24.06.11
Lichtsignal als Interpret
Institut für Musikwissenschaft und Musikinformatik präsentierte neue Studienprojekte

Von Christine Gehringer

"Musikwissenschaft" oder "Musikinformatik" - das klingt entweder nach trockener Forschungsarbeit oder nach computergenierten Klängen, die sich dem Hörer nicht so ohne weiteres erschließen.
Kleidet man dies aber in ein hübsches Wortspiel ("Wie Musik Wissen schafft"), welches zusätzlich noch auf einen praktischen Nutzen hinweist, so weckt man schon mehr Interesse: Unter diesem Motto präsentierte das "Institut für Musikwissenschaft und Musikinformatik" an der Musikhochschule Karlsruhe nun Studienprojekte, die gerade in Arbeit oder bereits abgeschlossen sind.


Mit der Entwicklung von neuartigen (virtuellen) Musikinstrumenten setzen sich David Hofmann und Vincent Wikström auseinander, ein zentrales Thema ist dabei die Benutzerschnittstelle - also jenes Bedienelement, das die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine erst ermöglicht. Die beiden Studenten präsentieren eine 3-D-Maus, mit deren Hilfe man virtuelle Objekte berühren und manipulieren, ja, sie überhaupt erst "dingfest" machen kann. An der Maus ist an einem drehbaren Arm ein Stift befestigt; bewegt man diesen Stift auf und ab, so scheint er die unsichtbare Membran einer Pauke zu berühren. Je nachdem, wie man die 3-D-Maus verändert, variieren Frequenz und Stimmung des Instruments.
Sebastian Emling zeigt hingegen, wie ein Lichtsignal in die Rolle eines Interpreten oder Dirigenten schlüpfen kann: An einem von Motoren betriebenen Pendel ist eine Leuchtdiode befestigt; das Lichtsignal löst nicht nur Klänge aus, sondern zusätzlich reguliert die Lichtintensität auch deren Lautstärke und Frequenz. Die Idee dahinter: Ein Stück zu schreiben, dass unendlich lange klingt, ohne dass sich auch nur ein einziges Klangereignis wiederholt.
Schließlich setzen sich Benjamin Graf und Dominik Kleinknecht in ihrer Klanginstallation anlässlich einer Kunstausstellung mit dem Thema "Lass uns blau machen", konkret: mit der Farbe Blau auseinander; das reicht vom plakativen Meeresrauschen bis hin zum "Blues".

Laptopensemble Musikhochschule KarlsruheEin Instrument, das eine computergestützte Interpretations-Analyse ermöglicht, stellt Tobias Pfleger vor: Der Klang wird visualisiert und in einzelne Parameter aufgespalten; vom Tempo bis hin zum Portamento wird alles erfasst - das ermöglicht eine objektive Interpretationsforschung (denn das menschliche Ohr neigt dazu, sich Dinge zurecht zu hören).
Auch die Entwicklung von Computerspielen gehört zum Arbeitsbereich des Instituts für Musikinformatik. Esther Alzate Romero geht der Frage nach, wie sich Individuen in der globalisierten Welt zurechtfinden und wie Stress entsteht, wenn vom Menschen ständige Flexibilität und Erreichbarkeit eingefordert wird. Diesem Stress, so erläutert die Studentin, könne man durch die bewusste Entscheidung begegnen, nicht alle Erwartungen erfüllen zu müssen und sich stattdessen öfter auf Entspannung zu konzentrieren.
In ihrem Computerspiel "you choose" befinden sich hinter einzelnen Türen bestimmte Situationen, die frei wählbar sind - erst im weiteren Verlauf kann der Spieler diese Situationen nicht mehr wählen; er kann nicht mehr selbst steuern, was mit ihm passiert.

Elisabeth Loeser, Studentin der Musikwissenschaft, hat die Arbeit am Institut für Musiktheater kennen gelernt und dabei fest gestellt, dass sich die Arbeitsweise gar nicht so sehr von der Arbeit an einer professionellen Bühne (die Studentin absolvierte ein Praktikum an der Staatsoper Hannover) unterscheidet. Sie verfolgte die Regiearbeit, beschäftigte sich mit dem Stoff und der Werkgeschichte der jeweiligen Musiktheaterproduktionen und bemerkte anerkennend, dass die jungen Sängerinnen und Sänger trotz ihres Arbeitspensums bei den Proben "immer auf den Punkt da sind".
Thomas Seedorf, Professor für Musikwissenschaft und Moderator der Veranstaltung, wies zudem darauf hin, dass der Austausch mit den Künstlern einen entscheidenden Unterschied zwischen einem wissenschaftlichen Studium an einer Musikhochschule und dem Studium an einer Universität ausmache.

Zuletzt stellte das Laptop-Ensemble "Benoit and the Mandelbrots" (benannt nach dem französischen Mathematiker Benoit Mandelbrot) einen Film-Trailer vor: Das Ensemble hatte vor kurzem in der Karlsruher Schauburg Fritz Langs "Dr. Marbuse, der Spieler" (Teil 2) mit einem Live-Soundtrack unterlegt. Das war insofern eine besondere Herausforderung, als das Ensemble die Klänge normalerweise in Echtzeit programmiert, was zu zeitlichen Verzögerungen zwischen der Programmierung und dem Klangereignis führt. In den Proben wurden deshalb bestimmte klangliche Ereignisse festgelegt, der improvisierte Charakter blieb jedoch erhalten. Vor allem aber ist wichtig: Die Musik lässt den Zuhörer schaudern, sie ist spannend wie ein Krimi.
(Foto: Musikhochschule Karlsruhe, Laptopensemble)


Hinweis: Einige Projekte werden nochmals bei der "ton:art-expo" (15. bis 25. August) vorgestellt; das Laptop-Ensemble "Benoit and the Mandelbrots" ist außerdem beim Musikfest "Music to go" am 9. Juli zu hören.



zurück zur Hauptseite

zurück zu "Bericht"



Links zum Thema

Musikhochschule Karlsruhe

tonart:expo


Qualitätsjournalismus hat seinen Preis.
Zeigen Sie, was er Ihnen wert ist!
So unterstützen Sie PAMINA Magazin

© Pamina Magazin, Redaktion, Impressum