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13.10.08
Immer auf dem Weg zum Äußersten
Arabella Steinbacher und Robert Kulek begeisterten in Bruchsal
Nur wenige Konzerte hatten Arabella Steinbacher und Robert Kulek in diesem Jahr vorgesehen – eines davon musste die Geigerin noch vor kurzem in Baden-Baden absagen.
Dafür kamen nun die Besucher des Bruchsaler Schlosskonzerts in einen offensichtlich seltenen Genuss – und dies in zweierlei Hinsicht, denn Werke von Richard Strauss hört man nicht allzu häufig im intimen Rahmen, sieht man von den Liedern einmal ab.
Neben der orchestralen, raumgreifenden Sonate waren Dvorak, Bach und Schnittke weitere Stationen in diesem ausgesprochen farbigen Programm.
Anmutig und zurückhaltend wirkt die junge Geigerin – aber sie weiß genau, was sie will. Sie verfolgt ihr Spiel mit einer Geradlinigkeit, die sich bereits vor dem ersten Ton anzukündigen scheint: Kaum hat sie das Podium betreten und sich die Geige zurechtgelegt, formt sie aus demselben Schwung bereits die schlichte Melodie des ersten romantischen Stücks von Dvorak.
Diese insgesamt vier Stücke op. 75 zählen zur gehobenen Unterhaltung; es sind einfache, eingängige Motive, und Dvoraks Verleger Simrock riss sich förmlich um jene publikumswirksame Musik, die der Komponist allerdings genauso ernst nahm wie die Arbeit an einer Sinfonie.
Auch Arabella Steinbacher und Ro-
bert Kulek begnügen sich keines-
wegs damit, über die Stücke einfach hinwegzuspielen – etwa so, als seien sie vor der Schnittke-Sonate Musik zum Aufwärmen, wie man vielleicht vermuten könnte. So schlicht die Motive auch sein mögen - hier wird mit Farben und Ausdrucksfacetten gearbeitet: Die Wiederholungen geschehen mit Nachdruck; die Reprise des ersten Stücks ist zart, nach innen gekehrt. Im „Allegro maestoso“, bricht das Klavier im Mittelteil ungeheuer plastisch hervor, und die Seufzerbewegungen des letzten Stücks haben ein unglaubliches Gewicht.
Danach fordert das Duo sein Publikum fast bis an die Grenzen heraus: Schnittkes erste Sonate für Violine und Klavier ist dessen persönliche Auseinandersetzung mit der Zwölftonmusik. Hier schafft er sich allerdings tonale Inseln, und diese wirken wie eine plötzliche Öffnung des Klangs, wie eine mögliche Wendung in eine bisher ungeahnte Richtung. Doch Schnittke belässt es bei der Ahnung, und das macht das Stück spannend. Meist dominiert ein sehr geschlossener Raum, die Melodie sticht darin mit rhythmischen Bewegungen hervor – es sind straffe, scharf geschnittene Töne, die Arabella Steinbacher hier setzt. Zarte Flageoletts und ein leuchtender Diskant im Klavier hellen die Atmosphäre hingegen auf.
Die Musik hat etwas Abruptes; etwas, das die Zuhörer gelegentlich aus dem Sitz hochfahren lässt: Da blitzt auf einmal ein greller Ton im Klavier in die verklingende Violine hinein, und manchmal, so scheint es, fegt Arabella Steinbacher die eben begonnene Bewegung mit dem Bogen einfach weg.
Vor der abschließenden Strauss-Sonate hat Bach eine gewissermaßen neutralisierende Wirkung: Die Klarheit und Frische der Chaconne, diesem eindringlichen, dichten und dennoch puristisch anmutenden Herzstück der d-moll-Partita – all das reinigt zunächst die Atmosphäre von
allem Schroffen, Schweren, hoch Emotionalen. Arabella Steinbacher findet genau die richtige Balance zwischen Beschleunigung und Entspannung, zwischen geradlinigem Vorwärtsdrang und
zart heraus gelösten, feinen Umspielungen der Hauptlinie. Die Violine fließt in diesem schwierigen Werk ganz selbstverständlich, sie schimmert noch in schmalsten Tönen – und diese wirken andächtig, sprechend, reflektierend, einfach immer beweglich.
Als Richard Strauss seine Violinsonate schrieb, war bei dem 23jährigen Komponisten der Weg in der Kammermusik bereits abgeschlossen: Diese Form reichte offensichtlich nicht aus für seine weit ausgreifenden Ideen und sein meisterhaftes Spiel mit den Farben.
All das merkt man der Sonate deutlich an - und dennoch macht gerade dies einen besonderen Reiz aus: Der große Klavierpart bringt den orchestralen Zug; das Stück schwelgt in seinen Phrasen, es verliert sich zwischenzeitlich in einem anmutigen und schimmernden Wellenspiel, es schäumt auf in großen Energie-Stößen. Fast wirkt es, als müsse dieses Werk ständig über sich hinauswachsen und im nächsten Moment die Form sprengen, weil dem Komponisten die Gattung „Sonate“ längst viel zu eng geworden ist.
Und genauso spielen Arabella Steinbacher und Robert Kulek: Bis an die Spannungsgrenze, immer auf dem Weg zum Äußersten.
Das wirkte betörend – mit großer Begeisterung feierte das Bruchsaler Publikum die beiden bemerkenswerten Künstler.
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