16.09.08
Zehn Jahre Festspielhaus - ein rundum klingender Musentempel
Große Bandbreite bei den Geburtstags-Feierlichkeiten: Ein Rückblick


Wer an den vergangenen Tagen das Baden-Badener Festspielhaus besuchte, der erlebte zum Jubiläum nicht nur hochkarätige Konzerte und eine glanzvolle Festbeleuchtung, sondern ein rundum klingendes Haus, das seine Pforten weit öffnete für sein großes Publikum.

Festspielhaus Baden-BadenMusik-Märchen und Jazzfrühstück, dazu stündliche Führungen an den Konzerttagen: Unter dem Motto „Klassik entdecken“ konnte man hierbei das Haus vom Keller bis zum Dach durchstreifen, und an allen Orten, die einen derartigen Spielbetrieb ausmachen, tönte dem Besucher Live-Musik entgegen: Eine Harfenistin auf dem Weg zur Belüftungsanlage, eine Mezzo-Sopranistin in der Künstlergarderobe, ein Saxofon-Quartett am Ausgang.
Dieses Bild hat Symbolcharakter: Künftig will man im Festspielhaus verstärkt jene Distanz überbrücken, die normalerweise zwischen Bühne und Publikum besteht; beispielswei-
se möchte man den Zuhörern die Werke gezielt näher bringen: unter anderem mit Seminaren und Einführungen durch die Künstler
selbst.

Seit sechs Jahren achtet man zudem sehr sorgsam auf den Hörer-Nachwuchs: Für die Programme der Jugend-Reihe „Kolumbus – Klassik entdecken“ interessierten sich bislang etwa 14 000 Schülerinnen und Schüler.
Was liegt da näher, als den Jugendlichen direkt vor Augen zu führen, was Musik in einer Gesellschaft bewirken kann, wenn eine geniale Idee von visionären Politikern umgesetzt wird. Das „Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela“ (benannt nach dem südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfer) entspringt einer großen Orchesterbewegung: 1975 rief der Musiker und Ökonom José Antonio Abreu in Venezuela ein System ins Leben, das Jugendlichen eine musikalische Ausbildung ermöglichen sollte, um sie aus den Slums und den Jugendgefängnissen zu holen. Denn: „Das Schlimmste an der Armut ist nicht das Fehlen von Brot, sondern das Fehlen von Identität und Selbstwertgefühl.“
Jene Identität entdecken inzwischen 250 000 Kinder an kostenlos zur Verfügung gestellten Instrumenten, die sie in 90 vom Staat finanzierten Musikschulen erlernen und später in insgesamt fast 200 Kinder- und Jugendorchestern erproben können.

Preis für beispielhafte Jugendarbeit: Gustavo Dudamel

Diesem „Sistema“ verdankt auch der erst 27jährige Gustavo Dudamel sein Können; inzwischen steht er am Pult des „Simón Bolívar Youth Orchestera“, das die größten Talente des Landes im Alter von 16 bis 26 Jahren in einem Klangkörper vereint.
Der charismatische Dudamel gehört bereits zu den großen Pultstars; Plattenfirmen und Konzerthäuser reißen sich um ihn, im Festspielhaus erhielt er nun den mit 10 000 Euro dotierten Preis der „Jeunesses Musicales Deutschland“ und der Stiftung Würth.

Gustavo Dudamel und das Simon Bolivar Youth OrchestraSeinen temperamentvollen Nachwuchskünstlern legte Dudamel Mussorgksys „Bilder einer Ausstellung“ und Strawinskys „Sacre du Printemps“ aufs Pult; die öffent-
liche Generalprobe ist ganz auf ein ebenso junges Publikum zugeschnitten.
Der Musikwissenschaftler Dariusz Szymanski – den Festspielhaus-Besuchern vor allem durch seine Konzert-Einführungen bekannt –
lenkt den Blick auf die Besonder-
heiten der Orchester-Partitur, die Maurice Ravel auf der Grundlage
eines Klavierwerks schrieb.

„Mussorgsky hat viele Passagen ein- oder zweistimmig geschrieben, da musste Ravel ganz schön tricksen, als er die Orchesterfassung ausarbeitete“, erklärt Szymanski. Gustavo Dudamel und seine jungen Musiker illustrieren diese Ausführungen prompt mit Klangbeispielen – und man hört, dass an manchen Stellen Streicher-Glissandi oder flächige Becken-Geräusche als „Klebstoff“ eingebaut wurden. „Toll, wie das hier erklärt wird“, freut sich eine Mutter, die mit ihren beiden Kindern da ist.

Und dann kann man nur noch staunen über das, was auf der Bühne passiert. Mehr als 200 Jugendliche sitzen dicht gedrängt, aber voller Bewegungs- und Musizierfreude; man wirft sich spanische Brocken zu, man lacht und klatscht, hört jedoch aufmerksam, was der junge Dirigent zu sagen hat. Der zierliche Gustavo Dudamel geht beinahe unter in der eindrucksvollen Masse – aber wenn er die Arme hebt und seinem Klangkörper die ersten Töne entlockt, dann zieht sein drahtiges Dirigat alle Blicke auf sich.
Eine Atmosphäre aus Spaß, Temperament und großer Disziplin - geballte Energie, die sich im richtigen Moment zu fabelhafter Ausdruckskraft und höchster Klangpräzision entlädt. Eine groß angelegte, klangprächtige Promenade, ein düster grummelnder Gnom, dazu vorwitzige Küken und zum Abschluss das Tor von Kiew: so mächtig und strahlend, dass man ehrfürchtig daran emporblicken möchte. Die jungen Konzertbesucher sind begeistert, im Saal ist es mäuschenstill.

„Faszinierend, was die da machen“, flüstert eine junge Frau in der Pause ihrer Nachbarin zu. Und ein Schüler ruft: „Das motiviert mich, wenn ich sehe, was man aus den Instrumenten alles herausholen kann.“
Strawinskys „Sacre du Printemps“ ist ein harter Brocken, für junge Interpreten und junge Zuhörer. Aber dann wird die Bühne schnell zum Hexenkessel: Aufgeheizte, temporeiche Bewegungen in der Musik, die am Ende von grobem Stampfen hart zerschlagen werden.
Als sich Gustavo Dudamel nach den Beifallsstürmen wieder hinsetzt, um seinem Orchester vor dem Auftritt noch letzte Anweisungen mit auf den Weg zu geben – da harrt das Publikum minutenlang geduldig aus, als befürchte es, noch irgendein Detail dieser beeindruckenden Vorstellung zu versäumen.

Geburtstagskonzert mit "Dirigent der ersten Stunde" Valery Gergiev

Beispielhaft für die Bandbreite des Festspielhauses waren die vier Jubiläums-Konzerte: Internationale Spitzen-Klangkörper wie das New York Philharmonic, Hochkarätiges aus Baden-Württemberg wie die Balthasar-Neumann-Ensembles, dazu der hoffnungsvolle Star einer fulminanten Jugendorchester-Bewegung – der Komponist und Dirigent Pierre Boulez brachte es in seiner Festrede zum Abschluss der Feierlichkeiten auf den Punkt: Das Markenzeichen des Hauses sei nicht etwa, wie bei anderen bedeutenden Festspielhäusern, eine „sommerliche Unterhaltungskultur“, sondern vielmehr ein spielzeitübergreifender Betrieb mit Programm-Schwerpunkten, die gleichermaßen auf eine lokale, regionale und internationale Ausstrahlung abzielten.
Nur so bleibt ein privat finanzierter Spielbetrieb dauerhaft für ein großes Publikum attraktiv.

„Eine verrückte - nein, eine kühne, eine radikale Idee“, beschreibt Boulez die Anfänge des Festspielhauses. Radikalität führe zwar oft in die Katastrophe, sei aber auch unbedingt notwendig, um wirklich innovativ zu sein. Und so verrät Boulez, einer der wichtigsten Persönlichkeiten in der Musik der Gegenwart, gleich seine eigenen Träume für das Haus: Einen kleinen Saal für intimes Publikum - die richtige Umgebung für Kammermusik oder zeitgenössische Werke, denn schließlich spielt zeitgenössische Kunst dank des Museums Frieder Burda in Baden-Baden bereits eine gewichtige Rolle: „In unserem musikalischen Reichtum muss das Erbe immer neu belebt und aktualisiert werden.“

Angesichts der großen Pläne, von denen man mittlerweile im Festspielhaus getrost träumen darf, mutet die Beinahe-Pleite vor zehn Jahren - aus künstlerischer Sicht betrachtet von John Neumeier – fast wie eine launige Anekdote an. Mit Baden-Baden, so der Hamburger Ballettchef, habe er bis dahin lediglich eine „Tingelei im Casino“ verbunden, um sich zusätzliches Geld zu verdienen.
Dann stand im Sommer 1998 das erste Gastspiel mit dem Hamburg Ballett bevor, und die Nachrichten aus der Kurstadt waren recht bedenklich. „Aber ich bin Amerikaner und schaue voraus", erklärt Neumeier,  „und als nach der Generalprobe schließlich Andreas Mölich-Zebhauser als neuer Intendant vorgestellt wurde, da schien plötzlich die Sonne ins Halbdunkel hinter der Bühne.“
John Neumeier, der neben Anne-Sophie Mutter und vielen anderen renommierten Künstlern die familiäre Atmosphäre des Hauses schätzt und längst seinen festen Platz im Spielbetrieb hat, war zum Glück nicht der einzige, der damals die Zeichen richtig deutete und an die Idee dieses Hauses glaubte.


Valery Gergiev und das Mariinsky OrchesterDass das Festspielhaus heute auf tragfähigen Säulen steht, ist nicht zuletzt Valery Gergiev zu verdanken, dem Dirigenten der ersten Stunde,
der einst den Kontakt zum amerikanischen Milliardär und Mäzen Alberto Vilar herstellte.
Gergiev und das Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg bestritten denn auch das offizielle Geburtstagkonzert: Mit opulenten Klängen aus der Heimat; mit Tschaikowskys Klavierkonzert b-moll und der fünften Sinfonie, begleitet von fernsehtauglichen Leinwand-Projektionen in warmen Herbsttönen und flammendem Rot-Grün (das Konzert ist am 21. 09. um 9.15 Uhr im SWR-Fernsehen zu sehen).

In ebenso überbordenden Farben schwelgen die Musikerinnen und Musiker in der Ouvertüre zu Mendelssohns „Sommernachtstraum“, die sie auch bei ihrem ersten Konzert vor zehn Jahren im Gepäck hatten, und danach begeistert der Pianist Alexei Volodin im b-moll-Konzert: Mit sprühenden Läufen entwickelt er die Musik nach vorne, funkelnd im Diskant, nach innen gekehrt im sanften Seitenthema, das so klingt, als hätte Volodin es eben ersonnen. In der Kadenz wird sein Spiel zwischenzeitlich ganz luftig und wolkig – und so durchsichtig, als sei es reflektierendes Wasser. Im zweiten Satz umspielen zarte Bewegungen in allen Instrumentengruppen das Thema; im ungestümen wie brillanten Finale enteilen die Motive, sie flammen auf und bringen das Werk zu einem fulminanten Abschluss.
Dieser Eindruck kann nur noch durch sinfonische Größe gesteigert werden: Mit den dramatischen Schicksals-Rufen und den jähen Ausbrüchen in der e-moll-Sinfonie. Gergiev lässt die Musik düster aufwallen und aus der Tiefe heraus atmen; er lässt sie aufseufzen, breit zerfließen und leichtfüßig tänzeln, er treibt sie im Finale bis zum Äußersten.
Ein triumphaler Siegesmarsch und stehende Ovationen im ausverkauften Haus setzen den Schlusspunkt unter dieses Jubiläum. 

Fotos: Andrea Kremper (Festspielhaus und Valery Gergiev); Marcus Gernsbeck (Gustavo Dudamel).



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