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03.02.10
"Das deutsche Lied hat mich reich gemacht"
Bundesverdienstkreuz für die Karlsruher Professorin Mitsuko Shirai
Als Mitsuko Shirai im Jahr 1972 mit Hilfe eines Stipendiums nach Deutschland kam, da ahnte sie noch nicht, dass sie hier eine dauerhafte Heimat finden würde. Sie hatte gerade ihren Abschluss der Musashino Musikakademie Tokio in der Tasche; in Stuttgart sollte sie nun ihre Studien fortsetzen, lernte dabei innerhalb von nur drei Monaten Deutsch.
In den zurückliegenden Jahrzehnten hat sich die Japanerin - vor allem auch im Duo mit ihrem Ehemann Hartmut Höll – um die Gattung „Lied“ in beeindruckender Weise verdient gemacht. Sie hat nicht nur ein immenses Verzeichnis an Einspielungen vorgelegt, sondern hierbei auch Maßstäbe gesetzt: Ihre Interpretation von Schuberts „Winterreise“ wird beispielsweise von internationalen Kritikern zu den besten Aufnahmen überhaupt gerechnet.
Seit 1992 hat Mitsuko Shirai an der Musikhochschule Karlsruhe eine Professur für Liedgestaltung inne; nun wurde sie mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
Verszeilen von Theodor Fontane bringen es auf den Punkt: „Es kann die Ehre dieser Welt dir keine Ehre geben; was dich in Wahrheit hebt
und hält, muss in dir selber leben“.
Dies betonte auch Peter Frankenberg, Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, aus dessen Händen Mitsuko Shirai ihre Auszeichnung entgegennahm. „Mit Mitsuko Shirai ehren wir eine Ausnahmekünstlerin, deren ausdrucksvolle Interpretationen die Zuhörer verzaubert und dem deutschen Kunstlied neue Dimensionen gegeben haben.“
Für Europäer stellt sich indessen immer wieder die Frage, was asiatische Studierende überhaupt dazu bewegt, nach Europa aufzubrechen, um sich einer fremden Kultur zu widmen – und vor allem, welche Erfahrungen sie dabei machen. Auch Hartmut Höll, Rektor der Karlsruher Musikhochschule, fragt immer wieder nach; er reflektierte im Rahmen des Festkaktes über das Verhältnis eines Künstlers zu seiner Heimatkultur und über die Art und Weise, wie ihn dieses Verhältnis im Dialog mit der Kunst beeinflusst.
Für Menschen aus China sei eine gewisse Neugierde angesichts der Größe und Vielfalt des Heimatlandes geradezu selbstverständlich. Japaner hingegen müssten oft lernen, Raum zu gewinnen und zu beanspruchen, sich nicht aus Höflichkeit zurückzunehmen – diese Selbstständigkeit sei nur durch wachsendes eigenes Denken zu schaffen.
Ein solches Denken bringe schließlich auch einen geschärften Blick auf (Lied-) Interpretationen mit sich: „Diejenigen, deren Muttersprache Deutsch ist, denken oft vorschnell, sie verstünden alles“, weiß Hartmut Höll und schildert seine eigenen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit seiner Ehefrau: Es ergeben sich immer wieder „neue Sichtweisen auf das scheinbar Vertrautes, Fragen werden neu gestellt.“
Von diesem lebendigen Austausch mit der Musik profitieren auch zahlreiche junge Künstler; die Meisterklassen von Mitsuko Shirai und Hartmut Höll sind europaweit bekannt.
Als die sympathische Künstlerin dann selbst ans Rednerpult tritt, um sich für die Auszeichnung zu bedanken, da wird sie zunächst verlegen: „Singen ist viel leichter als reden“, bekennt sie lächelnd – und denkt man an die Mühelosigkeit, mit der sie auf den zuvor gehörten Tondokumenten Färbungen und Schattierungen hervorzaubert und dabei Sopran- wie Mezzo-Lage gleichermaßen bedienen kann, so möchte man ihr das sogar glauben.
„Ich habe Deutschland zu danken“, sagt Mitsuko Shirai am Ende sichtlich berührt. „Das deutsche Lied hat mich reich gemacht; ich hoffe, noch viel in meinem Leben für diese große Tradition arbeiten zu können“.
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