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16.02.08
"Ich versuche, mich einer Erfahrung zu öffnen"
Der Pianist und Schriftsteller Yorck Kronenberg im Gespräch
Er hat eine musikalisch-literarische Doppelbegabung: Yorck Kronenberg (Foto: A. Fusek) gilt als „außergewöhnlicher junger Pianist“, und Literaturkritiker nennen seinen Debütroman ein „reizvolles, anspielungsreiches Nocturno“.
Aufhorchen ließ der gebürtige Reutlinger mit einer CD-Einspielung, bei der die Messlatte wahrlich hoch liegt: mit Bachs-Goldberg-Variationen, zumal als Live-Mitschnitt dargeboten. Die Musik des barocken Meisters ist eine Art Fixpunkt in Kronenbergs Arbeit; doch auch mit den großen Spätwerken von Beethoven und Schubert überzeugte er die Fachwelt.
Yorck Kronenberg arbeitet zudem als Komponist; er lebt in Berlin, und am kommenden Freitag (22. 02.) gibt er einen Klavierabend in der Reihe der „Karlsruher Kammermusikfreunde“.
PAMINA sprach vorab mit dem vielseitigen Künstler.
Herr Kronenberg, bei einem Konzert in Wolfsburg fiel offenbar auf, dass Ihr Blick öfter über die Tasten hinweg zu einem Panoramafenster schweifte, weil Sie einen Kranich im Landeanflug beobachten wollten. Wie weit kann - oder muss - man sich während des Spiels „aus dem Fenster lehnen“?
Kronenberg: Es geht um eine Verbindung von Spontaneität und Kalkül, von Verstehen und Erleben. Routine gibt es auf der Bühne nicht. Wildvögel kriegt man natürlich selten zu Gesicht.
Ein Autor schrieb über Sie, es sei von „wunderbarer Frechheit“, mit welcher Abgeklärtheit sie sich beispielsweise große musikalische Vermächtnisse wie Beethovens op. 111 und Schuberts B-Dur-Sonate „zu eigen“ machen.
Wie findet man als Musiker zu einer eigenen Sprache – gerade bei solchen Werken? Orientiert man sich an Referenz-Aufnahmen?
Kronenberg: Mich selbst interessiert
an Aufnahmen anderer Musiker oft ein gewisser Aspekt, z.B.: „Wie sind Übergänge gespielt, wie sind Temporelationen gewählt?“ Interpretationstechnische Fragen sozusagen, die auf bestimmte Haltungen eines Interpreten verweisen. Insofern höre ich öfter 'quer', als dass ich gezielt bestimmte Aufnahmen höre, noch dazu eines Stückes, mit dem ich mich selbst gerade beschäftige. Im Moment höre ich eher Jazz-Aufnahmen, das ist auch immer Phasen unterworfen. Ich versuche, mich Stücken unmittelbar auszusetzen, eine Interpretationsidee ergibt sich aus dem eigenen Umgang mit der Partitur.
Sie gelten als Bach-Spezialist. Welche Bedeutung hat Bach für Sie als Musiker?
Kronenberg: Bach war für mich schon sehr früh im Leben ein fester Bezugspunkt und ist es bis heute geblieben. Sartre hat einmal von der Landkarte des Denkens gesprochen. In meiner Geographie gibt es Personen und Werke, die ich immer wieder aufsuche und die so auch auf meine Biografie zurückwirken. Stücke wie die Goldberg-Variationen sind von einer emotionalen Bandbreite und einer kompositionstechnischen Raffinesse, die immer wieder neu fasziniert. Natürlich wird mit fortschreitender Zeit ein größeres Gelände 'kartiert'. Es sind aber gerade die Fixpunkte, die den Maßstab für spätere Erfahrungen mit prägen.
Das Konzert in Karlsruhe werden Sie mit Bachs „Chromatischer Fantasie und Fuge“ beginnen, dann folgen die „Sechs kleinen Klavierstücke“ von Arnold Schönberg. Eine bewusste Gegenüberstellung?
Kronenberg: Mit der klassischen Moderne um Schönberg traten Kompositionstechniken wieder in den Vordergrund, die in der nach-barocken Zeit an Bedeutung verloren hatten: Strenge Kontrapunktik z.B., das Bemühen um einen ernsten, auch rational begründbaren Stil. Schönbergs Formulierung von der Luft neuer Planeten dürfte dem Wesen und der Zeit Bachs ganz fremd gewesen sein: und doch hat auch Bach, indem er an alten Techniken wie der Fuge festhielt, gleichzeitig immer auch Neuland erkundet und den Bereich dessen, was mit Musik überhaupt gedacht und ausgedrückt werden kann, wie kein zweiter erweitert.
Sie sagten einmal, dass Schriftsteller und Pianist im Grunde wenig miteinander zu tun hätten. Dennoch bemerken Kritiker in Ihrem Spiel eine „rhetorische Intensität“ und „literarisch-exzessive Kontraste“. Also doch ein Miteinander von Musik und Sprache?
Kronenberg: Sowohl Musik als auch Literatur sind Zeitkünste, sie strukturieren einen zeitlichen Ablauf. Es ist nur zwangsläufig, dass Begriffe wie 'Motiv', 'Verdichtung', aber auch 'Spannung' und 'Entspannung', überhaupt 'Dramaturgie' sich für die Beschreibung von Musik und Literatur gleichermaßen anbieten. Beim Schreiben merke ich mitunter, dass ich Passagen wie musikalische Abschnitte wahrnehme, dass ich sie sozusagen retardierend anlege oder crescendierend, dass ich mir Umschwünge als Veränderung des Tempos vorstelle usw.
Wie muss man eine solche „Dramaturgie“ verstehen? „Komponieren“ Sie Bücher, wie man Musik komponiert?
Kronenberg: Sicherlich nicht im Sinne eines Vorsatzes. Ich schreibe nicht nach Plan und ohne Reißbrett. Ich versuche mich einer Erfahrung zu öffnen, und zwar der beschriebenen Situation ebenso wie dem künstlerischen Prozess selber. Insofern ist es gut möglich, dass mein Umgang mit Musik mein Schreiben weit über das hinausgehend beeinflusst, was ich selbst als den Motor eines Textes empfinde. Im Übrigen denke ich über solche Prozesse in dieser Form wenig nach.
Der Stoff in Ihrem Roman „Welt unter“ klingt unwirklich, absurd. Er zeigt, welche Triebe sich in einem Menschen auftun, wenn er sich plötzlich in einer menschenleeren Welt ohne soziale Bindungen wieder findet. Entnehmen Sie diesen Stoff konkreten Situationen?
Kronenberg: Nein. Ich habe die erste Szene des Buches, die die Grundsituation festlegt, sehr schnell und ohne weitergehende Absicht geschrieben. Das geschilderte Szenario hat aber in mir 'nachgehallt', hat mich beschäftigt. Es ging mich an. Erst als ich mir dessen sicher war, habe ich die Arbeit an dem Roman aufgenommen.
Auf Ihrer Website sah ich unter den vielen Pressestimmen die Bemerkung eines Nürnberger Taxifahrers, der fand, dass Ihre Interpretation von Bachs Goldberg-Variationen „durch die Seele fließt“. Einige Zeilen weiter oben äußerte sich ein Opernregisseur: „Der Pianist spielt aus der Seelenmitte des Werks heraus“. Bemerkenswert, dass Fachmann und Laie hier zu einer ähnlichen Sprache finden …
Kronenberg: Spontane Reaktionen haben oft weniger mit Vorbildung zu tun als mit der Fähigkeit, eigene Impulse richtig einschätzen und ausdrücken zu können. Manchmal sind es gerade Laien, die Eindrücke authentisch und originell auf den Punkt bringen.
(Klavierabend mit Yorck Kronenberg am Freitag, 22. 02., 20 Uhr im Stephanssaal Karlsruhe, mit Werken von Bach, Schönberg, Beethoven und Schubert.)
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