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19.01.08
Wo sich Musik, Kunst und Natur durchdringen
Vor einem Jahr starb der Pädagoge und Komponist Peter-Michael Riehm
Am 20. Januar 2007 starb Peter-Michael Riehm, Professor für Musiktheorie an der Karlsruher Musikhochschule: Ein überaus beliebter Pädagoge, der den Studierenden einen besonderen Zugang zur Musik vermitteln konnte – und zwar mit der einzigartigen Gabe, zwischen Natur, Musik und den anderen schönen Künsten subtile Verbindungslinien zu schaffen. Darüber hinaus machte er sich einen Namen als Komponist zahlreicher Instrumentalwerke und Lieder, die er für seine Chöre schrieb; viele seiner Werke widmete er seiner Frau Ursula, einer Gesangspädagogin. Im Rahmen eines Konzerts am 22. Januar um 19.30 Uhr erinnert die Musikhochschule Karlsruhe nun an den Verstorbenen.
Die Vorlesung „Allgemeine Musiklehre“ war nicht nur den Studierenden der
ersten Semester ein Begriff: Hinter dem trockenen Hochschul-Jargon verbarg sich nämlich mitnichten nur eine Vorlesung, sondern vielmehr ein Gesamtkunstwerk, das dem Wort „allgemein“ eine wahrhaftige Bedeutung gab. Längst
hatte es sich herumgesprochen, dass Peter-Michael Riehm seine musikalischen Analysen durch Beobachtungen beispielsweise aus Architektur und Literatur bereicherte,
und so sah man in seinen Vorlesungen
immer auch interessierte Gasthörer,
dazu Studierende der höheren Semester, die den „Stoff“ noch keineswegs abgeschlossen hatten.
Denn zu seinen Anliegen gehörte das Wachsen und das Werden, nicht etwa das vorgefertigte Wissen: Seine Gedanken konnte man deshalb in keinem Lehrbuch nachlesen, und für die Abschlussklausur animierte er seine Studierenden stets dazu, ihre ganz eigenen Überlegungen anzustellen.
Zu diesem „Wachsen und Werden“ passt auch ein Zitat von Martin Heidegger, das Peter-Michael Riehm seiner ersten Vorlesung gewöhnlich voranstellte: „Wir kommen zu spät für die Götter und zu früh für das Sein. Dessen angefangenes Gedicht ist der Mensch.“
Peter-Michael Riehm wuchs in Wilferdingen bei Karlsruhe auf; er studierte Schulmusik, Klavier und Komposition an der Musikhochschule Karlsruhe bei Naoyuki Taneda und Eugen Werner Velte. Riehm war Stipendiat der Darmstädter Ferienkurse und wurde 1978 mit dem Förderpreis für junge Komponisten der Stadt Stuttgart ausgezeichnet. Geprägt hat seinen Unterricht an der Karlsruher Musikhochschule (zunächst als Lehrbeauftragter, seit 1992 als Professor) jedoch die jahrelang praktizierte Waldorfpädagogik: Von 1973 bis 1982 unterrichtete er an der Freien Waldorfschule in Tübingen; später widmete er sich am Seminar in Stuttgart der Aus- und Weiterbildung von Lehrern.
Seine musikalischen Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen war in seinen Vorlesungen nicht nur für die eine oder andere Anekdote aus dem Schulalltag gut. Vielmehr floss sein tiefes Verständnis für das Wesen eines Kindes oder die Eigenarten von Pubertierenden auch dann in seine Überlegungen mit ein, wenn er die Entwicklung der abendländischen Musik mit den Phasen eines Menschenlebens verglich. Oft ging man nach den Vorlesungen kopfschüttelnd und staunend nach Hause; das Gehörte arbeitete weiter, es war viel zu kostbar, um als „Lernstoff“ zu den Akten gelegt zu werden. So mag es auch manchen Kursteilnehmern an der „Internationalen Akademie für musikalische Bildung“ ergangen sein – einer Einrichtung, die Peter-Michael Riehm gemeinsam mit gleich gesinnten Kollegen geprägt hatte, um Menschen außerhalb des Hochschulbetriebs einen ganzheitlichen Zugang zur Musik zu ermöglichen.
Und so erging es auch den Hörern seiner vielen Gastvorträge, unter anderem auch im Rahmen der Erich-Schickling-Stiftung Ottobeuren, deren „Eggisrieder Seminar“ (s. auch „Bericht“) ebenfalls auf die Initiative von Peter-Michael Riehm zurückgeht.
Ein erstaunlicher Mensch, der da vor seinen Hörern stand: Kein Rhetorik-Künstler im modernen Sinn; keiner, dessen Vortrag auf eine bestimmte Wirkung abzielte, sondern eher ein bescheidener, fast scheuer Mensch - und vielleicht gerade deshalb ganz verwurzelt in dem, was er zu sagen hatte.
Ein umfassend gebildeter Mann, der sein Wissen so sehr verinnerlicht hatte, dass er es in bildhaften Vergleichen, in einer einfachen, aber subtilen Sprache wider geben konnte. Hinzu kam sein feiner Humor - meist als harmlos hingeworfene Bemerkung, hinter der sich auch manche leise Spitze verbarg. Riehm, dem die Epoche der Romantik besonders nahe stand, erklärte seinen Studierenden: „Musik können Sie nur dann wirklich tief erleben, wenn Sie sich am Rande des Schlafes, in einem Dämmerzustand befinden – andernfalls werden Sie Kritiker“.
Zum musikalischen Erleben gehörten auch zahlreiche Exkursionen: etwa nach Chartres, dessen Kathedrale für Peter-Michael Riehm im besten Sinne „Stein gewordene Musik“ bedeutete. Dazu gehörten ebenso Barockfahrten ins oberschwäbische Zwiefalten oder eine Exkursion nach Tübingen auf den Spuren von Silcher und Hölderlin.
Der schwäbische Liedkomponist Friedrich Silcher spielte für Peter-Michael Riehm in seiner Arbeit mit Chören eine Rolle: In seinem Wohnort Deilingen gelang es ihm beispielsweise, dem dortigen Männergesangverein mit jenem Liedgut ein neues sängerisches Selbstverständnis zu geben – eine seiner letzten großen Aufgaben. Denn Peter-Michael Riehm hatte nicht nur die Sprache von Komponisten, Dichtern und Philosophen verinnerlicht, sondern er verstand sich auch mit bodenständigen Menschen, mehr noch: Er wurde von ihnen tief geschätzt.
Am 19.12. 2006 hielt Peter-Michael Riehm seine letzte Vorlesung an der Karlsruher Musikhochschule. Sie war noch reicher und umfassender als alle anderen zuvor – im Nachhinein wirkte dies fast wie ein Vermächtnis.
Für diejenigen, die ihn bis zuletzt erlebt oder mit ihm gearbeitet hatten, schien sein plötzlicher Tod überall nur angefangene Werke zu hinterlassen. Aber wer ihn kennen lernen durfte, der hat etwas Kostbares erhalten, das nun – ganz im Sinne Peter-Michael Riehms – wachsen kann.
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