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12.10.11
Mit "musischem Denken" gegen Missstände
Stéphane Hessel hielt "Karlsruher Rede" zur Eröffnung des Wintersemesters an der Musikhochschule
Von Christine Gehringer
Er wirkt nicht wie einer, der sich schnell empört. Eine zurückhaltende, feine Art hat dieser 94jährige Herr, der da ans Redner-Pult tritt; er wählt seine Worte mit Bedacht, er spricht behutsam, betont mit Nachdruck, strahlt Zuversicht und eine große Gelassenheit aus. Und dennoch hat Stéphane Hessel - Weltreisender in Sachen Menschenrechte und spätestens seit seiner Streitschrift "Empört Euch!" einer größeren Öffentlichkeit bekannt - in seinem Leben mehr bewirkt als jene eifernden Zeitgenossen, die sich nur allzu gerne einer schnellen und bequemen Empörung hingeben.
Der Franzose mit den deutsch-polnisch-jüdischen Wurzeln, der durch einen Zufall die Haft im Konzentrationslager Buchenwald überlebte und nach dem Zweiten Weltkrieg als Sekretär der UN-Menschenrechtskommission arbeitete - er hielt mit seinen "Ausblicken auf das 21. Jahrhundert" eine der beeindruckendsten Karlsruher Reden, die an der Musikhochschule in jüngster Zeit zu hören waren. Denn Stéphane Hessel gehört zu jenen wenigen Persönlichkeiten, die aus dem Reichtum ihrer Erfahrung schöpfen können, wenn es darum geht, andere Menschen zu Veränderungen zu ermutigen - weil mit Idealismus und Geduld (das zeigen die gewaltigen Umbrüche des 20. Jahrhunderts) große Veränderungen tatsächlich möglich sind.
Die heutige Generation, so befindet der Résistance-Kämpfer Hessel, habe wunderbare Möglichkeiten. Einerseits durch die technische Vernetzung, die vereinfachte Kommunikation - andererseits durch die Chance, mit Menschen anderer Kulturen gemeinsam zu studieren, zu arbeiten, und dabei (wie etwa an der Musikhochschule Karlsruhe) über die Kunst zusammenzufinden. Damit wird Hessel unter anderem auch Michaela Dickgießer aus der Seele gesprochen haben: Die Vorsitzende des Hochschulrates wies in ihrem Grußwort erneut darauf hin, wie wichtig der große Campus sei, der bald sämtliche Studierende zusammenbringt und damit "neue Räume für neue Ideen" schafft. Was die technische Vernetzung angeht, handelt die Karlsruher Musikhochschule ebenfalls vorbildlich: Im noch jungen Studiengang "KulturMediaTechnologie" finden Musik und Neue Medien über sämtliche Hochschulgrenzen hinweg zueinander. Rektor Hartmut Höll wiederum ermutigte seine Studierenden, ihren eigenen Weg zu finden: Eine Persönlichkeitsbildung sei das Hochschul-Studium in erster Linie, weil eine Musiker-Laufbahn von der Einzigartigkeit eines Interpreten abhänge. In einer Zeit, so Höll, da Bildung vor allem in harter Münze berechnet werde, sei es "eine Aufgabe für uns alle, für diejenigen zu kämpfen, denen Musik eine Herzensneigung ist".
Dass sich dieser Einsatz lohnt, bewiesen prompt die Studierenden: Nicht nur, dass diese "Herzensneigung" dem klangschönen Spiel des Bläser-Ensembles beim Satz einer Mozart-Serenade in jeder Phrase anzumerken war. Nein, zusätzlich überreichte Bürgermeisterin Margret Mergen auch zwei Auszeichnungen: Sowohl der "Karlsruher Preis für Studierende an Karlsruher Hochschulen" als auch das mit 20 000 Euro dotierte "Karlsruher Kulturstipendium" gingen an die Musikhochschule: an Shinichi Minami (Schlagzeug) und an Gloria Campaner (Klavier). Nachdem Shinichi Minami seine Virtuosität in "Rebonds B pour Percussion solo" von Iannis Xenakis demonstriert hatte, war es einmal mehr ein Vergnügen, dem Spiel von Gloria Campaner zu lauschen - der Leichthändigkeit und gleichzeitig dem tiefem Empfinden in Chopins "Nocturne Es-Dur" und in der "Rigoletto-Paraphrase" von Franz Liszt.
Der Einsatz für andere, vor allem auch für die Lebensumstände anderer Menschen - das scheint auch den Studierenden ein Anliegen zu sein. So plädierte AStA-Vertreter Ilan Bendahan Bitton unter anderem für Produkte aus fairem Handel in der Mensa, und für hochwertige Lebensmittel, die wiederum den Studierenden zu Gute kämen.
Damit war der Boden bereitet für die Herzensneigung von Stéphane Hessel - für die Verbindung und das Zusammenwirken der Menschen, und für die Verringerung der Schere zwischen Reichtum (als einseitige Vorteilsnahme) und extremer Armut. Die Musik - so beginnt Hessel seine Rede - bringe den Menschen zur Ruhe, sie nehme allen Ehrgeiz, alle Kräfte des "Mehr-Wollens" für einen Augenblick von ihm hinweg. "Lehren und Lernen", so betont er, "das ist Erfahrungsaustausch, das ist das Schönste, das man sich wünschen kann". Man brauche mehr Respekt vor der Kunst, mahnt Hessel weiterhin, mehr Respekt vor aller Schöpfung; jeder Widerstand gegen Missstände berge seinerseits wiederum die Möglichkeit zu einer Neu-Schöpfung.
Eindringlich rief der "Ambassadeur de France" dazu auf, genau hinzusehen, wenn die Grundrechte des Menschen angegriffen würden; mehrmals wies er unter anderem auch auf die fatalen Kräfte der Finanzmärkte hin.
Er plädierte stattdessen für ein "musisches Denken" - denn im fruchtbaren musikalischen Zusammenwirken gebe es nur noch ein Miteinander, kein Gegeneinander. Und dann senkt er still den Kopf, holt sich "Hyperions Schicksalslied" von Friedrich Hölderlin ins Gedächtnis: Dichtung, so sagt Hessel, habe ihn stets durch manche schwere Zeit getragen.
Diese leidenschaftlich vorgetragenen Zeilen wirken nochmals wie eine Bekräftigung der "Karlsruher Rede". Im Saal ist man ergriffen; es gibt lange anhaltenden, stehenden Applaus.
(Foto: Gehringer)
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