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15.09.08
Feinsinniger Klangregisseur
Thomas Hengelbrock und die Balthasar-Neumann-Ensembles mit Bach-Kantaten
Mit Thomas Hengelbrock verbindet man im Festspielhaus unter anderem die schönsten Bach-Aufführungen in der zehnjährigen Geschichte, und deshalb gehört der zweite Jubiläums-Abend jenem feingeistigen Klangregisseur und seinen fabelhaften Balthasar-Neumann-Ensembles. Hengelbrocks Suche nach dem historischen Klang, so resümiert Intendant Andreas Mölich-Zebhauser, seien „Abenteuer-Reisen durch die Klanglandschaft der Komponisten“, nicht zuletzt auch durch seine „lustvolle Art, Oper zu dirigieren“.
Doch auch Bachs Musik steckt voller Dramatik: Beispielsweise die Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ - eigentlich eine Adventskantate, in der die Sehnsucht der gläubigen
Seele mit einer erotisch anmutenden Erregung ausgedrückt wird.
Diese Erregung durchzieht bereits das Orchester-Vorspiel, mit einem unterschwelligen Pochen, wohldosiert und auf den Punkt gebracht. Ein leise gerauntes „Mitternacht heißt diese Stunde“ kündigt das Geheimnis an, ein elegant geführtes „Halleluja“ verdichtet sich in den Stimmen, und darüber wölbt sich ein schlanker Choral im Sopran: Das ist Ensemble-Kultur vom Feinsten – und so transparent, dass man darunter auch noch den kräftig pulsierenden, nicht minder dicht geschriebenen Instrumentalpart in sämtlichen Facetten wahrnimmt. Schlicht und eindringlich sind die Duette zwischen Solo-Sopran (Heike Heilmann) und Bariton (Stefan Geyer): Zart und verhalten, aber voller Sehnsucht interpretieren sie „Wann kömmst du, mein Heil“, und die Solo-Violine streckt sich behutsam zwischen beiden aus; sie schafft jene Vereinigung, die in den Stingstimmen noch unausgesprochen bleibt. Freudig bewegt dann das spätere Zwiegespräch, wo sich die Verschmelzung zwischen Jesus und der Seele vollzogen hat: mit leise sprechenden Koloraturgirlanden, mit einer parlierenden Oboe, deren Intimität auch einige leichte Irritationen keinen Abbruch tun.
Die Ausdruckskraft und Präzision des Balthasar-Neumann-Chors erfährt in der kunstvollen Motette „Jesu, meine Freude“ noch eine Steigerung: Auch hier erreicht Hengelbrock ein Spektrum aus sehnsüchtigem Verlangen, aus Freiheit und Reinheit („Denn das Gesetz“), aus sanfter Eindringlichkeit bis hin zu einer wunderbar schwebenden Körperlosigkeit („Ihr aber seid nicht fleischlich“).
Zum eindringlichen Appell wird die vorwiegend solistisch besetzte Kantate „Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei“. Diesen nachdrücklichen und anklagenden Ton trifft Henning Kaiser (Tenor) trotz leicht angestrengter Höhe; die Ruhe und Beseeltheit des wahrhaft Gläubigen bringt indessen Ralf Grobe (Bass) zum Ausdruck, und schließlich gelingt Antonia Bourvé (Sopran) ein flehendes „Liebster Gott, erbarme dich“, das bildhaft die Empfindungen einer Seele freilegt, die sich nach dem Heil sehnt.
Einen feierlich bewegten Schlusspunkt setzt schließlich die Pfingstkantate „O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe“, deren Lodern und Brennen im Orchester - jetzt um strahlende Blechbläser erweitert – spätestens zu diesem Zeitpunkt vollständig auf das Publikum übergreift. Denn hier bringen Thomas Hengelbrock und die Balthasar-Neumann-Ensembles nochmals alle Regungen eines gläubigen Herzens zum Ausdruck: Feierlich frohlockend, zart aufatmend, erwartungsvoll im Tenor-Rezitativ (Julien Podger) und in einem betörenden Alt-Solo (Marion Eckstein) schließlich ruhevoll-beschwichtigend: „Wohl euch, ihr auserwählten Seelen“.
Drei Zugaben fordert das Publikum, und der Ausklang des Konzert kann – ganz der klugen Dramaturgie entsprechend – demnach nur in der völligen Befriedigung liegen: Diese erklingt zuerst in Bachs „Jesus bleibet meine Freude“, danach in Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ und schließlich in Max Regers „Die Nacht ist kommen“.
Das Publikum spürt: Nun ist alles gesagt.
(Foto: Andrea Kremper)
(erschienen am 15.09.08 im Badischen Tagblatt, www.badisches-tagblatt.de)
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