|
|
|
|
  |
20.10.09
Vom Marktwert der Kunst
Semestereröffnung an der Musikhochschule/ Nike Wagner hält "Karlsruher Rede" zum Thema "Kunst und Geld"
Noch befinden sich die Studierenden der Karlsruher Musikhochschule in einem geschützten Raum, an dem sie ihre Begabung verhältnismäßig ruhig und sorgenfrei zur Befähigung formen können. Danach aber haben sie es mit dem so genannten „freien Markt“ zu tun – für diejenigen, die im Rahmen des Festaktes zur Semester-Eröffnung ihre Abschlusszeugnisse erhielten, wird dies nun Realität, und wer sein Studium gerade begonnen hat (von 1200 Bewerbern wurden 140 aufgenommen), der macht sich in Zeiten gekürzter Subventionen und Fördergelder am besten gleich mit dem schwierigen Thema „Kunst und Geld“ vertraut.
So war es nur konsequent, dies auch zum Thema der diesjährigen „Karlsruher Rede“ zu machen – und wer könnte besser darüber reden als eine Festival-Leiterin und Nachfahrin eines kühnen Musikdramatikers, dessen Ideen einst mit Hilfe eines kunstverliebten Regenten verwirklicht wurden. Nike Wagner, Ur-Enkelin von Richard Wagner und künstlerische Leiterin des Weimarer Kunstfest, schlug in verhältnismäßig kurzer Redezeit einen weiten und fesselnden Bogen: Vom Feudalherrn, der sich eine Hofkapelle hielt, bis hin zum modernen Kultur-Dienstleistungsgewerbe - einschließlich des Sponsoring.
Auch das musikalische Programm war zum Teil von Nike Wagner inspiriert: Den
Boden bereiteten dem prominenten Gast zunächst das Kammerochester der Hochschule unter der Leitung von Nachum Erlich: Ein schwelgerisches Siegfried-Idyll gab es zu Beginn (am Ende dann Wolfgang Rihms „Nature Morte – Still alive“, das genau hundert Jahre später geschrieben wurde). Markante Eckpfeiler setzten ebenso Adel Ferenc Mohsin (Klavier) mit Franz Liszts „Schlaflos!“, später Laurent Albrecht Breuninger (Violine) und Markus Stange (Klavier) mit Schönbergs „Fantasie für Violine und Klavierbegleitung“, das von heftigen Ausbrüchen durchzogen ist.
Manfred Popp, der Vorsitzende des Hochschulrats, bewies, dass man aus dem Fundus Wagnerscher Wortschöpfungen („Blick ich umher in diesem edlen Kreise“) eine ganze Begrüßungsrede zimmern kann; in schlichteren, aber prägnanten Worten umriss Rektor Hartmut Höll anschließend die Leitgedanken des vor kurzem verabschiedeten Struktur- und Entwicklungsplans: Die Musikhochschule Karlsruhe lege Wert auf eine Ausbildung, die nicht nur für das Musizieren auf dem Konzertpodium befähige, sondern auch für die Musik- und Kulturvermittlung sowie für wissenschaftliches Arbeiten; zudem werde das Ensemblespiel gefördert. Über den Erfolg, so erklärte Höll schließlich, entscheide nicht nur Talent und Glück, „sondern Unverwechselbar-
keit, Individualität und Neugier“.
Von unverwechselbaren Redner-Qualitäten jedenfalls konnte sich das Publikum danach sofort überzeugen: Martin Emmerich (Mitglied des AStA) machte ein Kunstwerk aus seinen Gedanken zum Studierenden-Ausschuss;
er fasste sie in einen fiktiven
Brief von Tristan an Isolde, er verquickte seine Anregungen und Kritik gekonnt mit Opern-Figuren und Werk-Titeln: „Ein bisschen mehr vom Rheingold“ wünschte er sich für den Etat, eine bessere Organisation für die Ensembles - „aber vielleicht ändert sich das mit dem neuen großen Campus, wenn wir nicht mehr mit unserem Schwan von Brabant nach Monsalvat ziehen müssen“.
Scharfsinnig und humorvoll beleuchtete im Anschluss Nike Wagner die Stellung, das Selbstverständnis und die Wahrnehmung des Künstlers: Im 19. Jahrhundert verschrieb man sich nicht mehr dem Herrscherlob, sondern dem individuellen Ausdruck; die Kunst galt der geistigen Erneuerung, der Phantasie – und ihre Abnehmer fand sie nun im kulturbeflissenen Bürgertum. Doch weil der bürgerliche Wunsch nach Kunst als „Verschönerung, als Sahnehäubchen“ nicht selten zur Borniertheit führt, ist Kunst gelegentlich auch Protest: Früher Egon Schiele, heute Christoph Schlingensief. Das führt zu den ewigen Feindbildern des grauen Spießbürgers auf der einen und des unangepassten Provokateurs auf der anderen Seite, doch geht es - wie in keinem anderen Beruf - gerade in der Kunst um Aufmerksamkeitsgewinn und um die Definition des Marktwertes, von dem heutzutage auch Sponsoren profitieren. Letztlich habe Kunstkenntnis einen „feinen, besonderen Anstrich“ und vermittle hohe Kompetenz – und dies, so mutmaßt Nike Wagner, könnte den „scheinbar unrentablen Werten wieder zu neuem Ansehen verhelfen.“
(Fotos: Musikhochschule Karlsruhe)
Anzeige:

zurück zur Hauptseite
zurück zu "Bericht"

|
|
|
|
|