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12.09.08
Erhabenes zum Jubiläum
Lorin Maazel und das New York Philharmonic mit Bruckners Achter im Festspielhaus
Zehn Jahre Festspielhaus haben Gewicht in der hiesigen Kulturlandschaft. Der Baden-Badener Musentempel ist Deutschlands größtes Konzert- und Opernhaus, hinter der Pariser „Opéra de Bastille“ sogar das zweitgrößte in Europa. Für dieses Gewicht sorgen musikinteressierte Bürgerinnen und Bürger, denn aus ihren Reihen formiert sich unter anderem der „Freundeskreis Festspielhaus“, welcher den privat finanzierten Spielbetrieb trägt.
Und so wendet sich Intendant Andreas Mölich-Zebhauser, kaum dass er zur Eröffnung der Geburtstagsfeierlichkeiten die Bühne betreten hat, zuerst ans Publikum im standesgemäß ausverkauften Saal: „Mein erster Dank gilt Ihnen - denn Sie haben einer großartigen Idee eine Chance gegeben, die unsere Kurstadt verändert hat.“
Von künstlerischer Seite taten dies in der schwierigen Anfangsphase vor allem Valery Gergiev und Anne-Sophie Mutter, welche die Gastfreundschaft und Atmosphäre des Hauses gleichermaßen schätzen. Hierbei steht Mölich-Zebhauser offensichtlich ein Team zur Seite, welche diese Ansprüche „mit Ideenreichtum und unermüdlicher Energie“ in die Tat umsetzt.
In diesen zehn Jahren, so bemerkt
der Intendant, „hat sich jedoch auch die Welt verändert“. Dass der Dirigent Lorin Maazel, künstlerischer Leiter des New York Philharmonic, nun mit seinem Orchester den Abend des 11. September in Baden-Baden begehe, sei „eine besondere Auszeichnung und Ehre.“
Bruckners Achte, jenes gewaltige Werk voller Erhabenheit, das zur damaligen Zeit in ein völliges Neuland vordrang und alles bisher Gewesene hinter sich ließ, ist eine kluge Wahl. Die Sinfonie wird beim Publikum
einen außerordentlichen Eindruck hinterlassen; nach und nach ziehen
Maazel und das New York Philharmonic die Zuhörer in ihren Bann.
Das Thema des ersten Satzes beginnt; es stockt, setzt immer wieder neu an: Zunächst in den drängenden Streichern, deren Farbpalette vom üppig-satten Goldton bis hin zur aquarellartigen Mischung reicht, und danach in den strengen Blechbläsern, die ihre massiven Klangblöcke mit großer Festigkeit dagegenhalten. Der Beginn der Sinfonie ist ein dauerhaftes Umkreisen der eigentlichen Tonart, und dies bedeutet: Suchen, Tasten, Changieren und Oszillieren. Das ständige Anschwellen der Steigerungswogen, das Abflauen und Verdichten, das Zerstäuben der Klänge und die anschließende Bündelung zum durchdringenden Laserstrahl – all das fließt mit einer beeindruckenden Ruhe und Selbstverständlichkeit aus diesem großartigen Klangkörper heraus. Ebenso ruhig, geradlinig und wohldosiert in seinen Gesten steuert Lorin Maazel die Musiker durch die gewaltige Partitur, durch die langsam sich aufbäumenden Klangwogen, die ganz allmählich Fahrt aufnehmen, dann eine enorme Sogwirkung entfalten und sich immer wieder in aufpeitschenden Höhepunkten entladen.
Lorin Maazel weiß, wie man aus der Ruhe heraus Bewegung schafft, wie man die Spannung in der Entschleunigung findet. Und er weiß, wie man aus Klängen Bildern macht. Das Scherzo behält stets sein unterschwelliges Drehmoment – es pflanzt sich fort über die beherzten Celli, die flimmernden Violinen, das poesievolle Trio bis hin zum abrupten Schluss.
Das Adagio ist schließlich eine Welt für sich - mit ruhevollem Strömen als Keimzelle, und aus dieser Keimzelle entwickelt sich ein allmählich nach oben strebender Bogen: schicksalhaft in den tiefen Streichern, aufgehalten und abgeflacht in einem betörend abgleitenden Holzbläsermotiv. Mehrmals setzt das Adagio zum triumphalen Gipfelsturm an, mit einem forcierenden Drang, in dem die Spannungsbögen manchmal fast überdehnt werden. Und plötzlich schnellt ein Klangstrahl in die Höhe, vor dem der Rest des Satzes zurückweichen muss: Die erneut aufkeimende Musik klingt danach wie bekehrt, so andächtig und beinahe benommen ist Atmosphäre.
Ebenso lang wie dieser eindrucksvolle dritte Satz ist das Finale, und es gelingt Maazel, dem Driften und Strömen, dem Überquellen und Emporzüngeln in der Musik auch nach dem erhabenen Adagio zu neuer Frische und einer ganz eigenen Spannung zu verhelfen, bis die gesamte Energie schließlich in die feierlich-ruhige Coda fließt und das Werk mit wahrer Größe zu Ende bringt.
(Fotos: Andrea Kremper)
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