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05.09.11
"In der Klassik gab es viel zu viel Stillstand"
Die Gruppe "Spark" auf der Suche nach einem neuen Sound/ Auszeichnung mit dem ECHO "Klassik ohne Grenzen"
Die beiden Karlsruher Blockflötisten Andrea Ritter und Daniel Koschitzki spielten zunächst im renommierten "Amsterdam Loeki Stardust Quartet". Doch dann bekamen sie Lust auf etwas völlig Neues und gründeten die klassische Band "Spark": Ihre Musik verbindet Folklore, Jazz, Klassik, Avantgarde - und ihr Publikum findet man im Berliner Nachtclub "Berghain" ebenso wie im Konzerthaus Wien oder im Kloster Maulbronn. Der Weg nach oben war steinig, doch nun sind die fünf Musiker mit dem ECHO für Ihre Debüt-CD "Downtown Illusions" belohnt worden. Christine Gehringer sprach mit Andrea Ritter und Daniel Koschitzki über den Erfolg von "Spark", über aktuelle Entwicklungen auf dem Klassik-Markt und über die Vorurteile, mit denen die Gruppe anfänglich zu kämpfen hatte.
Erst einmal herzlichen Glückwunsch zum ECHO. Kam dieser Preis für Euch völlig überraschend? Oder liebäugelt man irgendwann damit?
A.R.: Nein, damit konnte nun wirklich keiner rechnen – vor allem nicht beim ersten Album.
D.K.: Man hofft natürlich immer, dass man mit seinen Klängen und Ideen Menschen für sich einnehmen kann. Es erstaunt uns immer wieder, wie schnell die Fangemeinde von Spark im letzten Jahr gewachsen ist. Dass nun auch die ECHO Klassik-Jury dazu gehört, macht uns überglücklich und sehr dankbar.
Worauf führt Ihr diesen Erfolg zurück? Immerhin gibt es ja inzwischen viele Musiker in diesem Feld, die Klassik mit anderen Stilen verbinden.
D.K.: Wir suchen nach einem völlig neuen Sound, der nichts mit der gängigen Crossover-Schublade zu tun hat. In die wird man als klassischer Musiker gerne gesteckt, wenn man nicht im kernklassischen Markt unterwegs ist. Es gibt tatsächlich viele Crossover-Projekte, in denen die Klassik einfach ein wenig aufgepeppt wird, z.B. durch Schlagzeugeffekte. Aber das ist nicht unser Weg. Wir wollen einen frischen Klang für die Musik des 21. Jahrhunderts finden, die sämtliche Einflüsse auf verschiedenen Genres in sich aufnimmt, aber dennoch keinerlei Abstriche beim Anspruch macht. Die Leute merken das sofort, wenn es bei einem Projekt nur um Kommerz oder billige Effekthascherei geht. Was sie bei uns schätzen, ist, dass wir wirklich auf der Suche sind und den Mut haben, zu experimentieren. Wir wollen uns selbst und auch unser Publikum immer wieder überraschen.
A.R.: Die Gruppe hat im Vergleich zu den meisten anderen Acts auch eine unglaubliche Klangpalette anzubieten. Wir spielen über dreißig verschiedene Blockflöten, die in ganz hohen Registerfarben blitzen können. Manchmal werden sie als Mittelstimmen, manchmal als Bassinstrumente eingesetzt. Unser Geiger spielt sowohl die Violine als auch die Bratsche, es gibt vierhändige Einlagen am Klavier, es wird gesungen, Melodica gespielt usw. Der Zuhörer bei einem Spark-Konzert weiß nie, was als nächstes auf ihn zukommt. Wir selbst spielen auch gerne mit diesem Moment der Erwartung und kombinieren oft zwei Stücke miteinander, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben. So entstehen neue Verknüpfungen und Assoziationen. Es ist ein Spiel mit der Fantasie des Zuhörers und gleichzeitig auch die Aufforderung, über den Tellerrand hinauszuschauen. Gerade das macht den speziellen Spirit von Spark aus und ist wohl auch Teil des Erfolgs, den die Gruppe momentan hat.
Schauen wir einmal zurück auf Eure Anfänge. Wie lange hat es gedauert bis zu diesem Erfolg?
A.R.: Es hat schon ein wenig gedauert, bis der Funke wirklich gezündet hat. Die erste Idee zu Spark hatten wir Anfang 2007, das erste Konzert folgte dann etwa ein halbes Jahr später. Zu Beginn gab es mehrere Mitgliederwechsel, da es sehr schwierig war, für diese spezielle Gruppe die richtigen Musiker zu finden. Bis zur endgültigen Besetzung hat es etwa zwei Jahre gedauert. Ein weiteres Problem war, dass wir zunächst überhaupt keine Stücke für diese Besetzung hatten. Das ist für klassische Musiker eine relativ ungewohnte Situation. Glücklicherweise konnten wir einige Stiftungen von uns begeistern, die uns die ersten Kompositionen finanzierten. So hat sich die Gruppe im Verlauf der ersten zweieinhalb Jahre immer mehr ausgeformt. Das öffentliche Interesse an Spark war in der Anfangszeit allerdings - gelinde gesagt - eher mau. Der Knoten ist eigentlich erst im Sommer 2009 so richtig geplatzt.
Was habt Ihr in dieser langen Zeit des Wartens und Bangens gemacht?
D.K.: Wir haben versucht, uns nicht allzu viele Gedanken darüber zu machen. Man muss an sich glauben, und wir waren uns sicher, dass der Moment für Spark kommen würde. In der Zwischenzeit haben wir uns darum bemüht, das Profil der Gruppe zu schärfen, ihr ein immer klareres Gesicht zu geben. Wir haben uns überlegt, welche Zielgruppe wir erreichen möchten und wie wir am besten an die Veranstalter herantreten. Wir saßen am Computer und haben die einzelnen Schritte genau geplant. Vieles hat sich dann natürlich völlig anders ergeben, aber es schadet trotzdem nicht, wenn man ein Konzept hat, weil man dann nicht völlig blind losläuft.
Und wovon habt Ihr gelebt?
A.R.: Wir haben unterrichtet, hatten kleinere Auftritte, haben in Orchestern gespielt. Was man halt so macht als freischaffender Musiker. Es war aber wirklich keine leichte Phase.
Fängt man da nicht auch mal an zu zweifeln?
D.K.: Ja. Aber Zweifel sind andererseits auch gut, denn sie bedeuten Entwicklung. Wer nicht immer wieder an sich zweifelt, sich und seine Arbeit hinterfragt, der bleibt irgendwann stehen. Die Zeit von 2007 bis 2009 war aber schon eine Zeit voller Ungeduld. Wir hatten eine gute Idee und waren uns sicher, dass wir damit ein Publikum erreichen könnten. Aber wir kamen erst einmal nicht zum Zug. Viele Konzertveranstalter der traditionellen Kammermusikreihen hatten wohl einfach Angst.
A.R.: Das Problem war auch, dass wir viel zu wenig Auftritte hatten. Zuerst haben wir ein Demoband an die Veranstalter geschickt, aber sie wollten uns in Aktion sehen. Dann haben wir eine DVD mit Live-Material hinterher geschickt. Darauf kam dann oft die Antwort, das sei ja alles sehr schön und nett, man wolle uns aber zuerst einmal persönlich im Konzert erleben. An diesem Punkt scheiterte es dann in der Regel, weil es einfach viel zu wenig Konzerte gab.
Gewissermaßen ein kleiner Teufelskreis… Wie hat er sich gelöst?
D.K.: Einige Veranstalter haben sich dann eben doch getraut, uns zu engagieren. Das Publikum war begeistert, und so ergab sich schließlich ein Schneeballeffekt. Irgendwie hat es sich einfach herumgesprochen, dass diese Band etwas ganz Neues und Besonderes macht, das man so von keinem anderen Ensemble erleben kann. Das unterscheidet uns zum Glück von einem Streichquartett oder einem Klaviertrio.
A.R.: Das Tolle war, dass die Gruppe von Anfang an das Publikum auf ihrer Seite hatte. Die Menschen waren begeistert von unserer Musik. Gerade auch das traditionelle, klassische Kammermusikpublikum hat uns mit offenen Armen begrüßt, was natürlich großartig war. Wir haben auch festgestellt, dass sehr viele Konzertbesucher unsere Videos auf Youtube nachträglich nochmals anklicken und sich dann auf Facebook darüber austauschen. Oft schalten wir uns dann mit ein. Wir sind sehr kommunikativ. Der direkte Kontakt zu unseren Fans liegt uns sehr am Herzen.
Eure Konzert-Orte und damit auch das Publikum könnten kaum unterschiedlicher sein. Variiert Ihr Eure Programme je nach Ort und Anlass? Oder sagt Ihr Euch: Wir haben unseren Stil, das müssen sie jetzt schlucken?
A.R.: Wir haben gemerkt, dass unsere Musik an viele Orte passt und Menschen mit ganz unterschiedlichem Background und verschiedenen Hörgewohnheiten begeistert. Oft sind es auch gerade diejenigen Zuhörer, bei denen man die größte Skepsis vermutet, die hinterher aufstehen und am lautesten applaudieren.
D.K.: Ich finde, dass gerade das traditionelle Klassik-Publikum generell unterschätzt wird, was die Bereitschaft angeht, sich auf Neues einzulassen. Wir haben gemerkt, dass da noch eine ganze Menge geht. Meiner Meinung nach gab es in der Klassik in den letzten Jahren viel zu viel Stillstand. Im Prinzip ist uns dadurch eine ganze Generation an Zuhörern verloren gegangen. Das versuchen Veranstalter und Künstler momentan Hände ringend aufzuholen. Nie gab es so viele Angebote für Kinder und Jugendliche: Kinderopern, Classics for kids, Music 4U, Schulprogramme usw. Wenn die klassische Musikszene dauerhaft ein junges Publikum binden möchte, muss sie sich aber wirklich von Grund auf umstrukturieren. Es reicht nicht, nur an der äußeren Hülle herumzudoktern und den Künstlern ein etwas hipperes Outfit zu verpassen. Neue Ideen müssen her und genau an dieser Baustelle möchten wir mit Spark unseren Beitrag leisten.
A.R.: Ich denke, dass in der Klassik momentan mehr denn je eine Art Aufbruchsstimmung in der Luft liegt. Die Bereitschaft von Veranstaltern, sich auf Veränderungen und neue Konzepte einzulassen, hat Spark sehr geholfen. Jetzt hoffen wir, mit dem Aufwind durch den ECHO Klassik noch mehr Menschen erreichen zu können und freuen uns auf alles, was in den nächsten Monaten auf uns wartet.
(Foto: PR)
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