22.06.11
Die Pauke wird zum Tastbildschirm
Momentaufnahmen vom Festival "next_generation 4.0"

Von Christine Gehringer

Seit 2005 treffen sich junge Komponistinnen, Komponisten und Dozenten verschiedener elektronischer Hochschulstudios im zweijährigen Rhythmus am ZKM in Karlsruhe, um sich im Rahmen des mehrtätigen Festivals "next_generation" (Festival für elektronische Musik) beispielsweise in Symposien auszutauschen: über moderne Kommunikation, über multimediale Komposition oder technische Neuerungen in der elektronischen Musik . Zu diesem Zweck hat das Institut für Musik und Akustik am ZKM ein IMA Blog als Diskussionsforum eingerichtet.
Daneben präsentierten die Komponisten ihre Werke als Klanginstallationen oder innerhalb umfangreicher Konzertprogramme. Rund 20 Hochschul-Studios aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren diesmal am Festival beteiligt.



Was ist ein Ikosaederlautsprecher?
Normalerweise kann man als Konzertbesucher im Bereich elektroakustischer Musik mit technischen Details wenig anfangen - doch manchmal lohnt es sich, zweimal hinzugucken.
Als das Studio der Hochschule Graz seine Werke präsentiert, steht mitten auf der Bühne ein Lautsprecher in Form eines Ikosaeders, also eines Körpers mit einer Fläche aus zwanzig gleichseitigen Dreiecken.
Ein Objekt, "das einem menschlichen Ausführenden nicht unähnlich ist" und das seine Umgebung akustisch ausleuchtet, heißt es im Programmheft. Und tatsächlich: Es sind Klänge, die nach verschiedenen Richtungen abstrahlen; ein räumliches Hören, das anders ist, als man es normalerweise von Klanginstallationen kennt, bei denen die Lautsprecher meist um das Publikum herum platziert sind.
Alles ist zunächst auf einen Punkt ausgerichtet; von dort aus flirrt ein heller Schimmer in den Saal hinein, der hintere Bühnenraum wird mit dumpfen Tropfgeräuschen beschallt. Fast wirkt es, als bildeten die Klänge eine Bühnenkulisse.

Werke für Zuspielung gehören zu den Standards solcher Konzerte; ein recht originelles Hörbild kommt von Neele Hülcker (Dresden): Schon der Titel "Sie sind ja ein richtiges kleines junges Fräulein" deutet auf ein Klischee hin und macht neugierig. Klänge aus Filmsequenzen und Literaturvertonungen sind das Grundmaterial dieser Collage - Klänge, welche die Komponistin als "kitschig" empfindet.
Dieser "Kitsch" sorgt dafür, dass man als Hörer immer wieder auf vertraute Klangmuster stößt.
Windgeräusche, Schritte, ein Quietschen der Tür: Ein Hauch von "Miss Marple" zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Hörbild, mal taucht ein Schluchzen auf, mal sind es schwülstige Liebeserklärungen; sie vergehen genau in dem Moment, wo man glaubt, das Original zu erkennen. Mit dichten Überblendungen beschleunigt sich allmählich der Puls dieses Werks; "Augen", "Augenblick" schreit es theatralisch und läuft natürlich nur auf einen Höhepunkt hinaus: auf einen überschwänglichen Heiratsantrag. "Nein", sagt die Umworbene beiläufig, aus dem Publikum kommen Lacher; dieses Stück hat Komik und Ironie, wie man es bei derartigen Werken selten erlebt.

Ein elektroakustisches Musikinstrument hat Jacob Sello (Hamburg) entwickelt, und zwar nach "monatelanger Experimentier-, Bastel- und Programmierphase", erklärt der Komponiste um Programmhefttext.
Das Trommelfell einer Kesselpauke, also eines herkömmlichen Orchesterinstruments, wird hier zu einem interaktiven "Touchscreen" (Fotos) ; spielt man darauf, so sind nicht nur Klänge zu hören, sondern es ist außerdem möglich, ein komplettes Beleuchtungssystem zu bedienen, das in eine interaktive Performance (Stefan Weinzierl) integriert wird.
"Licht und Hiebe für Hexenkessel" heißt das Stück, bei dem das (virtuelle) Trommelfell der Pauke zunächst als Zifferblatt auf einer Leinwand zu sehen ist; im Hintergrund hört man das Ticken einer Uhr. Streift der Schlägel das Fell, so verschwimmen die Konturen, als tauche man das Instrument in Wasser - diese Wellenbewegungen simulieren die Schwingungen der Membran. Ein glitzernder Klangschweif begleitet die Bewegung - so, als sei dieser Schlägel ein Zauberstab.
Das Werk steigert sich bis zur völligen Reizüberflutung - blaues und pinkfarbenes Licht überschwemmen die Szene; erhitzte, völlig elektrisierte Klänge kommen aus dem Lautsprecher - ein echter Hexenkessel.



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