|
|
|
|
  |
11.04.10
Ein "Mal-Ort" für kindliche Phantasien
Zum Gesamtkonzept des "Integralen Spiel-Raums der Künste" in Karlsruhe/ Vortrag des Kunstforschers Arno Stern
Von Christine Gehringer
1946 Jahren schuf der Kunstpädagoge Arno Stern in Paris den "Malort" - gewissermaßen einen Schutzraum für kindliche Entfaltung, abseits der Alltagseinflüsse.
Nun gibt es auch in Karlsruhe einen solchen "Malort": Er ist Teil des Gesamtkonzeptes "Integraler Spiel-Raum der Künste". Nach diesem Konzept wird beispielsweise an der Streicherakademie "diapason" gelehrt: Nicht die Leistung steht dabei zunächst im Vordergrund, sondern das Wecken der kindlichen Neugierde, das Schärfen der Sinne.
Zur Eröffnung des Karlsruher "Malorts" hielt Arno Stern im Kongresszentrum einen Vortrag über seine langjährige (Forschungs-)arbeit.
Nicht nur in allen Dingen, sondern auch in allen Kindern schläft ein Lied - und es wartet nur darauf, behutsam geweckt zu werden. Dieser Meinung ist die Musik-
pädagogin Ute Frenzel: Die Initiatorin des "Integra-
len Spiel-Raums der Künste" entwickelte ein ganzheitliches Bildungskonzept, welches zunächst das Spiel und die Freu- de am Schönen wecken möchte. Denn der künstlerische Lern-
prozess soll von Entdeckungs-
freude geprägt, die Aufmerk-
samkeit dabei nach außen und nach innen gerichtet sein: Dann entsteht die Geistesgegenwart, die ein Musiker zur Ausübung seiner Kunst braucht.
Eine weitere Facette dieses Konzepts ist der "Malort": Es ist kein Ort der Ausbildung, sondern einfach ein Raum, wo sich der Malende mit Pinsel und Farbe frei ausdrücken soll - ganz ohne Bewertung, ganz ohne künstlerische Anleitung.
In der gegenwärtigen Diskussion um Kunst - so betonte der Dirigent Wolfgang Gönnenwein in seinem Grußwort - gehe es nicht nur darum, junge Menschen für die Kultur zu begeistern. Vielmehr fördere die Kunst beim Menschen "Fähigkeiten, auf die Wirtschaft und Gesellschaft nicht verzichten können": nämlich Sensibilität und Kreativität.
Bürgermeister Wolfram Jäger hob dabei die in Deutschland flächendeckenden Kultureinrichtungen wie Chöre und Orchester hervor. Umrahmt wurde die Feierstunde von Schülerinnen der diapason-Akademie: Marie Schreer, Johanna Ell (Violinen), Anthea Thoma (Viola) und Dorothea Ell (Violoncello) spielten das "Allegro ma non troppo" aus Schuberts Streichquartett Nr. 8 mit einem warmen Klang und viel Feingespür für Phrasengestaltung. Selbstbewusst geigte anschließlich die kleine Maria Thomé (in Begleitung von Marie Schreer) Bachs Menuett G-Dur.
Der Malort ist eine Begegnung
mit dem Ursprünglichen, dem Unbewussten: Die Bilder sollen einfach fließen. Dafür ist keine besondere Begabung nötig, und der Betreuer ist auch kein Lehrmeister. Er ist vielmehr, so sagt Arno Stern, ein "Malspiel-Dienender". Am Malort gibt es ansonsten nur weiße Blätter, Pinsel, und einen Palettentisch.
Die Entwicklung des Malorts ist eng mit dem bewegten Leben
von Arno Stern verbunden: Nach
Hitlers Machtergreifung flieht die Familie nach Frankreich; über ein Schweizer Auffanglager führt Sterns Weg nach Paris. "Ohne Ausbildung, ohne Beziehungen stand ich da", erzählt er. Einige Jahre zuvor hatte er jedoch Abendkurse an einer Kunstgewerbeschule absolviert.
In Paris arbeitet Arno Stern ab 1946 in einem Heim für Kriegswaisen, die er beschäftigen soll, und er lässt sie malen: So entsteht der erste Malort. In den 50er Jahren richtet er im Pariser Stadtviertel St. Germain-des-Prés ein Atelier für Kinder ein; eine spätere Malstätte nennt er "closlieu" - geschlossener Ort. "Man muss dem äußerden Druck entgehen", sagt der inzwischen 85jährige, "um in die inneren Tiefen vorzudringen."
Stern beobachtet Ähnlichkeiten in der bildhaften Äußerung: Alle Kinder spielen mehr oder weniger mit den gleichen Elementen, den so genannten "Erstfiguren", die in den frühkindlichen Bildern immer wieder kehren. Stern widmet sich von da an der Forschung, und er beginnt nun auch, unter den Einheimischen fremder Kulturen - in noch "unverschulten" Gesellschaften - mit den Malorten zu experimentieren: in Guatemala und Neuguinea, in Äthiopien und Afghanistan. Überall findet er die gleichen Bild-Elemente.
1987 gründet er das "Institut de Recherche en Sémiologie de l'Expression" - das Forschungsinstitut für Ausdruckssemiologie.
Hinweis: Der "Malort" befindet sich in Karlsruhe, Mathystraße 28, und steht allen Generationen offen.
Am 17. April (ab 17 Uhr) und am 18. April (ab 11 Uhr) gibt es außerdem einen Tag der offenen Tür.


Die Hörbuchreihe zur klassischen Musik. Mit 150 Musikbeispielen von 70 Komponisten, vom Mittelalter bis zur Moderne.
zurück zur Hauptseite
zurück zu "Bericht"

|
|
|
|
|