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05.05.08
Abbado war der Star des Abends
Eröffnung der Pfingstfestspiele Baden-Baden mit Beethovens "Fidelio"
Der Jubel war überwältigend – doch er war fast ausschließlich Claudio Abbado und dem Mahler Chamber Orchestra zu verdanken. Was sich bei der Eröffnung der diesjährigen Baden-Badener Pfingstfestspiele indessen auf der Bühne abspielte, bewegte sich eher zwischen den Attributen „meist wohlklingend, aber spannungsarm“ - unter einer schwachen Regie, mit einem gewissen Leistungsgefälle bei den Sängern. Doch zum Glück gab es daneben auch den Arnold Schoenberg Chor (Einstudierung: Jordi Casals) und den Coro de la Comunidad de Madrid (Chorleitung: Jordi Casas Bayer) – und gemeinsam setzten die beiden Klangkörper (unter der Gesamtleitung von Erwin Ortner) auch oberhalb des Orchestergrabens im Finale jenen entscheidenden Akzent, der dieser Aufführung schließlich doch noch zu Glanz verhalf.
Chris Kraus, ursprünglich Journalist und Illustrator, ist ein Spätzünder in Sachen Regie. Vertraut ist ihm bisher das Film- Fernsehgeschäft, und dies ist seiner „Fidelio“-Insze-
nierung (seinem Operndebüt) deutlich anzumerken: Er verlegt sich eher auf schlaglichtartiges Abbilden denn auf Ausloten und Ausdeuten. Gerade bei einer Oper wie „Fidelio“, die ohnehin wenig szenische Dramatik enthält
und obendrein die Figuren stereotypenhaft darstellt, führt dies jedoch zwangsläufig zu Längen und Unausgewogenheiten: Die Hand- lung rankt sich im Wesentlichen um die Gefangenschaft und den baldigen Tod des politischen Häftlings Florestan, der unter der Willkür eines Gouverneurs zu leiden hat und dessen Frau als Schließer (in Männderkleidern) im Gefängnis arbeitet, um in seiner Nähe zu sein und ihn befreien zu können - eine recht plakative Gegenüberstellung von Gut und Böse, vom Ideal weiblicher Liebe auf der einen und menschlichen Abgründen auf der anderen Seite. Dass am Ende der Minister Don Fernando als "Deus ex machina" die Bühne betritt und für Gerechtigkeit sorgt, komplettiert zudem das Ideal von der Trinität zwischen Gott, Staatsmann und Bürger.
Wenn man doch wenigstens mit einem überlegten Raumkonzept oder mit konsequenter Lichtstimmung gearbeitet hätte. Stattdessen lässt Chris Kraus, dessen Filmproduktionen mehrfach preisgekrönt sind, die Figuren oft in einer abgeflachten Bühne (Maurizio Balò) agieren – vor einer nüchternen Wand, mit einer Guillotine als Fixpunkt, die ab und zu blankgeputzt wird und am Ende symbolisch fällt, um den Szenen überhaupt eine Ausrichtung zu geben.
Hin und wieder hebt sich die Wand, und dann erblickt man im Halbdunkel der Hinterbühne die Gefangenen in ihren Zellen, halbkreisförmig übereinander getürmt - dies sind beinahe die einzigen Momente, in denen sich die Regie ganz zaghaft die Wirkung verschiedener Ebenen zunutze macht. Ansonsten, so scheint es, sind Bühne und Personen sich selbst überlassen, von einigen ästhetisch wirkungsvollen Bildern einmal abgesehen: beispielsweise das belebte Finale, wo Kerker und Finsternis allmählich einem allgegenwärtigen Licht weichen .
Was auf der Bühne nicht gelingt,
das gelingt dafür im Orchestergraben – nämlich eine perfekte Dramaturgie, ein konsequenter Spannungsaufbau und viel (Klang-)Atmosphäre. Claudio Abbado und das Mahler Chamber Orchstra sorgen für rasche und gekonnte Farbwechsel; in packen-
den Tempi wächst Beethovens Mu-
sik, sie flimmert und bebt vor dü-
steren Vorahnungen, sie verweilt in empfindsamen Rückblenden und Momentaufnahmen.
Ein atmosphärisch kraftvolles Bild ist allerdings das Finale des ersten Aktes: Mit den Gefangenen kriecht zunächst eine lähmende Angst ans Tageslicht, die sich langsam in ungläubiges Staunen wandelt: Eine meisterhafte Darbietung des Chores, der später mit packender Klanggewalt die Befreiung bejubelt und damit die Finalszene – ganz der Dramaturgie entsprechend – über sich selbst erhebt. Diese Befreiung währt allerdings nicht lange, zumindest für den Rest der Gefangenen nicht, und die Tatsache, dass Don Fernando am Ende als Kardinal der (in der Geschichte ebenso machtbesessenen und willkürlichen) katholischen Kirche in Erscheinung tritt, zeigt einmal mehr die Unentschlossenheit des Regisseurs: Erstens ist dies schlicht eine willkürliche Deutung, und zweitens steht die Figur am Ende als Fragezeichen im Raum.
Die Klangpracht des Finales wird durchschnitten von Anja Kampes dramatischen Spitzentönen. Den ganzen Abend über hat die Leonore-Darstellerin gleichbleibenden Wohlklang verströmt, allerdings ohne besondere Glanzpunkte zu setzen, denn dem Klang fehlt es in den oberen Lagen oft ein we-
nig an Geschlossenheit. Nun aber erreicht Anja Kampe ihren stimmlichen Höhepunkt und führt
den kräftezehrenden Part stählern
und spannungsgeladen zu Ende.
Angenehm, strahlkräftig und durch-
weg geschmeidig singt Julia Kleiter die Rolle der Marzelline; nahtlos fügt sich Jörg Schneider als Jaquino ins Ensemble ein. Treffend besetzt ist auch die Figur des Gouverneurs Don Pizarro: Albert Dohmen hat sowohl in Sing- und Sprechstimme jene dämonische Farbe, die nötig ist, um einen stereotypen Bösewicht glaubhaft abzubilden, und daneben bewegt sich Giorgio Surian als Kerkermeister Rocco punktgenau im Zwiespalt aus väterlichem Mitgefühl und pflichttreuem Gehorsam.
Nur Clifton Forbis (Florestan) fällt aus diesem insgesamt homogenen Ensemble (überzeugend auch Diogenes Randes als Minister Don Fernando sowie Ilker Arcayürek und Levente Pall als Gefangene) heraus.
Forbis´ näselnder, enger Tenor hat kaum Entfaltungsmöglichkeiten, und so wird die gewichtige Kerkerszene des zweiten Aktes - durch eine wenig einfallsreiche Regie ohnehin schon geschwächt - beinahe zur Geduldsprobe für das Publikum.
Claudio Abbado blieb der einzige wirkliche Star des Abends. Erst als er gemeinsam mit den Musikern des Mahler Chamber Orchestra die Bühne betritt, flammt plötzlich jener Beifall auf, den man von einer Festspiel-Premiere eigentlich erwartet.
(Fotos: Andrea Kremper)
(Weitere Termine: 05. 05. und 08. 05., jeweils 20 Uhr, 10. 05. 19 Uhr )
Informationen zu den Pfingstfestspielen finden Sie unter www.festspielhaus.de
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