15.11.11
Mitmach-Märchen und Instrumente zum Anfassen
Mehr als 150 Kinder und Jugendliche beim Kindermitmach-Orchester im Festspielhaus/ Kinderkonzert "Peter und der Wolf" mit Anke Engelke

Von Christine Gehringer

Samstagmorgen, kurz nach zehn Uhr in den Probenräumen des Festspielhauses Baden-Baden: Insgesamt etwa 150 Kinder und Jugendliche haben sich mit ihren Blockflöten, Geigen und Klarinetten, sogar mit Euphonium (einem Horn) und Ukulele in sechs verschiedenen Workshops zusammengefunden und probieren die ersten Töne. Bereits einen Tag später werden sie die Violin- oder Bratschenstimme aus Prokofiews "Peter und der Wolf" verstärken; dabei dürfen sie neben angehenden Profis (gemeinsam mit dem Orchester der Musikhochschule Karlsruhe) auf der Bühne sitzen.

Dieses "Kinder-Mitmach-Orchester" ist eine Kooperation zwischen der Karlsruher Musikhochschule und dem Festspielhaus. Der Stuttgarter Komponist Philipp Vandré schrieb die entsprechenden Arrangements dazu, und nun sorgen Studierende der Hochschule dafür, dass die jungen Musiker den rechten Schliff für die Bühne bekommen.
Aller Anfang ist ein wenig mühsam; zuerst müssen sich alle konzentrieren, die richtigen Töne treffen. Noch kann man sich nicht so richtig vorstellen, dass die Klänge, die einem hier entgegenschallen, am Ende den Auftritt von Peter, der Ente, der Katze oder des Wolfs begleiten sollen.
Ein junger Hornspieler sucht noch nach dem richtigen Ansatz. Doch er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: "Ich kann das", ruft er selbstbewusst, "ich muss mich nur erst einspielen".
Constanze, die Workshopleiterin, zeigt derweil einigen Mädchen, wie man ein Tremolo auf der Geige spielt. Dann wendet sie sich an eine Klarinettenspielerin: "Wenn dir das zu leicht ist, kannst du auch gerne eine andere Stimme probieren". Denn die Workshops sind nicht nach Anfängern und Fortgeschrittenen unterteilt, sondern nach den jeweiligen Aufgaben auf der Bühne; in jedem Workshop gibt es - je nach Niveau der Teilnehmer - verschiedene Stimmen mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden. "Es war uns sehr wichtig, die Anfänger gleich zu integrieren", erklärt Bildungsreferentin Heike Singer. Schließlich sollen die Kinder voneinander lernen.
Dies alles so zu organisieren, dass sich die Kinder rasch am richtigen Platz wiederfinden und die Workshops gut durchmischt sind - das war eine gewaltige logistische Aufgabe. "Wir haben zuvor eine große Telefonaktion gestartet," erzählt Heike Singer weiter. "Wir wollten wissen, wer wie lange welches Instrument spielt". So konnte man die Gruppen schon im Vorfeld grob einteilen, beispielsweise reine Bass-Instrumente oder Oberstimmen zusammenfassen.

Allmählich formen sich Harmonien aus dem anfänglich etwas diffusen Klangbild. Die Kinder wissen, worauf es ankommt: "Hier steht ein 'fis'", ruft ein Mädchen, "muss ich das am Ende der Zeile auch noch spielen?" "Nein", tönt es aus den eigenen Reihen, "wenn nichts dasteht, dann gilt das nur für einen Takt."

Doch auch für diejenigen Kinder, die kein Instrument spielen, gibt es zahlreiche Aufgaben. Im Workshop "Orff-Instrumente" dürfen sie mit Glöckchen und Xylophonen Prokofiews Orchesterfarben zusätzlich anreichern - und daneben zeigen, dass sie im Grunde alle Künstler sind.
Wolfgang Schmitz, Pädagoge und ausgebildeter Schlagzeuger, hat seine muntere Truppe von etwa 40 Kindern bestens im Griff. In der Mitte steht ein großes Xylophon, aus den Lautsprechern tönt ein wiederkehrendes Muster aus Jazz-Harmonien - und zu diesem Muster können die Kinder das Xylophon bedienen, wie sie wollen: Es klingt immer gut, bisweilen sogar originell.

"Orchester-Rallye" und "Musikbaustellen", um Instrumente kennen zu lernen

Danach dürfen die Kinder sämtliche Orchester-Instrumente einmal aus der Nähe kennen lernen, und von den Studierenden gibt es danach eine Solo- oder Ensemble-Einlage: Schließlich sollen die jungen Nachwuchs-Musiker hören, was man aus ihrem Instrument bestenfalls herausholen kann. Und wer sich noch nicht sicher ist, welches Instrument er gerne dauerhaft spielen möchte, der kann sich hier Anregungen holen.

Die Kinder erfahren, wozu die Schrauben und Pedale an der Pauke da sind, und sie lernen, dass gezupfte Streichertöne "Pizzicati" heißen.
Bei der Familie der Holzbläser werden die Kinder stutzig: "Aber das ist doch Metall!" Tatsächlich, hier hat sich ein Horn zum Ensemble gesellt; es verstärkt die Musik zum "Rosaroten Panther", welche die Studierenden gleich spielen werden.
Und die Querflöte - die ist doch auch aus Metall? "Ja", sagt eine Studentin, "aber ganz früher baute man sie noch aus Holz".
Dann lernen sie den Mann kennen, der - humorvoll, sicher und gelassen - dieses Riesenorchester schließlich durch Prokofiews Partitur führen wird: Günther Albers, den Dirigenten aus Berlin. Er zeigt den Kindern, dass Dirigieren im Grunde wie eine Gebärdensprache funktioniert, und er erklärt, worauf man achten muss, damit Chor oder Orchester punktgenau folgen.
Am Ende dieses langen Lern-Tages dürfen die Kinder schließlich noch singen, trommeln, tanzen, und dabei spielerisch die Instrumente entdecken. Dafür hat man "Musikbaustellen" eingerichtet, die ebenfalls von den Studierenden betreut werden.

"Kinder-Mitmach-Orchester" und Kinderkonzert mit Anke Engelke

Sonntag mittag, kurz nach eins: Das Foyer füllt sich, aufgeregt plaudernd begrüßen die Kinder ihre Eltern, Großeltern und Freunde: Noch etwa zwanzig Minuten bis zum Auftritt des großen Kinder-Mitmach-Orchesters auf der Bühne des Festspielhauses. "Das war total spannend", fasst ein Mädchen die Eindrücke des Wochenendes zusammen. "Ich bin jetzt ziemlich aufgeregt", verrät sie, "hoffentlich verspiele ich mich nachher nicht."
Eine Mutter erzählt, dass ihr Sohn eigentlich Horn lernen wollte, aber nun - inspiriert durch die schwungvolle "Peter" -Melodie - nun doch gerne Geige spielen möchte.

Auf der Bühne läuft indessen alles wie am Schnürchen: Jeder weiß, was er zu tun hat; die Auftritte der einzelnen Tiere und den entsprechenden Instrumenten werden beherzt von den Kindern begleitet, und vorne, an der Rampe, sorgen die Glöckchen aus dem Workshop der Orff-Instrumente für einen feinen klanglichen Silberstaub.
Die Workshop-Leiter stehen mit ihnen auf der Bühne; sie spielen nicht im Orchester, sondern sorgen für den richtigen Einsatz - damit sich die Kinder ganz auf ihre Töne konzentrieren können und nicht auch noch ständig auf den Dirigenten achten müssen.
Unterdessen setzen Schülerinnen und Schüler des Literaturkurses am Gymnasium Hohenbaden (Leitung: Gabi Weber) die Texte von Loriot in Szene, sie haben die Geschichte in flotte Dialoge übertragen.
Insgesamt eine richtig runde Sache - trotz der kurzen Probenzeit.

Die Studierenden der Karlsuher Musikhochschule haben hier ganze Arbeit geleistet; sie sind dabei selbst überrascht vom Engagement der Kinder: "Die waren total motiviert", erzählt einer der Workshop-Leiter, "auch diejenigen, die nur von ihren Eltern geschickt worden sind und vorher keine rechte Lust hatten - die haben auf der Bühne plötzlich interessiert zugehört und die Takte bis zu ihrem Einsatz mitgezählt."
Und eine Studentin resümiert: "Ich habe durch die Workshops selbst sehr viel gelernt. Ich weiß jetzt schon, was ich beim nächsten Mal anders machen würde."

Die letzte Etappe dieses Mammut-Projektes ist das Kinderkonzert - mit Anke Engelke als Erzählerin. Nun dürfen sich die Kinder des Mitmach-Orchesters die Original-Fassung von "Peter und der Wolf" anhören; zuvor läuft Anke Engelke - ganz Comedy-Star - durch die Reihen des Hochschul-Orchesters und macht aus der Präsentation der einzelnen Tiere eine echte Ulk-Nummer. Von welchem Instrument wird gleich die Katze dargestellt? Etwa von einer Urinette? Die Kinder wissen es besser: "Klarinette", schallt es durch den Saal, und Anke Engelke läuft rasch hin zur Musikerin: "Wenn die jetzt auch noch Annette heißt, dreh' ich durch."
Doch es gibt auch Ratschläge an die Eltern. Man erfährt, dass ein Kontrabass ungefähr so teuer ist wie ein Auto - und Anke Engelke empfielt prompt: "Also, lieber mal in einen Kontrabass investieren, denn das Auto kann keine Musik machen".
Und dann legen sie sich noch einmal richtig ins Zeug, die Musikerinnen und Musiker im Orchester der Karlsruher Hochschule: Die Kinder sind begeistert.
Ein Wochenende mit sämtlichen Facetten des Musizierens - von der Instrumenten-Kunde bis hin zum Bühnen-Auftritt.
(Fotos: Andrea Kremper)

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