25.05.11
Die Kraft hinter der Innovation
Der ehemalige Klavierprofessor Günter Reinhold auf dem "Mnemetischen Sofa"

Von Christine Gehringer

Parkbank in GrenobleManchmal sorgt eine Parkbank für ein Schlüsselerlebnis. Zum Beispiel beim französischen Komponisten Olivier Messiaen: Der saß in seiner Jugend einmal mit einem Bündel Noten auf einer solchen Bank - und während er die Musik studierte, begann er plötzlich, das Werk innerlich zu hören, bis ins kleinste Detail. Damit war seine berufliche Laufbahn besiegelt.

Nicht auf einer Parkbank, sondern auf einem "mnemetischen Sofa" - in den Räumen der Internationalen Akademie für musikalische Bildung - nahm nun Günter Reinhold Platz. Der ehemalige Professor für Klavier an der Musikhochschule Karlsruhe war einst Schüler von Messiaen und seiner Frau Yvonne Loriod; die Akademie hatte er 2003 mit vier Kollegen und vier Schülerinnen ins Leben gerufen - mit dem Ziel, sich der Musik jenseits von Hochschul-Lehrplänen zu nähern.

Seit Jahren beschäftigt sich der Autor und Dramaturg Klaus Fehling mit der Frage, was Menschen zu innovativen Leistungen antreibt; welche Kräfte, Einflüsse und Wendepunkte dahinterstecken. Und so bittet er immer wieder visionäre Menschen zu sich auf eben dieses "mnemetische Sofa" ("Memetik" für die Vorstellung von einer "Genetik der Ideen" und "Mneme" für "Gedächtnis").
Diese Gesprächsreihe soll nun künftig auch das Angebot der Akademie für musikalische Bildung regelmäßig bereichern.

Klaus Fehling mit Günter Reinhold auf dem "mnemetischen Sofa" Am Format darf ruhig noch ein wenig gefeilt werden; manches an diesem Gespräch wirkte improvisiert, unausgereift. Doch was Günter Reinhold zu erzählen hatte, war lebendig und kurzweilig: Episoden aus einem offensichtlich reichen Musikerleben. "Alle Dinge, die mir entgegen gekommen sind, habe ich geprüft nach dem Grad des Interesses", fasst er die entscheidenden Stationen seiner Laufbahn zusammen, und man erfährt, dass er als junger Klavierschüler nicht gerade mit Begeisterung übte (die Klassenvorspiele absolvierte er offenbar dennoch als einer der Besten). Doch irgendwann, nach einem solchen Vorspiel, packte ihn plötzlich ein inneres Feuer; ein Jahr später spielte er Schumanns Fantasie C-Dur, "die mir eigentlich heute noch zu schwer ist", wie er demütig einräumt.
Ein Kritiker bescheinigte Reinhold zudem, er werde hart arbeiten müssen, wenn er Pianist werden wolle - wozu er jedoch fraglos befähigt sei.

In Reinholds Künstlerleben schien es immer jemanden zu geben, der gerade am Wegrand stand, um für die entscheidenden Impulse zu sorgen. Bei Ivonne Loriod meldete er sich als Gasthörer zu einem Meisterkurs an; da die Pianistin jedoch mit ihren Schülern in solch einem rasanten Tempo vorging, dass bald sämtliches Repertoire erschöpft war, wurden schließlich auch die Gäste gebeten, etwas vorzutragen - unter anderem Günter Reinhold. Von da an war Yvonne Loriod Lehrerin und Mentorin zugleich für den jungen Pianisten.
Doch Reinhold war beseelt von dem Wunsch, auch von Olivier Messiaen und Alfred Cortot lernen zu dürfen. Auf Umwegen gelang es ihm: Während eines Stipendiums in Paris, an den "Ondes Martentot" (einem elektronischen Tasteninstrument), erhielt er die entscheidenden Kontakte.

"Ich möchte Musik verstehen und darstellen" - so lautet Reinholds Credo. Doch als er selbst als Professor mit jungen Pianisten arbeitet, da empfindet er den Hochschul-Alltag diesbezüglich als zu einseitig. Bestätigt sieht er sich indessen in den Worten Hanns Eislers: "Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch davon nichts".
Reinhold selbst ist dagegen auch von Fächern geprägt, die mit Musik scheinbar nichts zu tun haben - beispielsweise der Kunst und der Philosophie. Einen Gleichgesinnten findet er unter anderem im 2007 verstorbenen Peter-Michael Riehm (lesen Sie dazu auch diesen Beitrag), und seitdem bietet die Akademie ein reiches Angebot im Sinne einer umfassenden musikalischen Bildung: Meisterkurse, Pädagogik-Seminare, Schauspiel - und Musikunterricht - und zwar für Kinder, Erwachsene, Anfänger und ausgebildete Musiker.

Günter Reinhold erzählt, er selbst werde dabei jedes Jahr ein bisschen besser: "Früher dachte ich: Jeder Tag, an dem mein Schüler nichts lernt, ist verloren. Heute denke ich: Jeder Tag an dem ich nichts lerne, ist verloren".
(Fotos: Parkbank in Grenoble, Quelle: Internationale Akademie für musikalische Bildung; Klaus Fehling und Günter Reinhold auf dem "Mnemetischen Sofa")


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