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26.03.10
"Ich möchte ein guter Student von Bach sein"
Ton Koopmans Rekonstruktion der Markus-Passion
Zum Bach-Jahr 2000 rekonstruierte der niederländische Musiker und Musikwissenschaftler Ton Koopman (einer der führenden Spezialisten für alte Musik) die verschollene Markus-Passion. Am Karfreitag wird das Werk unter der Leitung von Kantor Christian-Markus Raiser in der Evangelischen Stadtkirche Karlsruhe aufgeführt; vorab reiste Koopman persönlich zum Einführungsvortrag an.
Am späten Abend musste er bereits wieder zurück zu einer Probe nach Köln. Doch Ton Koopman, der schon vor zwei Jahren im Rahmen des Orgelsommers an der Evangelischen Stadtkirche gastierte, ließ es sich nicht nehmen, im Gemeindehaus persönlich seine Arbeit an der Markus-Passion zu erläutern, und diese bietet im Gegensatz zu an-
deren Rekonstruktionsversuchen
eine völlig neue Sichtweise.
1731 wurde die Passion in Leipzig uraufgeführt; doch heute existiert lediglich noch das Textbuch von Christian Friedrich Henrici, der unter dem Pseudonym "Picander" schrieb. Über das Verschwinden findet man widersprüchliche Angaben: Einige Quellen berichten, dass man in der Thomaskirche eine Kopie des Autographen aufbewahrt habe, die jedoch beim Luftangriff 1945 vernichtet wurde. Berücksichtigt man hingegen die Tatsache, dass es bereits im späten 19. Jahrhundert die ersten Überlegungen zu einem Rekonstruktionsversuch gab, erscheint dies zweifelhaft.
Forschungsergebnissen zufolge ist die Passion ein sogenanntes Parodiewerk - Bach griff hierbei also auf eigene Werke zurück. Die Rekonstrukteure wurden unter anderem bei der Kantate BWV 198 ("Trauerode") fündig, die der Thomaskantor zum Tod der Kurfürstin Christiane Eberhardine von Sachsen (1727) schrieb. Man ging bisher davon aus, dass dieses Werk für die Rahmenchöre und einige Arien als Grundlage diente - zumal das gleiche Textmetrum darauf einen Hinweis gibt: "Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl" heißt es in der Ode, und in der Markuspassion liest man: "Geh, Jesu, geh zu deiner Pein". Für Koopman war dies allerdings kein schlagender Beweis - viel entscheidender war für ihn die musikalische Atmosphäre, die beispielsweise beim Schlusschor nicht zu passen schien.
Maßgebend ist aber noch etwas anderes: Der Text der Trauerode stammt von einem renommierten Dichter, dem Schriftsteller und Literaturtheoretiker Johann Christoph Gottsched. Picander hingegen hatte die Beamtenlaufbahn eingeschlagen und dichtete gewissermaßen im Nebenberuf. Picanders Texte nun unter eine Musik zu legen, die ursprünglich zur Gottsched-Dichtung geschrieben wurde, hieße gewissermaßen den Meister vom Sockel zu stoßen - so, als bekäme eine geistliche Kantate plötzlich ein weltliches Gewand (Parodien waren nur auf umgekehrtem Weg möglich).
So suchte Koopman Arien und Chöre jenseits der Trauerode - und fand "hervorragende Alternativen": Den Eingangschor beispielsweise entnahm er der frühen Kantate "Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe" (BWV 25). Doch für die Rezitative gab es keine Musik aus Bachs Feder, denn diese wurden gewöhnlich neu komponiert, da sie eng an den Text gebunden waren.
So ließen andere Rekonstrukteure die Rezitative entweder unvertont, oder sie griffen beispielsweise auf die Markus-Passion von Reinhard Keiser zurück, die Bach immerhin kannte, da er sie dreimal aufführte und zu diesem Zweck auch selbst arrangiert hat. Doch Koopman, selbst ein erfahrener Cembalist und Organist, komponierte die Rezitative selbst - "im Stile Bachs". Dabei wollte er vor allem ein guter Student sein, erzählt er, "denn als Student hat man eine Chance, und zudem guckt einem der Meister nicht mit dem Rotstift über die Schulter".
Doch obwohl Koopman in seinem Leben unzählige Bach-Rezitative gespielt hat, stellte ihn die Aufgabe auch vor gewisse Hürden: Zwar seien die Harmonien kein Problem, doch es sei schwierig gewesen, die Texte unter einen musikalischen Bogen zu bringen; er selbst habe jedoch "viel dabei gelernt".
Dennoch bietet das Werk damit eine gewisse Geschlossenheit, und dies ist auch der Grund, weshalb man sich in Karlsruhe für die Koopman-Version der Markus-Passion entschied.
(Aufführung: Karfreitag, 2. April, 17 Uhr, Evangelische Stadtkirche Karlsruhe).
CD-Tipp: Johann Sebastian Bach, "Markus-Passion" (von Ton Koopman); u.a. mit dem Amsterdamer Barock-Orchester und -chor, erschienen bei "Erato".


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