06.10.08
Stürme, Landschaftsbilder und angehaltene Zeit
Wie Waltraud Meier, Daniel Harding und das Mahler Chamber Orchestra im Festspielhaus begeisterten


Ob böhmische Landschaftsbilder, erregte Stürme über aufgewühltem Wasser - oder die angehaltene Zeit mit ihren Sinnfragen und Sehnsüchten: Das Konzert mit Waltraud Meier, Daniel Harding und dem Mahler Chamber Orchestra im Festspielhaus Baden-Baden war „romantisch“ im besten Sinne.

Der erste Teil des Abends gehörte Richard Wagner, und die besagten Stürme beschwört der energische junge Dirigent und sein ebenso junges Orchester gleich in der Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer“: Hier wird sofort ein markanter Impuls gesetzt, der zeigt, welche musikalische Kraft man für den Rest des Abends zu erwarten hat.

Waltraud Meier und das Mahler Chamber OrchestraDann ein Höhepunkt: Wagners Wesendonck-Lieder. Hierzu hatte man eine der bedeutendsten Wagner-Interpretinnen unserer Zeit eingeladen - die Mezzo-Sopranistin Waltraud Meier,
der das Festspielhaus angesichts ihrer zahlreichen umjubelten Auftritte offensicht-
lich schon zur Heimstatt geworden ist.
Waltraud Meier ist eine Mei-
sterin des sorgfältigen Spannungsaufbaus und des ungeschminkten Ausdrucks: Mit zarten, beinahe unbedarften Schwebetönen skizziert sie das erste der fünf Lieder, den „Engel“ - nur an einer einzigen Stelle spricht ihre Stimme nicht sofort an. Dann aber entfaltet sie ihre gesamte Kraft; jenes charakteristisch schöne, glutvolle Timbre, und gleichzeitig diese stählernde, straff gezogene Höhe. Man denkt an andere Sängerinnen, deren Klang hier in einem diffusen, ausladenden Vibrato zerfallen wäre. Deklamatorisch braust das „Rad der Zeit“ („Stehe still!“); sie besingt es beinahe beschwörend – nur manchmal, so meint man, schlagen die aufschreienden Orchesterwogen über ihrer Mittellage zusammen.
Waltraud Meiers Umgang mit Farbklängen ist grandios: Ein zarter Aufstieg, eine gertenschlanke, bruchlose Linie  führen auf „des Hoffens Ende“ zu; „im Treibhaus“ wölbt sie einen gläsernen Ton über den betörend fahlen Schimmer in den Streichern. Und weil die erregten „Träume“ unter dem Einfluss von „Tristan und Isolde“ entstanden sind, schließt Waltraud Meier diesen Bogen und setzt mit Isoldes Liebestod als Zugabe („Mild und leise“) einen weiteren Glanzpunkt. Hier zeigt sie vollends ihre Fähigkeit zum groß angelegten Legato; hier verschmilzt sie ganz und gar mit den Streichern, hier wird ihre Strahlkraft zum Schlussstein über einem ohnehin schon runden Orchesterklang – das Publikum applaudiert danach im Stehen.


Nach der Pause dann der Wechsel zum rhapsodischen Schwung, zur folkloristisch durchzogenen achten Sinfonie von Antonin Dvorak. Dieses Werk steckt voller Einfälle; es bewegt sich zwischen einer tänzerischen Leichtfüßigkeit und einem schwelgerisch ausschweifenden Gestus. Daniel Harding und das Mahler Chamber Orchestra zeichnen die Sinfonie mit einer ebenso leichten Hand, sie genießen offensichtlich das Elegante an dieser Musik und  scheinen genau das auszukosten. Harding nimmt alles unter einen schön geschwungenen, ästhetischen Bogen – aus dem sich einmal die gestochen scharfen Bläsersoli, dann die ätherischen Violinen herauslösen. Das Trio im dritten Satz greift weit um sich, und selbst das akademisch steife Finalthema verliert seine Schulmäßigkeit und wird sanft und geschmeidig gebogen – fast ein wenig zu schön, zu glatt. Auch der wilde, ungestüme Zug gegen Ende des Satzes verschwindet fast; es ist zwar ein fulminantes Auffahren, jedoch ein äußerst kultiviertes.



Ausklang kurz vor Mitternacht in der Spitalkirche

Damit ist der Abend allerdings nur vorläufig zu Ende. Er klingt vollends aus in einem Mitternachtskonzert, und dieses Konzert gehört zum erweiterten Konzept des Festspielhauses: Künftig gibt man nicht nur Einblicke in die Probenarbeit mittels Werkstätten und Einführungsseminaren – nein, man verlässt außerdem den Musentempel und bringt die Musik an andere Orte der Stadt.

Mitternachtskonzert SpitalkircheKlug gewählt war an dieser Stelle die Spitalkirche als Kulisse für Bachs Musik: Diese Kirche ist die älteste der Stadt, und sie vereint ganz selbstverständlich die Archi-
tektur des 15. Jahrhunderts mit den Werken aus späteren Epochen, bis hin zu den Glasfenstern aus den Fünfziger Jahren.
Genauso zeitlos sind Bachs Suiten und Partiten – und hinzu kommt noch, dass das Kruzifix aus seinem Todesjahr stammt.

Die Kerzen am Altar und auf den Steinplatten im Kirchenschiff tauchen den Raum in ein gedämpftes Licht; bereits zwanzig Minuten vor Beginn des Konzerts muss man die freien Plätze suchen.

Die drei Solisten des Mahler Chamber Orchestra schaffen eine kontemplative Atmosphäre in der Stunde vor Mitternacht: Zunächst die Flötistin Chiara Tonelli mit der a-moll-Partita (BWV 1013); sie stößt das Werk schwungvoll an, mit einer Kraft, die sie tief aus dem Körper zu holen scheint. Dann schattiert sie behutsam ab, kommt ins Plaudern und tupft die Töne ganz zart hin; sie sinniert, als sei sie genau in diesem Moment von der Musik inspiriert.
Konstantin Pfiz nimmt sich der Cello-Suite Nr. 6 (BWV 1012) an, und er tut dies mit beherzten Akzenten, geschlungenen Linien und fast weihevollen Klangfarben – allerdings schleichen sich in seiner Tongebung immer wieder einige Unsauberheiten ein, vor allem in den Doppelgriffpassagen.
Überwältigend dagegen die Darbietung der noch jungen Geigerin Henja Semmler: In der d-moll-Partita Nr. 2 (hieraus spielte sie die berühmte „Chaconne“) besticht sie durch eine unglaubliche Akuratesse und Ausdrucksgewalt: Am Anfang straff gezogen, später fein ziseliert und kontrastreich in der Hauptlinie, dabei zart und punktgenau umspielt von den bewegten Figuren. Ihre Violine kann flüstern, reflektieren und auftrumpfen; ein meisterhaft gesetzter Schlusston beendet schließlich diese beeindruckende Vorstellung.
Fotos: Andrea Kremper (oben); Marcus Gernsbeck (unten)



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