29.01.08
Unverblümt, ehrlich, direkt
Das "Leipziger Streichquartett" mit Beethoven im Stephansaal


Ein paar Takte Musik vom Leipziger Streichquartett – und die Atmosphäre flirrt. Fordernd und beinahe provokant, als habe man es mit dem leibhaftigen Beethoven zu tun, schleudern sie dem Publikum ihre Musik entgegen und ziehen die Hörer anschließend hinein in die Schönheiten jeder Partitur.
Mit Beethovens Streichquartetten begehen Andreas Seidel, Tilman Büning (Violinen), Ivo Bauer (Viola) und Matthias Moosdorf (Violoncello) das 20jährige Jubiläum des Ensembles: Die Werke sind weltweit in mehreren Zyklen zu hören; wer also dem Leipziger Streichquartett nachreist, wird am Ende des Jahres Beethovens gesamtes Quartettschaffen in seinem historischen Zusammenhang kennen gelernt haben.
Im Stephansaal eröffneten die „Karlsruher Kammermusikfreunde“ - die bezeichnenderweise ebenfalls ihren 20. Geburtstag feiern - nun den süddeutschen Zyklus: Die ersten drei Streichquartette aus op.18 waren zu hören; in diesen Werken setzte sich Beethoven erstmals mit jener Gattung auseinander, und im Stephanssaal wurden sie zu einem Hörerlebnis, das nachwirkte.

Diesen unverblümten, direkten Ausdruck hört man schon in den ersten Tönen; noch sind es angefangene Gedanken, aber sie haben bereits jene unberechenbare Energie in sich, die das gesamte
F-Dur-Streichquartett ausmacht: urplötzliche Wendungen und erregte Impulse, dazu markante Rhythmen. Man setzt zuerst wohl formulierte, sehr sorgsam abgeschwungene Phrasen und gibt sich im nächsten Moment einer entfesselten Energie hin; sie scheint über die vier genau
im Augenblick des Spiels hereinzubrechen. Dem Hörer treibt es dabei den Puls in die Höhe: Musik, bei der man mitfiebert.
Dann der Kontrast: Im zweiten Satz bietet sich ein völlig anderes Bild, eine betörende, sich zart aufschwingende Melodie in der ersten Violine, die immer noch von einem leisen Pulsieren bewegt wird und dann sämtliche Stimmen durchzieht – so, als würden alle Gedanken erst daran geschärft. Der ganze Satz bleibt in Bewegung, ganz im Sinne eines „Adagio affettuoso“; man hört ein fahles Flimmern, dann helle Gedankenblitze und zarte Gesten, die jäh abreißen. An ein rhythmisch geschärftes Scherzo schließt ein unglaublich wacher, virtuoser Lauf, der den letzten Satz zusammenhält: Ein gleichmäßig energetischer Fluss trotz hoch komplexer Figuren, trotz durchbrochener Gedanken.
Danach, meint man, ist schon alles gesagt – aber die Musiker des Leipziger Streichquartetts fügen nun die elegante Note hinzu. Beethovens G-Dur Quartett aus op.18 wirkt wie ein gut gelauntes Gespräch; man überbietet sich gegenseitig in Höflichkeit und Galanz, aber dennoch bestimmen Klarheit und Bodenständigkeit auch hier die Konversation, obwohl man sich leidenschaftlich den eloquenten Floskeln hingibt. Ein Höhepunkt ist das „Adagio“: Die vier nehmen das „cantabile“ wörtlich und setzen an zu sprechenden, weit angelegten Bögen; diese Bögen öffnen die Konversation und sind eine Inspirationsquelle für ein wachsames und angeregtes Wispern.

Auch der zweite Teil des Abends bleibt in dieser erregten Atmosphäre: Das D-Dur-Quartett ist ein zugespitztes und dichtes Gespräch, manchmal nachdenklich und lyrisch-versonnen. Einen Augenblick lang wirkt alles zerbrechlich und wird dementsprechend vorsichtig angefasst, im nächsten Moment ist man aufgewühlt, übermütig und stachelt sich an, man jagt sich über lange Passagen hinweg und setzt dann einen überraschend neckischen Schlusspunkt, der beispielhaft ist für all die rasanten Wendungen und Stimmungswechsel: Das Publikum bedankt sich mit lauten Bravos.                   

   




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