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26.05.08
Mit der Neugier eines Kindes
Punk-Geiger Nigel Kennedy im Festspielhaus Baden-Baden
Es ist, als hätte sich Nigel Kennedy nur mal eben warm gespielt. Nachdem der Punk-Geiger und Allround-Künstler im Festspielhaus sein offizielles Programm beendet hat, kommt er erst so richtig in Fahrt: Montis Czardas wird bei ihm zum Kabarettstück, charmante Clownerien treffen auf eine enorme stilistische Farbpalette.
Nigel Kennedy schöpft aus dem Vollen. Die Show beginnt bereits hinter der Bühne, mit Volksweisen, die er lässig hinstreut. Dann spielt er erst einmal Bach - zur Abrundung, wie er sagt - bevor mit den Violinkonzerten von Mozart (KV 218) und Beethoven das eigentliche Konzert beginnt. Nigel Kennedy scheint alles locker aus dem Ärmel zu schütteln, und es wird schlicht genial. Eben noch gibt er den Entertainer, er steht wie ein verschmitzter Junge auf der Bühne und demonstriert seine Fußball-Leidenschaft mit einem beeindruckenden Schuss quer durch den Saal. Und im nächsten Moment macht er großartige Musik - gemeinsam mit dem ebenso großartigen Polish Chamber Orchestra, das ebenfalls aus einem reichen Fundus an musikalischen Finessen schöpft und dessen künstlerische Leitung Kennedy innehat.
Er spielt Mozart, als hätte er ihn genau in diesem Moment entdeckt: Lässig, furios, zigeunerhaft, kraftvoll und anschmiegsam – sein Spiel
ist voller Neugier. Sämtliche Anmutungen fördert er zutage, freilich ohne sie zu erzwingen. Zwar zieht er manche Pause effektvoll in die Länge, zwar treibt er einige Passagen mit charmanter Überzeichnung auf die Spitze, aber man glaubt ihm einfach alles, und manchmal wirkt es, als sähe man Mozart selbst in kindlicher Launenhaftigkeit herumtoben.
In energischen Motiv-Anfängen nimmt sein Spiel Fahrt auf; überall lauern trotzige Wendungen und heftige Einwürfe, in ruhigen Takten kommt schließlich die entwaffnende Geste. Und im nächsten Moment zieht sich Kennedy völlig zurück: Er spielt nicht nur weiche, kantable Linien - nein, er sinniert darüber. So gibt er den lyrischen Passagen einen besonderen Zauber; sie klingen betörend, geradezu sphärisch-entrückt. Hier scheint die Zeit still zu stehen, genau wie in den Kadenzen: Kennedy spielt genussvoll mit Mozarts Material. Er hebt es, vom Orchester sanft grundiert, auf eine andere Ebene: Filmisch, folkloristisch, minimalistisch, schließlich jazzig angehaucht wachsen seine Einfälle aus dem Konzert heraus und führen behutsam und bruchlos wieder zurück.
Kennedy sucht die Kontraste, die Zuspitzung in den einfachsten Motiven - und damit ist sein Spiel ebenso maßgeschneidert für Beethoven, dessen Violinkonzert dem Solo-Instrument (zumindest im ersten Satz) eigentlich nicht viele Möglichkeiten zur Entfaltung lässt und dessen Reiz eher im dramatischen Verlauf liegt. Die Violine löst sich als ein Teil des Ganzen aus dem Orchester heraus; sie umspielt, sie hakt nach.
Nigel Kennedy und das Polish Chamber Orchestra nutzen hier sämtliche Gelegenheiten, um jene Dramatik in den kleinsten Regungen hörbar zu machen. Themen und Motive erhalten packende Drehmomente, sodass sich die Musik energetisch zusammenzieht und gleich darauf schwerfällig rotierend auspendelt. Die Violine tänzelt dazwischen, das Orchester trumpft auf, danach klingt plötzlich alles wehmütig, klagend, ersterbend: Ein Konzert als spannender Roman. Wie eine verblasste Erinnerung wirkt der zweite Satz, zugespitzt und direkt dagegen das Rondo: Kennedy sucht nicht nur die verspielte, schelmische Pose, sondern treibt die Musik regelrecht an. Der Satz leuchtet anfangs im fein polierten, lupenreinen Dialog zwischen Violine und ersten Geigen, dann pulsiert er, zuckt zusammen, entschwindet in die Ferne und nimmt dennoch immer wieder Energie auf. Das Publikum applaudiert in Stehen, und als der Geiger danach musizierend durch die Reihen spaziert und sich mit dem Orchester bei „Purple Haze“ (Jimi Hendrix) komödiantische Duelle liefert – da klingt der Abend schließlich als Pop-Konzert aus.
(erschienen am 26.05. im Badischen Tagblatt, www.badisches-tagblatt.de)
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