06.05.10
Jenseits von Traditionen
Philippe Arlaud inszeniert Bizets "Carmen" im Festspielhaus Baden-Baden/ Rinat Shaham in der Titelrolle

Von Christine Gehringer
Rinat Shaham
In Rot-Schwarz kommt sie zum Pressegespräch; die langen dunklen Haare hat sie aus dem Gesicht frisiert, und beim beim Sprechen gestikuliert sie temperamentvoll. "Man kann mich nachts aufwecken, und ich bin Carmen", erklärt die israelische Mezzosopranistin Rinat Shaham, die derzeit weltweit mit dieser Partie herumgereicht wird - und auch wenn man ihr die Rolle nach den ersten Eindrücken ohne weiteres abnimmt, so dürften dies wahrscheinlich die einzigen Klischees sein, welche die junge Sängerin bei den Pfingstfestspielen in Baden-Baden bedient.
Denn Georges Bizets Opernklassiker, der zu den meistgespielten Werken rund um den Globus gehört, soll gründlich entschlackt werden: Fort mit den folkloristischen Nebenschauplätzen, fort mit allem, was beim Publikum den Eindruck verschärft, es handle sich bei der "Carmen" in erster Linie um eine Anhäufung schöner Melodien. "Davon kann ein Werk sehr leicht zerstört werden", erklärt der junge griechischstämmige Dirigent Teodor Currentzis, den Festspielhaus-Intendant Andreas Mölich-Zebhauser zu den "wichtigsten Entdeckungen der letzten Zeit" zählt.
Currentzis ist Chef des Opernhauses Novosibirsk, und für die Carmen-Aufführungen im Festspielhaus stehen ihm die von Thomas Hengelbrock gegründeten Balthasar-Neumann-Ensembles zur Seite. "Historische Instrumente schaffen Transparenz", sagt Currentzis, und er verweist dabei auf Details, "die ansonsten nie das Ohr des Publikums erreichen würden".
Die Herausforderung liegt in der Tradition dieses populären Werks, das gewissermaßen von allen Kulturen absorbiert worden ist. Diese Tradition muss man erst einmal hinter sich lassen, will man einen eigenen Zugang finden.
Für die szenische Umsetzung ist Philippe Arlaud zuständig, der in Baden-Baden bereits Verdis "Rigoletto" (2004) inszenierte. Erstmals in seiner Karriere bringt er nun die "Carmen" auf die Bühne - "nachdem ich diese Oper sicher 30 Mal gesehen und gehört habe". Nun möchte er die Essenz des Dramas zeigen; alles soll sich auf die handelnden Personen konzentrieren. Möglichst eng möchte Arlaud dabei an der literarischen Vorlage von Prosper Mérimée bleiben.

Nach Arlauds Lesart gibt es vier Welten in der Oper: Die Welt der Schmuggler, die sich eine parallele Ökonomie aufbauen - außerhalb einer dekadenten Gesellschaft, in der nichts mehr funktioniert. Daneben gibt es die Welt des Militärs und die Welt der Stierkämpfer; alle sind von Macht und Dominanz gekennzeichnet, und dann ist da noch die Welt des Lillas Pastia, in dessen Kneipe sich alle treffen.
Außerhalb dieser Welten steht Carmen, die - kompromisslos freiheitsliebend - nur an die Macht des Schicksals glaubt.
"Alle diese großen Gefühle wie Freiheit, Eifersucht, Liebe - sie werden erst groß durch die Musik", betont Arlaud, und dabei erwähnt er, dass er "extrem zufrieden" sei über die Zusammenarbeit mit Teodor Currentzis. Sein Dirigat sei sehr rhythmusbetont - das inspiriere ihn für die Regiearbeit: "Denn die Dramaturgie steckt im Rhythmus der Musik", so Arlaud - und dabei er verspricht Bilder, die in völlig neue Dimensionen vorstoßen sollen.

Von dieser Arbeit profitiert auch Rinat Shaham: Sie sei glücklich, mit "frischem Material" zu arbeiten - andernfalls nutze sich die Rolle sehr leicht ab, "wie eine lange Ehe".
"Ich kann auf diese Weise künstlerisch wachsen, denn auch ich möchte mich in vielfältiger Weise verwirklichen", lacht sie - "genau wie Carmen".
(Foto: Devon Cass)

(Aufführungen: Samstag, 22. Mai, 19 Uhr; Montag, 24. Mai, 18 Uhr, Mittwoch, 26. Mai, 20 Uhr)
Das weitere Programm der Pfingstfestspiele entnehmen Sie bitte der Website des Festspielhauses unter dem neben stehenden Link





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