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21.04.08
Das Ideal von Ausdruck und Klang
Wie Gidon Kremer und Mikhail Pletnev im Festspielhaus für Sternstunden sorgten
Dieser Abend war geradezu ein Musterbeispiel für Disziplin, perfekten Klang und musikalische Intelligenz. Mit Gidon Kremer (Foto: Knud Rauff Nielsen) und Mikhail Pletnev, dem Gründer und Chef des Russischen Nationalorchesters, musizierten im Festspielhaus zwei Künstlerpersönlichkeiten, die jenem Anspruch gemeinsam zu einem Ideal formten.
Pletnevs Dirigat trägt deutlich die Handschrift des ursprünglichen Pianisten; es gelingt ihm, die feinen Züge des Klavierspiels maßstabgetreu auf das Orchester zu übertragen. Und dieses Russische Nationalorchester ist ein Klangkörper, über den man schlichtweg staunt: Die üppig satten Farben werden sorgsam aufgetragen und leuchten in hervorragender Balance; die zarten Regungen in den Einzelstimmen sind nicht nur hörbar bis ins kleinste Detail, sondern auch noch ebenmäßig gerundet.
Dabei sind Pletnevs Gesten sparsam, eher andeutungsvoll – und genauso klingt seine Musik. Dem symbolhaften Seelendrama „Pelléas et Mélisande“, an diesem Abend als Bühnenmusik von Jean Sibelius zu hören, kommt dies zu Gute: Ein rätselhafter Schwebezustand zwischen Vorahnung und Unheil (trotz gelegentlich aufgehellter Momente), interpretiert in der treffenden Atmosphäre des Irrealen.
Daneben birgt das Violinkonzert von Sibelius manche Gefahren: Unter der Firnis einer zigeunerhaften Virtuosität lauern Kämpfe, Qual, Zerrissenheit. Meisterwerke schaffen jene Interpreten, die beidem gerecht werden, und dazu gehört Gidon Kremer. Er trifft genau den gleichen ahnungsvollen Tonfall wie zuvor Mikhail Pletnev - ein Ton, der bei allen Farb- und Stimmungswechseln stets
eine zurückhaltend-kluge Sicht behält und gerade deshalb Substanz hat. Nie lässt sich Kremer zu Extremen hinreißen: weder vom entrückten
Zauber der Anfangspassage, noch
vom entfesselten, aufschäumenden Figurenwerk im späteren Verlauf. Dennoch ist man begeistert von seinen transparent aufsteigenden Linien, dem schmiegsamen, manchmal triumphalen Klang, den makellosen Läufen. Es ist eine eher beiläufige Virtuosität, und umso wirkungsvoller sind dafür jene Passagen, in denen Kremer tatsächlich auftritt wie ein temperamentvoller Zigeunergeiger, der bewusst laszive Akzent setzt. Meisterhaft ist die große Kadenz im ersten Satz, denn hier fokussiert Kremer die Anmutungen des gesamten Werks: Er scheucht sie koboldhaft auf, lässt gar Dämonen durchscheinen – und er tut es mit Maß und Ziel, beinahe nüchtern, dafür aber mit einer inneren Leidenschaft, die keinen unberührt lässt. Und so passiert das Faszinierende: Das Konzert wirkt insgesamt seltsam aufgehellt, alles Dunkle, alles Schwere verschwindet – trotz der pastosen Farben, trotz der aufrührerischen Dramatik.
Danach der Szenenwechsel. Beethovens sechste Sinfonie („Pastorale“) reiht sich nahtlos ein in die akribische Feinarbeit des Sibelius-Konzerts, diesmal aber mit einer luftigen, frühlingshaften Note. Buchstäblich erblühen hier die zarten Passagen, und wenn irgendwo ein Gedanke aufblitzt, so wird er feinfühlig zelebriert. Dieses Zelebrieren schafft eine Atmosphäre ganz im Sinne des von Beethoven gegebenen Hinweises „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“. Bei allem Pulsieren und Vorwärtsdrängen (im ersten Satz) wird Pletnev auch hier dem symbolhaften Moment des Werks gerecht - und damit der kontemplativen inneren Haltung gegenüber dem Naturhaften und seiner harmonischen Ordnung.
Ein Abend wie ein Relief: sorgsam von allen Akteuren in einen einzigen Stein gemeißelt.
(erschienen am 21.04.08 im Badischen Tagblatt, www.badisches-tagblatt.de)
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