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29.11.09
Klänge in Bild und Bewegung
Giga-Hertz-Preis im ZKM verliehen/ erstmals auch Walter-Fink-Preis für Tanz, elektronische Musik und Medien
Radiowellen oder sichtbares Licht gehören zu den elektromagnetischen Wellen, und erstmals hat sie der Physiker Heinrich Hertz Ende des 19. Jahrhunderts nachgewiesen, als er an der damaligen Technischen Hochschule in Karlsruhe lehrte. Nach ihm ist der Giga-Hertz-Preis für elektronische Musik benannt, der in diesem Jahr zum dritten Mal vom ZKM in Zusammenarbeit mit dem EXPERIMENTALSTUDIO des SWR Freiburg verliehen wurde - mit insgesamt 47 000 Euro ist dies der weltweit höchstdotierte Preis in dieser Kategorie. Licht und Schallwellen haben Gemeinsamkeiten – ihre Schwingungen werden beispielsweise in Frequenzen gemessen – und auf dieser Grundlage entwickelte beispielsweise der Mathematiker und Jesuit Louis-Bertrand Castel bereits 1725 Entwürfe für ein Farbenklavier. Später, im frühen 20. Jahrhundert, suchten schließlich Künstler wie Kandinsky oder Skrjabin nach der Verbindung zwischen verschiedenen Kunstrichtungen.
Das alles passt nicht nur zur Arbeit am ZKM und damit zu den Werken der zeitgenössischen Komponisten, die solche Verbindungen ebenfalls immer wieder suchen – sondern das beweist vor allem, so befand ZKM-Vorstand Peter Weibel in seiner launigen Ansprache, „dass Musik ein Teil der Physik ist und nicht etwa Metaphysik, wie manche Kritiker glauben“. Da computergesteuerte Musik ebenso auf mathematischen Berechnungen beruhe, so resümierte Weibel außerdem, komme die Arbeit am ZKM dem griechischen Ideal der Musik sehr nahe.
Pythagoras und seine Zeitgenossen kamen nämlich zu der Erkenntnis, dass die Proportionen der Intervalle und die Proportionen der Planeten einander entsprechen.
Heutzutage geht es hingegen eher um die Beschaffenheit der Klänge und den entsprechenden Erkenntnissen. Die mit jeweils 8000 Euro dotierten Produktionspreise gingen an Valerio Murat (Italien), Panayiotis Kokoras (Griechenland), Francisco Colasanto (Argentinien) und Kee Yong Chong (Malaysia). Während sich Murat unter anderem mit Musik für Video oder Multimedia-Kunst beschäftigt und Klänge, Bilder und Bewegungen zusammenfließen lässt, steht bei Kokoras die Wahrnehmung akustischer Signale und deren Strukturierung auf der psychoakustischen Ebene im Mittelpunkt. Colasanto hingegen mischt alle Arten von Klang-Bruchstücken, und Kee Yong Chong vereint Instrumente des asiatischen Kulturraums mit westlichen Instrumenten und Live-Elektronik.
Den Hauptpreis für sein Lebenswerk (dotiert mit 15 000 Euro) erhielt der Franzose Jean-Claude Risset, und gewürdigt wurde er von einer prominenten Laudatorin: Nike Wagner, Leiterin des „Kunstfestes Weimar“, wies darauf hin, dass sich französische Komponisten von jeher durch ihr Interesse am Klang und damit auch an neuartigen Klängen auszeichneten, wie etwa Héctor Berlioz oder Claude Débussy, und sie betonte, dass sich bei Risset diese Tradition mit der „Neugierde eines Klangforschers“ verbinde. Risset beschäftigt sich vor allem mit den Möglichkeiten der Computer-Klangsynthese und der Nachahmung von realen Klängen. Sein Werk „Resonant Sound Spaces“, das beim anschließenden Preisträgerkonzert zu hören war, ist eine Klanglandschaft aus vertrautem Material, wie beispielsweise dem Glockenklang aus Edgard Varèses „Poème électronique“. Risset zerlegt die Klänge von Holz- und Blechbläsern und gezupften Saiten, er spielt mit ihnen und streut sie in „trügerischer“ (synthetischer) Form ein. Das alles ergibt ein Bild aus dumpfem Dröhnen oder und metallischem Säuseln, aus weichen Klangschlieren und hin geträufelten Zupfen, machmal gar aus impressionistisch anmutenden, fluoreszierenden Flächen: Ein buchstäbliches Klangbild, das beim Hören sichtbar in Farben und Bewegungen zerfällt. Ein weiterer Höhepunkt des Konzerts: Die perkussiven oder melodischen Klänge aus Sprech- und Singstimme ("ReVoiced"), die der Schwede Ake Parmerud (Produktionspreisträger 2008) zu einer dichten Satzstruktur zusammengefügt hat. Dazu reiste er rund um den Globus und fing die Sprache und die Gesänge verschiedenster Kulturkreise ein.
Die bereits erwähnte Verbindung zwischen hörbarer und sichtbarer Kunst wird am ZKM erstmals durch einen Preis gefördert, den der Kunstmäzen Walter Fink gestiftet hat und der mit 10 000 Euro dotiert ist: "Hyperthopsia" für Tanz, Musik, Licht und Raum ist eine Gemeinschaftsproduktion der Gestaltungskünstlerin rosalie, des Choreografen Humberto Teixeira und des Komponisten Matthias Ockert, uraufgeführt unter anderem mit Solistinnen und Solisten des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Das Stück beschreibt eine Interaktion zwischen Bewegung, Licht und Klang; die Gesten der Musik werden ausgelotet durch die Gesten der Tänzer und die fließenden, manchmal explosiven Lichtsignale - ein Abend, der die Grenzen zwischen den Künsten für einige Zeit aufhob.
(Fotos: ONUK)
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