27.07.08
Glanzvoller Auftakt der Sommerfestspiele: Tannhäuser in Baden-Baden
Nikolaus Lehnhoff (Regie), Philippe Jordan (musikalische Leitung) und ein hervorragendes Ensemble begeistern das Publikum


Eine geschwungene Freitreppe ist Blickfang und Konstante auf der Bühne des Festspielhauses; sie verbindet Szenen und Ebenen: das Himmlische mit dem Irdischen, das Heilige und Erlösende mit Begierde und Schuld. Sie ist die Lebensspirale, die alles in Bewegung hält, und gleichzeitig der Schraubstock, der Begrenztheit symbolisiert.
Über diese Treppe schwebt Elisabeth herunter, in unschuldigem, bräutlichen Weiß, mit blondem Haarkranz – und gleichzeitig so erhaben, denn aus Liebe tritt sie für den Anarchisten Tannhäuser ein und damit der tumben Wartburg-Gesellschaft entgegen.
Über diese Treppe gelangt sie in den Himmel, und die erlöste Seele Tannhäusers folgt ihr. Und diese Treppe führt ebenso hinab in den Venusberg, dem (utopischen) Ort des ewigen Genusses und der ungezügelten Fantasien. Venus, die Göttin im ausladenden barocken Gewand, steht wie angewurzelt und strahlt dennoch uneingeschränkte Autorität aus.

„Tannhäuser“ (hier als Ko-
produktion mit der Nederlandse Opera Amsterdam) ist ein Gesellschaftsdrama; mit den zeitlosen Themen „Außenseitertum“ und „Freiheit des Künstlers“: im Zentrum die Erkenntnis, dass der Anarchist, der sich jenseits aller Etikette nimmt, was er will, in dieser Zügellosigkeit nie zur Ruhe kommt. Seelenheil verschaffen ihm weder der Inbegriff von Schönheit und Begehren (Venus), noch die selbstlose Liebe (Elisabeth) und der Pilgerweg nach Rom, sondern letztlich nur die Auflösung der Gegensätze im Tod – in Elisabeths Opfertod und in seinem eigenen.

Die Venusberg-Szene zeigt sexuelle Lust, gleichzeitig aber auch Oberflächlichkeit und kühle Distanz. In enge Häute zwingt man die Tänzerinnen und Tänzer (Choreographie: Amir Hosseinpour, Jonathan Lunn), sie wirken wie Insektenlarven, sie sich über die Bühne winden. Zwar gibt es körperliche Annäherungen, aber die Personen bleiben gesichtslos; Sexualität und Seele werden hier einander entkoppelt, der Eros entpuppt sich als Illusion, weil dauerhafte Lust übersättigt und das Menschliche aus den Augen verliert. Erst kurz bevor Tannhäuser den berüchtigten Ort verlässt, entledigt sich Venus ihrer künstlichen Hülle und erscheint als Frau aus Fleisch und Blut – verführerisch, aber möglicherweise auch in ihrer gesamten Verletzlichkeit und Unerfülltheit.

Regisseur Nikolaus Lehnhoff ist ein kluger Wagner-Exeget; er begnügt sich mit wenigen Handgriffen, um alles zu sagen. Und genau diese souverän-respektvolle Haltung gegenüber Wagners Werk, diese Klarheit und Stringenz bringen dem
Team (Bühnenbild: Raimund Bauer, Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer, Licht: Duane Schuler) schließlich die uneingeschränkte Zustimmung des Publikums - laute Bravos und keinerlei Proteste sind wahrlich selten.

Leichte Schwächen hat dafür der zweite Akt. Zwar schaffen tausende von Glühlampen und  glitzernde Elvis-Kostüme, dazu ein Mikrofon für den Sänger-Wettstreit eine Atmosphäre von Varieté und Glamour, die zu modernen Gesangswettbewerben durchaus passt. Und genau dieser Glamour scheint wiederum die Oberflächlichkeit der feinen Gesellschaft zu entlarven. Das alles verliert jedoch ein wenig an Glaubwürdigkeit, weil es der Sängerkrieg-Szene an Bewegung mangelt. Dass die Streiter für Tugend und Frauen-Ehr sehr blass agieren, ist noch durchaus konsequent, denn schließlich handeln sie gesellschaftskonform. Aber auch dem Rebellen Tannhäuser fehlt es an Leidenschaft – sein abruptes, ungezügeltes Wesen, sein Außenseitertum nimmt man ihm hier nicht ab.
Der dritte Akt ist hingegen atmosphärisch sehr gelungen: geisterhaft die Lichtspiele, welche die beleuchtete Treppe in die schwarze Ödnis wirft; die Öffnung nach oben schafft die Möglichkeit der Erlösung.

Kaum besser könnte zudem die Sängerbesetzung sein: Gran-
dios ist der Auftritt von Waltraud Meier als Venus; die Verbindung aus starkem Spiel und glutvoller Stimme, die sie stets gerade und mit ungeheurer Strahlkraft durch alle Register führt – genau das macht die Figur rund.
Dasselbe gelingt auch Camilla Nylund (Elisabeth): Ein Sopran mit lichter Höhe und warmer Mittellage, ohne Schärfen und Unausgewogenheiten, mit derselben darstellerischen Klarheit. Dazu setzt Stephen Milling (Landgraf von Thüringen) mit seinem kernigen Bass ein väterliches Gegengewicht, und Robert Gambill ist ein Tannhäuser, wie man ihn sich nur wünschen kann: stimmlich kraftvoll, obertonreich und geschmeidig; lediglich mit leichten Einbrüchen im zweiten Akt, wo es ihm an Durchschlagskraft fehlt. Packend (auch darstellerisch!) gelingt ihm allerdings die Rom-Erzählung, zuvor sorgt Roman Trekel (Wolfram von Eschenbach) mit dem Lied an den Abendstern für einen berührenden, andächtigen Moment.

Der Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh; Choreographie: Denni Sayers) liefert berückende Pilger-Gesänge - schade ist jedoch, dass der Rhythmus ausgerechnet beim Einzug der Gäste völlig aus dem Ruder läuft. Dafür sorgen die Protagonisten des Sänger-Kriegs (Walther von der Vogelweide: Marcel Reijans; Biterolf: Tom Fox; Heinrich der Schreiber: Florian Hoffmann; Reinmar von Zweter: Andreas Hörl) für erstklassigen Ensemble-Gesang; sehr überzeugend zuvor Katherina Müller als junger Hirte.

Eine bestaunenswerte Wagner-Entdeckung ist jedoch der erst 33jährige Schweizer Dirigent Philippe Jordan, zugleich „Principal Guest Conductor“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden: Er führt das hervorragende Deutsche Symphonie-Orchester Berlin durch Wagners dichte Partitur, er ist ein Meister des Spannungsaufbaus und der zugespitzten Dramatik. Man spürt Tannhäusers Besessenheit und das ekstatische Flimmern im Venusberg – eine Musik, die sich emporschraubt und immer enger zusammenzieht, die schwül klingt und dann wiederum hell und sphärisch.

Eine Verschmelzung der Ausdrucksformen auf allen Ebenen - ganz im Sinne Wagners!

(Fotos: Andrea Kremper)



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