28.05.10
Der singende Chopin
Zum Chopin-Symposium an der Internationalen Akademie für musikalische Bildung in Karlsruhe

Von Christine Gehringer

Die Musik von Frédéric Chopin hat eine verinnerlichte Virtuosität. Vordergründig sind hingegen melodiöse, gesangliche Linien, denn Chopins Kunst ist vom Belcanto beeinflusst: Er war ein großer Bewunderer der italienischen Opernkomponisten Vincenzo Bellini und Gioacchino Rossini.
Das Klavierspiel, das sich an der menschlichen Stimme orientiert - das war der Schwerpunkt eines Symposiums zum 200. Geburtstag des Komponisten an der "Internationalen Akademie für musikalische Bildung" in Karlsruhe. Referent war der Londoner Pianist und Klavierpädagoge Peter Feuchtwanger, der weltweit zahlreiche Meisterkurse gibt und Gastprofessuren u.a. in Basel und Salzburg innehatte.



Peter Feuchtwanger, Workshop ander Internationalen Akademie für musikalische Bildung"Belcanto auf einem Schlaginstrument" - mit diesem scheinbaren Widerspruch eröffnet Feuchtwanger das Symposium, doch genau das trifft Chopins Kunst, wenn nicht sogar die Kunst des Klavierspiels überhaupt. Denn der Ton des Klaviers kann nicht moduliert werden wie eine Stimme, man kann ihn weder an- noch abschwellen lassen, und ein Legato oder gar ein Wechsel in der Klangfarbe scheint äußerst schwierig. All das kann man nur durch eine spezielle Anschlagstechnik erreichen, wobei man die Töne so gewichtet, dass eine bruchlose Linie entsteht - sowie bei bei einem guten Sänger die Verbindung von Kopf- und Brustregister nahtlos ist.

Eine der schönsten Gesänge hält der erste Satz der h-moll-Sonate im zweiten Thema bereit; eine eine wunderbare lyrische Arie entfaltet sich da, und man fühlt sich direkt an die italienische Oper erinnert.

Bei der Gestaltung von Klangfarben oder der Gewichtung von Tönen kommt es vor allem darauf an, den einzelnen Ton vorauszuhören: "Für einen Sänger ist das selbstverständlich - doch nur wenige Pianisten machen davon Gebrauch", erzählt Peter Feuchtwanger, "wir Pianisten sind hörfaul geworden, weil wir den Ton fertig auf der Tastatur haben".
Dabei gilt auch für das Klavier: Ton ist keineswegs gleich Ton, ein Leitton sollte höher klingen als dieselbe Note innerhalb einer absteigenden Linie, und eine Quinte hat eine andere Spannung als eine Septime.

Im anschließenden Workshop setzen ausgebildetete Pianisten diesen Anspruch in die Tat um: Auf dem Programm steht zunächst die Ballade g-moll, und die Kunst, eine spannungsvolle Linie aufzubauen, demonstriert Peter Feuchtwanger an der Achtel-Bewegung der Largo-Einleitung.
"Was hören Sie jetzt?" fragt er den Kursteilnehmer, "hören Sie die Obertöne"?
Peter Feuchtwanger möchte das Ohr der Pianisten schärfen, für Farben, für Helligkeit, für Trübungen. Er ist überzeugt: Nur, wenn ein Pianist eine klare Tonvorstellung hat und die Phrase vorbereitet wie ein Sänger, kann er mit differenziertem Anschlag die Brillanz eines Tones hervorheben oder ihn bei Bedarf abdunkeln.

"Bereiten Sie Ihren Einsatz nicht vor," rät er außerdem - und das bedeutet, dass auch der Pianist seinen ersten Ton so setzen sollte, wie ihn der Sänger auf einen ruhigen Atemfluss setzt.
"Ich höre die Spannung der Quarte nicht" bemerkt der Pädagoge weiter. Stets geht es ihm um einen natürlichen Ausdruck, um eine Agogik, die bereits fertig in den Noten liegt - und nicht um eine "gemachte", aufgesetzte Dramatik. Die Hand sollte dabei von alleine in die entsprechende Position gleiten; nicht zu unterschätzen sind deshalb die richtigen Fingersätze. Gerade dies ist Feuchtwanger wichtig - er weiß, wovon er spricht, denn in seine Kurse kommen stets auch Pianisten mit physischen Schäden wie Entzündungen oder Verkürzungen der Sehnen, die sich die Musiker durch einseitige Belastungen beim Spiel zugezogen haben.

Ein hoher Ton, der weiter führt, sollte nicht dynamisch, sondern agogisch gewichtet werden, und geradezu akribisch achtet Feuchtwanger darauf, dass die Teilnehmer nicht zu laut spielen.
Anschließend setzt sich eine Teilnehmerin mit der ganzen Ballade auseinander; Feuchtwanger hört zu, er unterbricht nicht. Die Schwierigkeiten des Werks sind im Spiel der jungen Pianistin deutlich hörbar, doch es genügen einige gezielte Hinweise Feuchtwangers, ein geschärfter Blick für das Wesentliche - und ihr Spiel entspannt sich zusehends. Allmählich werden die Läufe runder, die Klangbalance ausgeglichener, und wo vorher Töne weggeblieben oder aus der Linie herausgefallen sind, da hört man nun feine Schattierungen innerhalb eines großen (Atem-)Bogens.
Klavierspiel und Gesang - bei Chopin sind sich beide wohl am nächsten.





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