénier“ in jüngster Zeit am Badischen Staatstheater großen Erfolg hatte.
Beschwingtes ist hingegen für die Weihnachtszeit vorgesehen: Die Operette „Wiener Blut“ von Johann Strauß hat am 12. Dezember Premiere.
Bohuslav Martinus „Griechische Passion“ (Premiere: 3. April 2010) beleuchtet mit seiner Flüchtlingsproblematik ebenfalls ein großes gesellschaftliches Thema des 20. Jahrhunderts. Hoch-expressiv, dazu angereichert mit Elementen der griechischen Folklore und der orthodoxen Liturgie, ist die Musik des böhmischen Komponisten. Inszeniert wird die Oper von Georg Köhl, der das Opernpublikum bereits mit „Tod in Venedig“ begeisterte. Die Anhänger düsterer Psychogramme kommen hingegen mit „Herzog Blaubarts Burg“ auf ihre Kosten; verbunden wird die halbszenisch aufgeführte Oper mit dem Liederzyklus „Tagebuch eines Verschollenen“ von Leos Janacek. Premiere ist am 25. April im Rahmen der Europäischen Kulturtage (Thema: Ungarn).
Stiefmütterlich auf deutschen Spielplänen wird generell die Oper „Euryanthe“ von Carl Maria von Weber behandelt (Premiere: 29. Mai). Das Libretto hat einige Schwächen; musikalisch ist das Werk jedoch Vorreiter, denn es weist bereits auf die große romantische Oper hin. Einen ähnlichen Stoff behandelt auch Händels Spätwerk „Ariodante“, das im Zentrum der kommenden Händel-Festspiele steht und am 19. Februar Premiere hat. Wer in diesem Jahr keine Karten für die restlos ausverkaufte Barock-Inszenierung des „Radamisto“ bekommen hat, darf sich im kommenden Jahr zudem auf eine Wiederaufnahme (25. Februar) freuen. Und bereits vom 8. bis 11. Oktober werden in Karlsruhe das Halbfinale und das Finale des internationalen Gesangswettbewerbs des Richard-Wagner-Verbandes ausgetragen.
Die Opern-Produktionen, die mit dem „Rosenkavalier“ von Strauss am 10. Juli den Reigen der Neu-Inszenierungen in der Spielzeit beschließen, bedeuten für das Badische Staatstheater Premieren in mehrfacher Hinsicht: Noch nie wurde ein Werk von Bohuslav Martinu in Karlsruhe auf die Bühne gebracht; „Euryanthe“ und „I Masnadieri“ stehen ebenfalls erstmals auf dem Spielplan.
Politisch und zeitnah ist naturgemäß auch die Sparte „Schauspiel“: Das Thema „Faust“ (als Synonym für den rücksichtslos sich verwirklichenden Menschen) nimmt beispielsweise einen breiteren Raum ein - zum einen als Goethe-Klassiker (Faust I und II; Premiere am 20. März 2010) und als Auftragswerk des Autors Werner Fritsch (Premiere am 26. November). Die Welt der Wirtschaft und der Spekulanten wird im selten gespielten „Lorenzaccio“ von Alfred de Musset beleuchtet – auch wenn es die Wut über die gescheiterte französische Juli-Revolution von 1830 thematisiert (Premiere am 26. September).
Daneben steht wiederum ein Stück von Elfriede Elfried Jelinek auf dem Spielplan: „Die Kontrakte des Kaufmanns“ hat am 28. November Premiere. Verblüffend sei, so Schauspiel-Chef Knut Weber, dass Jelineks bisweilen schwierige Texte vom Karlsruher Publikum recht gut angenommen werden. Immer aktuell, weil um Macht und Verblendung kreisend, ist außerdem Shakespeares „König Lear“ (Premiere: 23. Januar).
Hinsichtlich der Jugendarbeit setzt das Badische Staatstheater vor allem mit seinen Spielclubs Akzente; sie möchten Jugendlichen einen Zugang zum Theater ermöglichen: Insbesondere der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund stieg dabei deutlich an; vor allem Schulen zeigen verstärktes Interesse an derartigen Projekten.
Die Jugendclubs werden von Schauspielern geleitet, was eine besonders enge Bindung zu den Jugendlichen schafft. „Etliche von ihnen“, erklärt Knut Weber, „besuchen mittlerweile eine Schauspielschule“.
(Fotos: Rosalie O' Connor: Schwanensee, Pennsylvania Ballet; Jacqueline Krause-Burberg: Siegfried, Wiederaufnahme 2009/10; Jochen Klenk: Das Spiel vom Fragen, Spielzeit 2008/09)
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