13.10.08
Bildreiche erzählerische Kraft
Die Ettlinger Schubertiade mit Werken von Johannes Brahms


Die Lieder von Johannes Brahms sind geballte Kraft in einer festen Form: ohne veräußerlichte Dramen, ohne überschwängliche Gefühle - und dennoch von einer Intensität, die bei sorgsamer Interpretation direkt auf den Hörer wirkt.
Zum Glück gibt es dank der Schubertiade im Ettlinger Schloss ein Forum, das diesen wunderbaren Liedern – zumal anlässlich des 175. Geburtstages von Johannes Brahms - einen ganzen Abend widmet; bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr. Sechs Lieder op. 86 und Lieder op. 105 waren unter anderem zu hören – diesmal mit der Mezzosopranistin Mareike Morr aus Hannover.


Diese Lieder (nach Texten unter anderem von Storm, Goethe, Liliencron und Hoffmann von Fallersleben) werden von der jungen Sängerin eindrucksvoll bebildert, denn offenbar steht ihr ein ganzes Füllhorn an Klangfarben zur Verfügung. Ihr Mezzosopran hat die Fähigkeit zum schlanken Piano, zur leich-
ten (Sopran-)Höhe - und trotzdem kann ihre Stimme jederzeit dramatisch anschwellen: kraftvoll und stählern, bis hin zur Unerbittlichkeit.

Und diese Palette ist auch notwendig, um die Perlen in der Musik von Johannes Brahms zutage zu fördern – eine geheimnisvolle Meermuschel (“Therese“), eine steile Himmelsbläue („Feldeinsamkeit“), danach ein zarter Spannungsaufbau im flüchtigen Klang.
Thomas Seyboldt zeichnet diese Bilder am Klavier sorgsam nach; schwer fallen die die Schritte „über die Heide“, später erreichen beide Interpreten eine solch schauerlich schwarze Farbmischung, dass man die umhergeisternden Nebel förmlich sehen kann.

Doch nicht nur die Farben schaffen eine beeindruckende Atmosphäre, sondern auch die Art, wie Mareike Morr mit Spannungsbögen umgeht. Da wird in einer verhaltenen, scheinbar unbedarften Linie eine leise Unruhe hörbar, dann wiederum spreizt sich der Klang sehnsuchtsvoll („die Liebende schreibt“), im sich später packend und energisch zuzuspitzen („Von ewiger Liebe“).
Und dennoch ist die Musik von Brahms mehr als nur eine Illustration der Texte; sie ist eher eine Auseinandersetzung.

Dazwischen wirkt die Es-Dur-Sonate für Bratsche und Pianoforte wie ist ein Bindeglied. Sie steckt voller zart angerissener Motive, dunklen Wendungen, lyrischer Emphase – oder auch manchmal voller aufrührerischer Bewegungen, die sich im Klavier fortsetzen. Isabel Charisius weckt all dies mit Nachdruck, bringt sich aber besonders ansprechend in die „Zwei Gesänge op. 91“ ein, die den Abend beschließen. Brahms dachte dabei an seinen Freund Joseph Joachim, der für die Viola seine persönlichste Komposition geschrieben hatte, und an dessen Frau Amalie Schneeweiss: Ihre Altstimme erinnerte Brahms an den Klang einer alten italienischen Bratsche.
Isabel Charisius umspielt die Singstimme sanft und umsichtig, schafft im „Geistlichen Wiegenlied“ eine Atmosphäre von säuselndem Wind und bewegtem Rauschen.
Zwei Zugaben fordert das Publikum nach diesem lebhaft erzählten Programm – und der Abend endet, beinahe schon traditionell, mit dem Brahmsschen Wiegenlied „Guten Abend, gut Nacht.“ 



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