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07.04.08
Weicher Belcanto und wilde Emotionen
Cecilia Bartoli in Bellinis "Sonnambula" in Baden-Baden
Es war ein Debüt in zweierlei Hinsicht: Cecilia Bartoli in der Sopran-Partie einer Bellini-Oper, die nun in einer neuen kritischen Ausgabe erstmals auf eine deutsche Bühne gebracht wurde. Mit der (konzertanten) Aufführung der „Sonnambula“ (Foto: Andrea Kremper) erlebte das Festspielhaus Baden-Baden ein musikalisches Glanzlicht, eine ausgesprochene Rarität.
Ohnehin führt diese Oper in unseren Tagen eher ein Schattendasein. Die schablonenhafte Handlung,
dazu Charaktere, die sich
nicht entwickeln – eine dramaturgisch schwierige Angelegenheit. So liegen sämtliche Seelendramen in Bellinis schwungvollen Bel-
canto-Linien – und diese sorgsam mit emotionaler
Tiefe zu füllen, ist hohe Kunst.
Die Handlung ist trivial: Amina, ein armes Waisenmädchen aus einem Dorf in der Schweiz, hat das große Los gezogen; sie wird den reichen Bauer Elvino heiraten, als Mitgift bringt sie „ein liebendes Herz“ in die Ehe: Somit sind die Rollen gemäß der männlich-weiblichen Idealvorstellungen des frühen „Ottocento“ klar verteilt. Für Konfliktpotential sorgt indessen Gastwirtin Lisa, die selbst Elvino nicht abgeneigt ist und die schlafwandelnde Amina mit dem Grafen Rodolfo in verräterischer Situation ertappt. Dies löst naturgemäß eine Reihe von Missverständnissen nebst heftigen Emotionen aus, und es obliegt nun Rodolfo (der als Gast in seine Heimat zurückgekehrt ist) diesen Konflikt zu lösen: Ganz im damaligen Sinne eines aufgeklärten Adels wirkt er wie eine höhere Instanz, die zum einen Aminas Unschuld bestätigt, zum anderen den Dorbewohnern das Wesen des Schlafwandelns erläutert und somit die einander zugedachten Personen wieder zusammenführt.
In diesen Gefühlswirren zeigt sich einmal mehr die große Meisterschaft der Bartoli: Sie gleitet nicht einfach nur eloquent über Bellinis gefällige Koloraturgirlanden – auch wenn allein dies schon größte Anerkennung verdiente. Nein, Cecilia Bartoli fördert unendlich viel mehr zu Tage: Die Trauer im zweiten Akt, das Dahinwelken der Blumen als Allegorie für verlorenes Liebesglück – jene Szene gestaltet sie mit einem anrührend verhangenen Ton, mit einem fahlen Schimmer auf ihrer Stimme, die aber dennoch (und genau dies ist das Faszinierende) an Strahlkraft nichts einbüßt. Gleiches gelingt ihr später noch einmal in der völlig entrückten, geisterhaften Schlafwandler-Szene ("Ah! Non credea mirarti").
Die Linien fließen behutsam; jeder Bogen, jede Wendung ist so absichtsvoll gerundet, als gälte es, angesichts der fehlenden Regie nun Drama und Charaktere an jeder einzelnen Note zu schärfen. Dazu lässt Cecilia Bartoli in den extravertierten Freuden- und Verzweiflungsszenen ihr gewohntes Temperament auflodern.
Beim Balthasar-Neumann-Ensemble und dazugehörigem Chor macht Thomas Hengelbrock ähnliche Kostbarkeiten hörbar: Ein Klangbild, das in transparente Einzelstimmen aufgefächert ist, dazu musikantische Rhythmen, Markanz und feierliche Größe, welche der Musik jedoch nichts von ihrer Durchsichtigkeit nimmt. Darunter leuchten die Facetten sämtlicher Emotionen: angstvolles Beben, Herzflimmern, Sprachlosigkeit; hier ein sehnsuchtsvoller Gedanke in den Holzbläsern, dort ein harter, schmerzerfüllter Streicherton als Spiegel zur Singstimme. Eine romantisch-verklärte, „nächtliche“ Atmosphäre beschwören der Chor und eine Gruppe von Musikern gleich zu Beginn mit Klangeffekten aus dem Bühnenhintergrund.
Eine insgesamt hochkarätige Sängerbesetzung macht die Aufführung vollends rund: Die Stimme von Celso Albelo (Elvino) wirkt zwar anfangs ein wenig kleinformatig; vor allem im zweiten Akt zeigt er jedoch, zu welch kraftvoll-stählernen Höhenlagen und atmenden Belcanto-Linien er fähig ist. Hinreißend ist Maria Bengtsson als eifersüchtig durchtriebende Gastwirtin Lisa - der weiche, perfekt geschlossene Klang ihrer Stimme ist ein echtes Hörerlebnis.
Den Fels in der Brandung verkörpert sehr überzeugend Daniela Sindram als Müllerin Teresa (Pflegemutter der Amina), einen charakterstarken Rodolfo verdankt die Aufführung dem Bass Ildebrando D`Arcangelo. Profil zeigen ebenso Peter Kalman und Raphael Pauß als Bauer Alessio und als Notar.
Der letzte Freudengesang des Chores und Bartolis finaler Spitzenton sind gerade verklungen - den Schluss des Orchesters hört man dagegen nicht mehr: Hier bricht von den Rängen bereits ein ohrenbetäubender Jubel los.
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