12.05.08
Das Streichquartett als Drama
Temperamentvolles "Klenke Quartett" bei den Bruchsaler Schlosskonzerten


Vier Musikerinnen aus Weimar, allesamt Absolventinnen der Hochschule „Franz Liszt“, lassen aufhorchen: Die Mozart -Einspielungen des Klenke-Quartetts bringen Kritiker ins Schwärmen. In der Tat wird unter ihren Händen ein Streichquartett zum packenden Drama; mit einer verblüffend direkten Art fesselten die jungen Musikerinnen auch die Besucher des Bruchsaler Schlosskonzerts.


„Mozarts Themen haben es bereits „in sich“; aus denen Haydns wird sich etwas entwickeln,“ konstatierte einst Mozart-Biograph Alfred Einstein. „In sich“ haben es auch die vier jungen Streicherinnen des Klenke-Quartetts, die Mozarts Streichquartett Es-Dur KV 428 - eines jener sechs Quartette, die Joseph Haydn gewidmet sind – mit einer solch geballten Energie interpretierten, dass man als Hörer am Ende dieses Werks die komplette Bandbreite an Empfindungen und Erregungen durchlaufen hatte.

Klenke QuartettWas diese Themen an Aussagekraft im Kern „in sich“ tragen, das machen Annegret Klenke und Beate Hart-
mann (Violinen), Yvonne Uhlemann (Viola) und Ruth Kaltenhäuser (Violoncello) vom ersten Ton an hörbar. Da brechen flimmernde Bewegungen zu großen Linien auf -
in einem runden, warmen Klang, der von allen ausgekostet wird. Da wird man zuerst in entrückte Sphären hineingezogen, und dann braut sich im nächsten Moment - etwa durch das resolut dazwischenfahrende Cello - eine Atmosphäre voll dichter, brodelnder Spannung zusammen:  Es ist faszinierend, wie hier nicht Töne gesetzt, sondern Wege beschritten werden; wie man die Motive weitet und sie am Ende der Phrase abfängt, um genau an diesem Punkt die Energie für den nächsten Übergang, die nächste Bewegung aufzunehmen.

Kernstück dieses Es-Dur-Quartetts ist der zweite Satz. Mit seiner harmonischen Kühnheit überschreitet er die tonalen Grenzen seiner Zeit; er lässt er den Hörer stellenweise völlig im Ungewissen, manch einer hat aus diesem „Andante con moto“ bereits die Vorahnung zu Wagners „Tristan“ herausgehört. Für viele Zeitgenossen war dieser Satz schlicht „zu stark gewürzt“, und die Musikerinnen scheinen nun genau den Finger in diese „Wunde“ zu legen: Nach einem wunderbar luftigen Beginn wird der Satz konsequent an den Dissonanzen geschärft, man zieht die Strukturen regelrecht auseinander, bleibt dicht am Klang – als Hörer findet man sich stets an der Grenze zwischen changierenden Klängen wieder, die sich aneinander aufreiben.

Danach scheint alles möglich. Man gibt den Schönklang auf zugunsten der dramatischen Spielweise; man fällt sich energisch ins Wort, man unterbricht die sprechende Leichtigkeit und den lockeren Impuls mit abrupt auffahrenden Gesten.

Puccini, dessen Musik innerhalb eines Kammermusik-Abends zu den ausgesprochenen Raritäten gehört, neutralisiert diese Atmosphäre vor dem abschließenden d-moll-Quartett von Franz Schubert.

Der Quartettsatz cis-moll („Crisantemi“) beginnt mit einem schwebenden Ton im Cello, die anderen Instrumente formen und färben ihn, der Klang ist insgesamt fragil, manchmal hauchig – er taucht den Satz in ein brüchiges Licht. Insgesamt befindet sich die Musik immer im Zwiespalt zwischen hingebungsvollen Kantilenen und schmerzvollem Aufseufzen.

Dann der Abschluss, Schuberts Streichquartett d-moll („Der Tod und das Mädchen“): Die Gegenpole aus bitterer, sich dramatisch zuspitzender Todesahnung und gleichzeitiger Erlösung werden hier zu harten, unerbittlichen Kontrasten. Völlig kompromisslos zeigt man im ersten Satz eine geradezu abweisende Kälte, die so lange ausgekostet wird, bis der Klang fast zerbirst. Diese entfesselten Impulse, diese heftigen Regungen werden in einer solch übergroßen Spannung aufgefahren, dass dies manchmal ein wenig zu Lasten der Tonqualität und der (rhythmischen) Feinabstimmung geht. Dennoch: Die wechselvollen Variationen des zweiten Satzes gelingen bildhaft, sie sprechen den Hörer direkt an; der erlösende Kontrast – ein aufatmendes, erhellendes Dur, ein entrückter, dahin gehauchter Klang – all das trifft die Kern-Idee dieses Werks punktgenau.

Und schließlich sorgt als Zugabe eine behutsam angefasste, ungeheuer empfindsame Chaconne von Henry Purcell dafür, dass die Besucher des Schlosskonzerts an jenem wunderbaren Sommerabend nicht mit qualvollen Existenzkämpfen, sondern in einer friedvollen Abendstimmung den Heimweg antreten.



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