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11.01.12
Englischer Tee und badische Hofmusik
Festakt zum 350. Geburtstag der Badischen Staatskapelle
Von Christine Gehringer
Im Jahr 1662 wurde ... richtig, der Tee am englischen Hof eingeführt. Für die Karlsruher allerdings gilt das Jahr 1662 als Geburtsdatum der Badischen Staatskapelle: In diesem Jahr nämlich hat man den Vorläufer des heutigen Klangkörpers erstmals urkundlich erwähnt. Mit diesem Verweis - und mit der gleichzeitigen Referenz an den britischen GMD Justin Brown - schließt sich im Jubiläumsjahr also gewissermaßen ein Kreis.
Hans Hachmann, ehemaliger SWR-Musikredakteur des Studios Karlsruhe und Hauptredner des Festaktes am Badischen Staatstheater - er findet sie immer, diese kleinen pikanten Details, die launigen Querverbindungen, die einen geschichtlichen Abriss zu einer standesgemäßen Würdigung machen.
Denn ehrfürchtig darf man in der Tat auf diesen Klangkörper blicken; schließlich zählt das Ensemble mit seinen stolzen 350 Jahren zu den ältesten Orchestern der Welt, und manch einer reibt sich womöglich verwundert die Augen: ein Orchester, das älter ist als seine Stadt, denn Karlsruhe selbst wurde erst 1715 gegründet. Demgegenüber stehen wiederum 900 Jahre badische Geschichte - und dementsprechend wies Staatssekretärin Gisela Splett darauf hin, dass die Badische Staatskapelle "untrennbar" mit der Geschichte des Landes verbunden sei und einen "wichtigen Eckpfeiler des kulturellen Engagements" darstelle. Oberbürgermeister Heinz Fenrich unterstrich daneben die Funktion der Staatskapelle als eine "tragende Säule der Stadt" und als "Werbung von höchster Qualität".
Doch er blickte auch mit einer Prise Ironie auf jene Epoche, in denen Kunst nach Kassenlage gemacht wurde, und zitierte dazu: "Ein geschickter Künstler liefert gute Kunst für wenig Geld." Dieser Grundsatz entsprang nicht etwa den neuzeitlichen Sparzwängen, sondern der Feder Molières in seiner Komödie "Der Geizige".
Völlig zu Recht unterstrich deshalb auch Orchestervorstand Joachim Fleck den Wert der musikalischen Bildung, und damit die Tatsache, dass noch vor wenigen Jahrzehnten ein Orchester zur Stadt gehört hatte "wie die Berufsfeuerwehr". Ausdrücklich dankte er in diesem Rahmen jenen weitsichtigen Planern, die vor etwa 20 Jahren das Orchester um einige Planstellen aufgestockt hatten: Dies habe entscheidend zum heutigen Renommé des Klangkörpers beigetragen.
Der Vorläufer der Badischen Staatskapelle war einst eine kleine Gruppe von Musikern am Hof der Markgrafen in Durlach, die den Regenten zur privaten Ergötzung dienten. Über die Jahrhunderte wuchs die Hofkapelle zu einem bedeutenden Ensemble, sie überstand die vom Krieg gezeichneten Jahre in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts (zwischenzeitlich wurde die Hofkapelle aufgelöst), und sie trug im späten 19. Jahrhundert schließlich dazu bei, dass Karlsruhe zu einem der bedeutendsten Musikzentren in Europa wurde. Die Namen jener Künstler, die hier wirkten, sind klangvoll: Richard Wagner dirigierte, Johannes Brahms brachte seine erste Sinfonie zur Uraufführung, Jenny Lind sang in Karlsruhe und auch Paganini gastierte in der Fächerstadt.
Karlsruhe war immer ein Experimentierfeld für Musiker, dazu eine Musikstadt mit einer Wagner-Tradition, die einst Felix Mottl in den Jahren zwischen 1880 und 1903 gepflegt hatte. Auf diese Verpflichtung - nämlich auf die "Verbindung zwischen Tradition und Zeitgenossenschaft" - wies auch Generalintendant Peter Spuhler hin, und diesem Gedanken folgte ebenso die musikalische Dramaturgie des Festaktes: Zunächst das Vorspiel zum 3. Aufzug aus Wagners "Lohengrin" (das Justin Brown und die Staatskapelle überaus temperamentvoll und regelrecht erhitzt angingen), später die "Abendempfindung" des Karlsruher Komponisten Anno Schreier, ein Auftragswerk. Dieses Stück ist geprägt von Reibungen in den langsam anschwellenden Hörnern zu Beginn, in einem zarten Streicherteppich und einem hellen, atmosphärischen Geflirr in teilweise spätromantischer Anmutung. Doch viel mehr als eine atmosphärische Umrahmung der Festreden war das Stück leider nicht - vielleicht käme es in einer anderen Umgebung besser zur Geltung.
Nach der Pause dann der eigentliche Höhepunkt: die Sinfonie c-moll von Johannes Brahms, die 1876 in Karlsruhe uraufgeführt wurde. Schicksalhafte Schläge begleiten den grellen Fluss des ersten Satzes; Justin Brown treibt seinen Klangkörper hier bis zum Äußersten - um danach, im "Andante sostenuto", die weiche Lyrik umso schöner zur Geltung zu bringen. Er lenkt den Blick auf die dichte Struktur, die Hauptmelodie, die schließlich bis zu den Holzbläsern getragen wird. Das Finale hat eine ungeheure Sprengkraft: Zunächst dunkel und schwer, dann überglänzt von einem gewichtigen, feierlichen (und dem Anlass angemessenen) Choral, schließlich ein dramatischer Schluss: Diese geballte Energie trug das Orchester auch in die Zugabe hinein, die das Publikum erwartungsgemäß lautstark forderte - den Ungarischen Tanz Nr. 5.
(Foto: Jochen Klenk)
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