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05.05.08
Geschliffene Melodielinie mit Finessen
Schubertiade Ettlingen startet mit Konzert zum 175. Geburtstag von Brahms
In diesem Jahr richtet die Musikwelt ihren Blick verstärkt auf das Werk des Romantikers Johannes Brahms, der im Mai vor 175 Jahren geboren wurde.
Der Fülle von Empfindungen, dem Heranreifen zum großartigen Liedschöpfer widmet sich die „Schubertiade“ (das Ettlinger „Forum für Liedkunst“) an zwei Abenden; im ersten Konzert konzentrierten sich Hans Christoph Begemann (Bariton) und Thomas Seyboldt (Klavier) vor allem auf die Gedichte von Georg Friedrich Daumer, dessen Werk wohl vergessen wäre, gäbe es nicht die Vertonungen von Johannes Brahms.
Zwar wurde Brahms belächelt, weil er sich mit der Vertonung der Daumer-Texte auf Gedichte mit einigen sprachlichen Unvollkommenheiten eingelassen hat - doch gerade sie bieten einem Komponisten wie Brahms, der sich nie im Detail
verliert, sondern ganzheitliche Stimmungen und große Linien
erfasst, großen Raum für eigene Ausdeutungen.
Im Asamsaal des Ettlinger Schlos- ses fanden wie gewohnt zwei großartige Musiker zusammen. Begemann und Seyboldt erschaffen Bilder mit ihrer Musik: Da ist beispielsweise das leicht atmende Klavier zu Beginn der „waldbekränzten Höhe“, da ist die äußerliche Dramatik in Hans Christoph Begemanns leidenschaftlicher Deklamation und gleichzeitig eine wunderbar nach innen gekehrte Haltung. Traumbilder werden in einen Klang gehüllt, der wie ein vorüber wehender Windhauch erscheint; Qual, Zerrissenheit und Stimmungsaufwallungen klingen niemals gleich, sondern sie sind immer noch fähig zu weiteren Nuancen und Tönungen, und sie brechen auch nicht unvorbereitet über den Hörer herein: Daumers „Unbewegte laue Luft“ op. 57 (die Verschmelzung zwischen Natur und Liebe) hat nicht nur einen geradezu unheimlichen „stehenden Klang“, sondern hier öffnet Thomas Seyboldt mit dem Übergang zur zweiten Strophe einen bedeutungsschweren Raum, der das „Anschwellen des Gemüts“ geradezu voraus ahnen lässt.
Die Verszeilen „Komm, o komm, damit wir uns himmlische Genüge geben“ werden geradezu umflort mit einem zarten und verheißungsvollen Klang - und von außen rundet der Abendgesang einer Amsel das romantische (Natur-)Bild noch zusätzlich ab.
In diesen lebendigen Szenen bewegt sich der ganze Abend, ohne stimmliche Ermüdungserscheinungen, ohne irgendein Abflauen der Spannung. Der gesamte Vortrag wirkt vielmehr wie eine einzige runde, in sich geschliffene Melodielinie – mit etlichen Finessen. Da hört man (in den Vertonungen nach August von Platen, op. 32) im Diskant die Sterne funkeln, da wird der Gesang stellenweise schattenhaft, löst sich auf in einem „betrübten Umherschleichen“ oder bleibt am Ende als unbeantwortete Frage abrupt im Raum stehen.
Am Schluss gibt Hans Christoph Begemann den entflammten Liebenden („O liebliche Wangen“ op. 47, nach einem Gedicht von Paul Fleming ), der Klang bekommt eine ungeheure Sogwirkung, und die entsprechende Reaktion des Publikums bleibt nicht aus: Drei Zugaben geben die beiden; manch einer, der schon gegangen ist, nimmt wieder im Saal Platz – bis die Interpreten mit „Guten Abend, gut Nacht“ andeuten, dass nun endgültig Schluss ist. Aber nur vorübergehend – man darf im Laufe der diesjährigen Schubertiade auf die weiteren Facetten der (Brahmsschen) Liedkunst gespannt sein.
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