24.09.12
"Chorgesang - ein Ja zum Leben"
Badischer Chorverband beging 150. Jubiläum mit großem Festwochenende

Von Christine Gehringer

Am vergangenen Wochenende feierte der Badische Chorverband, der einst in Karlsruhe als "Badischer Sängerbund" gegründet wurde, sein 150jähriges Bestehen mit zahlreichen Veranstaltungen. Der Verband ist Ansprechpartner und Kompetenz-Zentrum für eine stattliche Zahl von 2000 Chören mit insgesamt etwa 75 000 erwachsenen Sängerinnen und Sängern, hinzu kommen etwa 12000 Kinder und Jugendliche.


Jubiläum des Badischen Chorverbands: Auftritt des Chores "Effatah" aus Rheinstetten bei der Gospel Night im ECE-CenterIm Einkaufszentrum Ettlinger Tor (ECE-Center) stolperte man fast darüber: Über die zahlreichen Hinweise auf dem Boden, die an die Geburtsstunde des Badischen Chorverbandes 1862 an selbiger Stelle erinnerten. Die Chorvereinigungen des 19. Jahrhunderts waren Ausdruck eines erstarkten Bürgertums und Teil der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung - mit dem Ziel, Musik und Kultur der arbeitenden Volksschicht zugänglich zu machen.
Heutzutage ist Chorgesang in erster Linie Freizeitbeschäftigung und nicht mehr in diesem Maße politisch. Doch wer in einem Chor seine Stimme erhebt, der bezieht klar Stellung: Für die Kultur und deren Bewahrung, für das traditionelle Liedgut oder die Musik anderer Kulturkreise, und im Übrigen auch für jene Werte, die regelmäßig Inhalt politischer Sonntagsreden sind: Im Chor zu singen - das bedeutet, sich selbst zurückzunehmen zu Gunsten eines Gesamtklangs, der erzeugt wird von Menschen unterschiedlichster Persönlichkeit, bisweilen auch unterschiedlichster Herkunft. Es bedeutet Disziplin und Leistungsbereitschaft, Aktivität statt Konsum.
Davon - und daneben auch von der bekannten gesundheitsfördernden Wirkung des Singens - handelten die zahlreichen Grußworte und Festreden dieses Jubiläumswochenendes, doch in erster Linie setzten das die sangesfreudigen Badener eindrucksvoll in die Tat um.

Zunächst bringen sechs Chöre im Rahmen der Gospel-Night Schwung ins ECE-Center. Im Untergeschoss stehen sie auf der Bühne, und schon in den ersten Minuten füllen sich die Balustraden: Passanten mit Einkaufstüten bleiben stehen, trommeln leise aufs Geländer, wippen und singen, lassen sich anstecken von den Rhythmen. Dasselbe gilt für die Menschen in den umliegenden Cafés und den Imbissständen: Gemeinsame Musik-Leidenschaft als Start ins Wochenende.
Hier bestätigt sich, was tags darauf Josef Offele, Präsident des Badischen Chorverbands, bei der Fest-Matinee im Konzerthaus nochmals in Worte fasst - nämlich, dass das Singen eng mit der Natur des Menschen verbunden ist. So betont denn auch Frank Mentrup, Staatssekretär im Kultusministerium, dass es ein "prickelndes Erlebnis" sei, an einem gemeinsamen Klang mitzuwirken, da hierbei etwas entstehe, das über den Einzelnen hinausreiche.

Jubiläum des Badischen Chorverbands: Maulbronner KammerchorWer selbst nicht singt, der merkt dies spätestens dann, wenn er beispielsweise dem Maulbronner Kammerchor (Leitung: Jürgen Budday) und dem Badischen JugendChor (Leitung: Matthias Böhringer) bei der Arbeit zuhört. Denn der Maulbronner Kammerchor, der insbesondere mit seinen glockigen Frauenstimmen besticht, umrahmte die Matinee mit stilistischer Vielfalt: Mit Gesängen von Peter Cornelius und John Rutter, dazu mit Spirituals.
Im Jugendchor hingegen vereinen sich Badens beste Nachwuchssänger (die ältesten sind etwa 20), und sie fetzen dem Publikum ihre pfiffig arrangierten Lieder derart selbstbewusst um die Ohren, dass Oberbürgermeister Heinz Fenrich zu Recht klarstellt: "Es ist wieder cool, im Chor zu singen."
Hermann Wilske, Präsident des Landesmusikrates Baden-Württemberg, hob indessen den badischen Landesteil als "Herz der Musik" hervor und verwies auf die zahlreichen Musikhochschulen, Opernhäuser, auf die Bundespreisträger beim Wettbewerb "Jugend musiziert".

Für Landtagspräsident Guildo Wolf steht fest: "Chorgesang ist ein Ja zum Leben." In seiner ebenso launigen wie markanten Festrede bemerkt er, dass Singen "eine Haltung" sei, dass Singen das Dasein verfeinere. Hingegen verneint Wolf, dass die viel gepriesene Individualität der Moderne wirklich Freiheit schafft. Vielmehr produziere sie zunehmend Ängste und Unsicherheiten, deshalb seien gemeinschaftliche Aktivitäten besonders wichtig. Und: Die Stimme einzubringen, sich zu exponieren, das sei mit Anstrengung verbunden und unterscheide von denjenigen, die sich die Klänge lediglich mit ihrem mp3-Player "in die Birne dröhnen".

Mitsingkonzert "Du bist Chor!"

Am Abend wird der Brahms-Saal der Karlsruher Stadthalle zu einer einzigen großen Bühne. Denn die verschiedenen Gäste, die Chöre und Vokalensembles, die im Publikum Platz genommen haben - sie alle sind Teil eines "Mitsing-Konzerts", auch wenn sie gerade nicht im Rampenlicht stehen. Das tun insgesamt dreizehn Ensembles von der Kurpfalz bis Freiburg, und zum Auftakt singt der ganze Saal das zur Festtagshymne umfunktionierte "Land of Hope an Glory" aus Edward Elgars "Pomp an Circumstance"- Marsch D-Dur.
Während sich die Sängerinnen und Sänger - stilvoll begleitet vom Johann-Strauß-Orchester Kurpfalz - anschließend der "Loreley", dem Chor der Zigarettenarbeiterinnen aus Bizets "Carmen" oder dem Musical "Die Kinder des Monsieur Mathieu" widmen, schwelgen Sandra Danyella (Sopran) und Roy Weissensteiner (Tenor) erst in Operettenklassikern, wechseln später dann mühelos zu den Sparten Musical und Pop. Mit Charme, Bodenständigkeit und der lässigen Routine eines erfahrenen Fernsehmoderators hält indessen Markus Brock als Conferencier die Fäden dieses großen Spektakels zusammen.

Der zweite Teil zeigt schließlich, worauf Gesangvereine (die generell mit einem Mangel an Nachwuchs zu kämpfen haben) heutzutage setzen: Auf professionell arrangierte Pop-Hits und eine ausgefeilte Choreographie. Der umtriebigen Kinder- und Jugendchorleiterin Sabine Neck ist dieses bemerkenswerte Gesamtkonzept zu verdanken: Da rockt die Jugend ultracool zum Falco-Klassiker "Amadeus", da bewegen sich die Sängerinnen und Sänger der reiferen Generationen zum ABBA-Medley in bunten Glitzerklamotten - wie einst Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid anno 1974. Hier wird nichts dem Zufall überlassen, hier wird richtig rangeklotzt; Bühnennebel, grellbunte Scheinwerfer und wummernde Bässe inklusive.
Mit filigranen A-Cappella-Klängen und afrikanischen Trommeln begeistern unterdessen die Rhythmuskünstler des jungen Vokalensembles "Voice Event" aus Freiburg (Leitung: Christian Geugelin) das Publikum. Schließlich lässt die Cover-Band "MerQury" aus Dresden - gemeinsam mit dem Johann-Strauß-Orchester - die legendären Queen-Songs wieder aufleben, bis das Ganze am Ende, mit großem Background-Chor, in die "Barcelona"-Hymne mündet. Das alles hat mit der so gerne belächelten "Liedertafelei" nichts mehr zu tun. Das ist Chorgesang auf Hochglanz poliert.


zurück zur Hauptseite

zurück zu "Bericht"



Links zum Thema

Badischer Chorverband

© Pamina Magazin, Redaktion, Impressum