01.04.10
Protagonist ist der Regenwald
Internationales Musiktheater-Projekt über Amazonien gemeinsam mit dem ZKM/ Uraufführung auf der Biennale München

Von Christine Gehringer

Von der Entwicklung des tropischen Regenwaldes hängt das künftige Weltklima ab: Täglich fallen große Flächen im Amazonas-Gebiet der Brandrodung für Viehzucht, Energie- und Rohstoffgewinnung zum Opfer. Dieses globale Thema ist Kernstück des Projektes "Amazonas - Musiktheater in drei Teilen" - ein Gesamtkunstwerk, das Elemente der Oper, Medienkunst, Technologie und Wissenschaft miteinander verbindet.
Welt-Premiere hat das ambitionierte Projekt, an dem auch des ZKM in Karlsruhe beteiligt ist, am 8. Mai im Rahmen der Münchener Biennale (Internationales Festival für neues Musiktheater).



Yanomami-Behausung im Amazonas-GebietDer Regenwald wurde einst von Omama, dem Schöpfer der Welt, an das Volk der Yanomami-Indiander übergeben, damit diese es über die Generationen hinweg besiedeln und beschützen. Sie tun es mit Hilfe von Geister-Bildern, die von Schamanen zum Tanzen gebracht werden, um die Heilkräfte wachzurufen und die Ordnung der Welt zu bewahren.
Für die Yanomami, eine Sprach- und Kulturgemeischaft im Norden Amazoniens, ist der Regenwald ein lebendiges Wesen - und ein Ort des Austauschs zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Existenzen.
Für die Vertreter der westlich-europäischen Kultur hingegen ist das Amazonas-Gebiet bestenfalls ein Forschungsobjekt, interessant aufgrund seiner Artenvielfalt - ansonsten aber auch ein Ort der Ausbeutung: Gegen Ende der achziger Jahre drangen etwa 40 000 Goldschürfer in diesen Lebensraum ein, und innerhalb weniger Jahre starben 10 bis 15% der Yanomami durch Krankheit und Gewalt.
Heute leben etwa 33 000 Yanomami im Grenzgebiet zwischen Venezuela und Brasilien. Sie sind gleichberechtigte Partner im Amazonas-Musiktheater, dessen Dramaturgie in der Zusammenarbeit mit Komponisten, Medienkünstlern, Soziologen und Anthropologen erarbeitet wurde.
Es sei "das aufwändigste und komplexeste Projekt in der Geschichte der Münchener Biennale", so erklärt Peter Ruzicka, der Leiter des Festivals, das vor 22 Jahren von Hans Werner Henze ins Leben gerufen wurde.

"Amazonas Musiktheater" - Probe am ZKMPeter Weibel, Vorstand des ZKM Karlsruhe, entwarf das Konzept für den dritten von insgesamt drei Teilen: Nach der europäischen und der indianischen Perspektive gibt es einen "Blick in die Zukunft", mit einem Konferenztisch im Mittelpunkt: "In der Oper spielen von jeher zwischenmenschliche Beziehungen die Hauptrolle. Es kommt auch zu der für die Oper üblichen Debatte - nur debattieren keine Liebhaber, sondern Ökonomen, Wissenschaftler, Politiker und Schamanen."
Die Bühne - mit Hilfe des Instituts für Bildmedien (ZKM) in Szene gesetzt - wird zur Lichtskulptur; ein "Klangdom" mit 24 Lautsprechern nimmt den den Zuschauer mitten hinein ins Geschehen und löst die frontale Situation auf.

Das Projekt ist eine Koproduktion zwischen dem Goethe-Institut, der Münchener Biennale, des ZKM, des Sozial- und Kulturwerks des brasilianischen Handels Sao Paulo (SESC), der Hutukara Associacao (Interessenverband der Yanomami-Indiander) und - als Bindeglied zwischen Europa und Brasilien - des Teatro Nacional de Sao Carlos (Portugal).

Begleitend zum Projekt gibt es ein Vermittlungsprogramm, das Kindern und Jugendlichen die Situation des bedrohten Lebensraums nahebringen soll und ebenfalls Unterrichtsmaterialien bereitstellt. (weitere Informationen unter der Rubrik "Campus" auf der Website www.amazonas-musiktheater.org)



Hörbeitrag (MP3)
von Christine Gehringer:

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