28.07.08
Klangpoesie, diffuses Licht und große Steigerungswellen
Baiba und Lauma Skride bei den Sommerfestspielen


Zwei Gegenpole setzen die jungen lettischen Schwestern Baiba und Lauma Skride (Violine und Klavier) bei ihrem Duo-Abend im Festspielhaus – und dazwischen spielt sich allerhand Faszinierendes ab: Der erste Teil des Abends steht ganz im Zeichen eines leichten und empfindsamen Tons; später kommen Dramatik und viel Zwielichtiges hinzu, und alles ist gleichermaßen überzeugend.

Schuberts D-Dur-Sonatine und Beethovens Es-Dur-Sonate op.12 zeigen unverkennbar den Geist Mozarts. Gerade bei Schubert gelingen den beiden Schwestern zarte und poetische Momente; einfach, erzählerisch und beinahe lieblich – aber dann im richtigen Augenblick sprudelnd vor Übermut.

Baiba und Lauma Skride im Festspielhaus Baden-BadenDie Beethoven-Sonate gehört in die frühe Kategorie jener Wer-
ke, die vom Klavier dominiert werden, während die Violine noch ein eher Begleitinstru-
ment ist, und dementsprechend tritt nun Lauma Skride hervor – sie brilliert mit langen, ausgedehnten Läufen, sie singt die Phrasen im zweiten Satz genießerisch aus. Und trotzdem begnügt sich ihre Schwester Baiba nicht mit der Nebenrolle; sie greift beherzt zu, wo es irgendetwas anzupacken gibt, ihr Spiel ist extrovertiert und sehr präsent.
Vor allem im Mittelsatz gibt Beethoven der Violine nun ihre Bühne: Hier entspinnen sich behutsame Dialoge zwischen beiden Instrumenten.  

Dann ein harter Schnitt; Szenenwechsel ins zwanzigste Jahrhundert: Vor der sperrigen Schostakowitsch-Sonate op. 134 steht Olivier Messiaens „Thème et variations“, und dieses Stück nimmt – in verblüffender Leichtigkeit – ganz ähnliche Farbspiele schon vorweg. Es beginnt geheimnisvoll: in einem entrücktem Zauber, vom Klavier in immer neue Farben getaucht, mit geschliffen feinen Auf- und Abgängen, mit heftigen Impulsen. Ein ständiger Wechsel aus Öffnung und Rückzug, aus Erregung, Härte und feierlicher Brillanz – bis dann die Musik einfach verschwindet: Sie verdunkelt sich, gleitet ab und schließt unmissverständlich und endgültig.

Eine ungeheure Atmosphäre - und sie verdichtet sich, als die beiden ausdrucksgewaltigen Schwestern das Publikum durch Schostakowitschs dramatische Steigerungswellen führen.
Eine schlichte Intervall-Reihe zu Beginn hüllt die Sonate in einen zwielichtigen Schimmer – ein Tasten und Suchen, ein Ausloten von Räumen. An Motivfloskeln hält man sich kurz fest und verlässt sie wieder ; da unterlegt das Klavier mit düsterem Pochen, man wird schärfer, eindringlicher. Tänzerische Rhythmen entstehen, die jedoch einen seltsam marionettenhaften Charakter haben.
Für Gänsehaut-Atmosphäre sorgen die beiden – und dies bei einem Stück, das den Interpreten an Technik alles abverlangt und sich dem Zuhörer normalerweise nur schwer erschließt.
Die Impulse werden durchbrochen von unglaublich zarten Flageoletts: Baiba Skride spielt sie glatt, rein und funkelnd, später scheinen diese Klänge dann in einem geräuschhaft-eisigen Stegspiel zu gefrieren.

Baiba und Lauma Skride suchen die Extreme im Ausdruck. Der erregte zweite Satz klingt wie ein Tanz auf dem Vulkan, die vorwärts drängenden Bewegungen scheinen wahnwitzig und wirr.
Und dann die große Passacaglia, die das Werk abschließt: Eine Atmosphäre von feierlicher Andacht, die immer wieder ins Geheimnisvolle abdriftet; ein Gang durch Höhen und Tiefen, mit breit um sich greifenden Linien.
Schillernd, diffus und geisterhaft endet die Sonate. Zaghaftes Applaudieren holt die Hörer zurück in die Realität; erst dann gibt es langen, bewundernden Beifall. 

(Foto: Festspielhaus Baden-Baden)



zurück zur Hauptseite

zurück zu "Kritik"



Links zum Thema

Festspielhaus

© Pamina Magazin, Redaktion, Impressum