14.05.08
Gelungene Momente, zu wenig Geschlossenheit
Thomas Quasthoff, Dorothea Röschmann und die Berliner Barock Solisten bei den Pfingstfestspielen in Baden-Baden


Ein Abend mit Bach-Kantaten – darunter eine der schönsten und ergreifendsten überhaupt: Wenn Thomas Quasthoff unter anderem als Interpret von „Ich habe genug“ (BWV 82) angekündigt ist, verspricht dies ein besonders nachhaltiges Hörerlebnis, insbesondere deshalb, weil die Thematik um solch sensible Gedanken wie Todessehnsucht und Freude auf das Jenseits kreist, mit der Gewissheit, sein irdisches Leben erfüllt zu haben.
Quasthoff zur Seite stand im Festspielhaus Baden-Baden die Sopranistin Dorothea Röschmann – eine wahrhaft große lyrische Stimme, die eigentlich bestens dazu geeignet ist, mehr als nur Schlankheit und barocken Leichtgesang in Bachs Musik hineinzulegen. Am Ende erfüllten sich die Erwartungen insgesamt jedoch nicht so richtig; ganz abgesehen davon, dass das Brandenburgisches Konzert Nr. 3 in diesem Kantaten-Programm ein wenig verloren wirkte: Da es sich hierbei auch noch um das bekannteste und populärste dieser Sammlung handelte, musste man annehmen, dass das Konzert lediglich der Auflockerung dienen sollte.


Thomas Quasthoff Dorothea RöschmannBachs Kantaten lassen viel Raum für opernhafte Dramatik. Aber Dorothea Röschmann überzeichnet diese, und das ist bedauerlich, denn ihre Stimme hat in jeder Lage genug Farbreserven, um „Mein Herze schwimmt im Blut“ (BWV 199) mit behutsamen Ausdrucksnuancen zu versehen. Stattdessen aber wirkt manches aufgesetzt, zuviel Gewicht liegt auf einzelnen  Worten, die so-
mit aus der Phrase herausfallen. Man vermisst hier die wirkliche Intensität, den nach innen gekehrten Gedanken – ganz abgesehen davon, dass ihre Stimme zuviel Vibrato und zu wenig barocke Klarheit zeigt.

Wohltuend ist dagegen die Schlichtheit, mit der sich Thomas Quasthoff Bachs Musik annimmt: Eine Mischung aus Ehrfurcht und tiefem Empfinden, mit dem fast völligen Verzicht  auf einen großen, wirkungsvollen Klang. Nur an wenigen entscheidenden Stellen deklamiert er mit Entschlossenheit, etwa in der Passage: „mit Freuden sag ich, Welt zu dir: Ich habe genug!“ – umso mehr Gewicht erhält die Kantate in jenen Momenten.

Der Klang scheint in der Arie „Schlummert ein, ihr matten Augen“ manchmal fast zu entschwinden, so sehr nimmt sich Quasthoff zurück – und all das wird von der Oboe (Jonathan Kelly) wunderbar imitiert. Überhaupt gelingt hier ein großartiges Zusammenspiel zwischen Sänger und Solo-Instrumentalisten: Die Oboe umschwingt mit Nachdruck; sie interpretiert, trifft stellenweise genau jenen sehnsuchtsvollen Ton, der auf das Jenseits verweist.

Jenes zielgerichtete Ausloten fehlt allerdings im Brandenburgischen Konzert: Zwar werfen sich die Berliner Barock Solisten (Leitung: Rainer Kussmaul) zum Teil recht schwungvoll die Bälle zu, dafür spielen sie aber über viele Passagen etwas zu oberflächlich (und teilweise auch mit kleineren Unsauberheiten) hinweg. Diesen Mangel verstecken sie allerdings hinter einem sehr rhythmisierten Spiel; sie werfen sich mit unglaublichem Feuer in die Tutti-Passgen – als gälte es, genau hier den entscheidenden Boden gut zu machen. Das Publikum ließ sich davon bereitwillig anstecken und reagierte mit begeistertem Applaus.

In der abschließenden Dialog-Kantate „Ich geh und suche mit Verlangen“ (BWV 49), welche die gläubige Seele als Braut Jesu thematisiert, ergänzen sich Röschmann und Quasthoff vortrefflich. Während Thomas Quasthoff im tänzerischen Schluss-Satz jede Textzeile geschmeidig aussingt, hält Dorothea Röschmann einen stringenten, dicht am Klang geführten Choral dagegen, der alles bisher Gesagte zu bekräftigen scheint. Etwas mehr von dieser Geradlinigkeit hätte man sich auch in ihrer Solo-Kantate gewünscht.

Zu Beginn dieses Werks, in der „Sinfonia“, sorgt eine eloquente Orgel mit fadenfein gespielten Läufen (Raphael Alpermann) für einen weiteren Lichtblick – und so gab es an diesem Abend zwar gelungene Momente, insgesamt fehlte es jedoch an Geschlossenheit. 

(Foto: Andrea Kremper)



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