05.10.08
Rossini mit Biss
Zündender "Barbier von Sevilla" im Festspielhaus Baden-Baden


Rossini „al dente“ versprach der Begleittext zur Oper – denn so versteht Thomas Hengelbrock seine Interpretation des „Barbiere di Siviglia“ nach der kritischen Ausgabe des Rossini-Spezialisten Alberto Zedda. Das heißt im Klartext: Rossinis zündende Musik, im Laufe des 20. Jahrhunderts weichgekocht vom breiten Klang des Homogenitäts-Ideals, sollte ihre alte Schärfe, ihren alten Biss zurückbekommen.

Barbier von Sevilla Festspielhaus Baden-BadenWas das bedeutete, war nun im Festspielhaus-Baden-Baden zu erleben: Ein Klang mit ganz eigenem Profil, der die Szenen buchstäblich anfeuerte – die Szenen jener Oper, die nach einem misslungenen Start (der größtenteils den Intriganten um den Rossini-Kontrahenten Giovanni Paisiello zuzuschreiben war) schließlich einen unaufhaltsamen Siegeszug durch Europas Opernhäuser antrat.
Dem erst 24jährigen Rossini war 1816 mit dem „Barbier“ ein großer Wurf geglückt: die Opernkomödie schlechthin, nämlich eine verworrene „Figaro“-Geschichte nach dem Schauspiel von Beaumarchais – allerdings mit dem pfiffigen Figaro als heimlichem Herrscher der Stadt, der geschickt die Fäden zieht und (gegen üppige Bezahlung) seinen Mitmenschen zuliebe schon mal tief in die Trickkiste greift, um beispielsweise der Liebe zu ihrem Recht zu verhelfen: Rosina, von ihrem Vormund Bartolo wegen ihrer Mitgift begehrt und deshalb im Haus festgehalten, ist beim jungen Grafen Almaviva sichtlich besser aufgehoben. Doch es bedarf eines ausgeklügelten Fluchtplans und einiger Täuschungsmanöver, um den schrulligen Alten endlich aus dem Verkehr zu ziehen. 

Die Musik peitscht diese vertrackte Handlung nach vorn – und zwar in allen Ausdrucksfacetten. Rossini schuf eine völlig neuartige Qualität aus dramatischer Schubkraft und Klang-Erotik – und Thomas Hengelbrock schärft diese mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble an der Eigenwilligkeit (und manchmal auch Spröde) des historischen Klangs, welcher nichts einebnet. Plötzlich werden beispielsweise Mittelstimmen hörbar, die man sonst nicht wahrnimmt: Hengelbrock lässt die Zuhörer hineinblicken in das, was im Innersten brodelt.

Barbier von Sevilla Festspielhaus Baden-BadenDie musikalische Verschmelzung zwischen der Bühne und dem Orchestergraben, das schnelle Zuspiel zwischen den Agierenden – all das spiegelt sich auch sonst in der gewandten, ebenso leichthändig hingeworfenen Inszenierung von Bartlett Sher,
der das Werk an der New Yorker Metropolitan Opera herausbrachte und vor allem auf eines setzt: Auf Atmosphäre und Funktionalität. Inmitten eines Idylls aus Orangenbäumchen, zwischen zeitgemäßen, farbenprächtigen  Kostümen (Catherine Zuber) und ansprechender Lichtstimmung (Christopher Akerlind) entfaltet sich die Handlung - beweglich und mit elegantem Schwung; üppige Bühnenbilder würden hier nur stören.

Einige Türen, lose neben einander auf der von Michael Yeargan gestalteten Bühne platziert, sorgen je nach Szene für die passende Raumaufteilung, dazu Rosinas Balkon mit ausladender Treppe – Kulissen, die während der laufenden Handlung mal eben von den Beteiligten zum nächsten Bild verschoben werden: beispielsweise kurz vor der Flucht, als ein Gewitter die Szenerie symbolisch noch einmal durcheinander wirbelt und die Einzelteile schnell rotierend ihre Position wechseln.

Zu dieser Beweglichkeit passt auch das mobile Geschäft des Figaro (eine Art Frisiersalon auf Rädern) - und es passt vor allem zu seinem durchtriebenen Geschäftssinn: Figaro ist stets am Puls der Zeit, bei den Menschen und ihren wie auch immer gearteten Anliegen; er ist schlicht dort, wo Geld zu verdienen ist. Ganz nebenbei sorgt das Innere dieses Friseurwagens - bestückt mit Perücken, Scheren und Rasierklingen – auch noch für einen ästhetischen Akzent auf der Bühne.

Zudem stolpert, gewissermaßen als „Running Gag“, Bartolos Diener Ambrogio (Rob Besserer) als Tölpel durch die Szene, der immer dann sein Fett abkriegt, wenn sich auf der Bühne die Hahnenkämpfe zuspitzen – so, als bündle sich hier Bartolos eigene Derbheit und Begriffsstutzigkeit, die Bartlett liebevoll überzeichnet.

Beispielhaft dafür ist die musikalische Gegenüberstellung zwischen „Alt und Jung“: die überaus schwerfällige, den antiquierten Musikstil verkörpernde Arie, die Bartolo zum Besten gibt – gegen die Darbietung Rosinas, die lustvoll mit Tönen und Klängen jongliert und dabei ihren Gesang mit jeder Silbe erotisch auflädt.

Barbier von Sevilla Festspiehaus Baden-BadenMusikalisch und darstellerisch ist diese Aufführung im Übrigen durchweg vom Allerfeinsten: Viel Freiheit gibt Rossini den Sängern, und Anna Bonitatibus (Rosina) schmückt ihre Cavatine („Una
voce poco fa“) mit geradezu lasziven, spannungsvollen Skalen aus; Lawrence Brownlee (Graf Almaviva), der am Anfang noch etwas verhalten klingt, läuft - etwa parallel zum Fortschreiten seiner Gefühle für Rosina - zur Hochform auf: Blitzend und eloquent schleudert er seine Koloraturen wie Pfeile ins Publikum.

Mit geschmeidigen Glanz und tenoralen Fähigkeiten in der Höhe tut dies auch Franco Vassallo als Figaro, dessen stimmliche Mischung aus Beweglichkeit und charakterstarker Tonfülle ganz der Figur entspricht, die er zu verkörpern hat.

Einen polternden, ausladenden Kontrapunkt in wundervoller Komik setzen Maurizio Muraro (Bartolo) und Reinhard Dorn (Don Basilio) – vor allem in dessen grandios dargebrachter Verleumdungsarie („La calunnia è un venticello“). Ebenso überzeugend Roman Grübner (Fiorello/Ufficiale) und insbesondere Manuela Bisceglie als Berta, die ihre kleine Rolle mit Klangschönheit und lebendigem Spiel erfüllt.

Gewohnt souverän auch die Sänger des Balthasar-Neumann-Chors (Einstudierung: Walter Zeh) – doch ein besonderes Glanzlicht sind ebenso die Ensembles, beispielsweise die Stretta am Ende des ersten Aktes: Präzise wie ein Räderwerk, im Ausdruck aber keineswegs mechanisch kommen die wahnwitzigen Läufe und Wortgirlanden: Diese Produktion war schlicht ein Fest der Klänge.
(Fotos: Andrea Kremper)


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