17.10.08
Profilstark bis in die Nebenrollen
Zu Umberto Giordanos "André Chénier" (B-Premiere) am Badischen Staatstheater


Es ist eine seltsame Atmosphäre aus kühler Distanz und prallem Leben, aus detailliert gezeichneten Genre-Szenen und deren gleichzeitiger Auflösung, weil man sich in einer brüchigen, haltlosen Zeit befindet.
Umberto Giordanos Oper „André Chénier“ - ein Hauptwerk des „Verismo“, des italienischen Naturalismus – steht hierzulande nur selten auf den Spielplänen. Jetzt ist dem Badischen Staatstheater eine großartige Produktion geglückt: Eine Oper, in der alles passt, bei der Musik und Regie wie selbstverständlich ineinander greifen. Zudem ist das Sängerensemble so hervorragend besetzt, dass man auch in der B-Premiere im Luxus schwelgen konnte.

André ChenierDie eigentliche Protagonistin in diesem Drama ist unpersönlich,
und sie zieht ihre Fäden im Hintergrund: als omnipräsente Bedrohung, die den zentralen Figuren kaum Handlungsspielraum lässt. Die Französische Revolution kündigt sich an im ersten Bild, als Sieg über den Adel, dessen Vertreter hilflos ihrem Ende entgegentaumeln - schließlich
jedoch als eine Macht, die irgendwann nur noch Opfer fordert.

Zur tragischen Figur wird dabei Charles Gérard: Er ist zunächst Diener des Grafen von Coigny, dann ein glühender Anhänger der Revolution; er eifert hohen humanitären Idealen nach – und wird dennoch am Ende zerrieben von den Kräften, die sich längst verselbständigt haben. Sein Gegenspieler ist der Dichter André Chénier; zu seinen Idealen zählt die Liebe, die er selbst noch nie erlebt hat und die er deshalb in sehnsuchtsvoller Überhöhung preist. Und zwischen den beiden steht – natürlich – eine Frau: Madeleine, Tochter des Grafen von Coigny, von den Wirren ihrer Zeit verunsichert und entwurzelt, schließlich Schutz suchend bei Chénier.
Doch zwischen den beiden herrscht keine erotische Liebe; es ist vielmehr ein geschwisterliches Verhältnis. Madeleine liebt Chéniers Ideale, doch sie muss gleichzeitig erleben, wie das Wertesystem ihrer Kindheit plötzlich zusammenbricht.

Andre ChenierErotisches Begehren treibt allein Gérard um, der Madeleine noch aus früheren Tagen kennt – und der dennoch weiß, dass sie für ihn unerreichbar ist. Das bringt ihn in eine heikle Situation, als er – inzwischen Mitglied des Revolutionstribunals – eine Anklageschrift gegen Chénier verfassen muss. Madeleine wäre jetzt vermutlich Wachs in seinen Händen; er könnte seine Situation ausnutzen, doch so banal ist die Geschichte nicht. Zwar schreibt Gérard die Anklage – aber Chénier würde höchstwahrscheinlich auch ohne sie verhaftet.
Nein, die Situation ist komplizierter: Gérard bezichtigt sich am Ende selbst der falschen Anklage, er erklärt sogar, dass er Chénier vor der Guillotine schützen wolle.
Und genau in diesem Moment erkennt er, dass er nichts mehr ausrichten kann, dass die einstigen Ideale den Tod bringen.

Überhaupt scheint der Tod der einzige Ausweg zu sein  – auch in der Beziehung zwischen Chénier und Madeleine: Nicht gemeinsam leben, sondern gemeinsam sterben wollen sie; ihre Ideale können offensichtlich nur im Tod vollendet werden. Die Flucht wäre keine Alternative, denn sie bedeutet ungelebtes Leben.

Es sind menschliche, ergreifende Schicksale, die von Regisseur Alexander Schulin umsichtig in Szene gesetzt werden: Klar und direkt ist seine Sprache; mit einfachen Mitteln erzielt er die größtmögliche Wirkung.
So hält der Adel im ersten Bild am rauschhaften Luxus fest (Opulenz verströmen dabei die Kostüme von Ursina Zürcher); doch die Szene hat etwas Krampfhaftes, Erstarrtes. Und während man sich noch um Festtagslaune bemüht und dem schwindenden (Schäfer-)Idyll zuschaut – da zieht sich von der Hinterbühne aus die Szenerie bereits bedrohlich zusammen: Die Massen des dritten Standes bewegen sich langsam auf die Todgeweihten zu; scharfkantige Säulen ragen drohend auf.

Die Bühne (eingerichtet von Christoph Sehl) verschafft mit ihren nüchternen Außenwänden dem überbordenden Rokoko ein abweisendes Gesicht, und vor den erwähnten (Gefängnis-) Säulen spielt sich während Robespierres Schreckensherrschaft ein gierig-dekadentes Leben ab: Hier werden Extreme gegeneinander gesetzt.

Beispielhaft enthüllt Alexander Schulin die Charaktere. So ist Gérard oft nur Beobachter der Szene, steht regungslos an der Rampe: eine symbolhafte Machtlosigkeit trotz kämpferischer, Respekt einflößender Gesten. Umso wirkungsvoller ist dann sein verzweifelter Ausbruch, seine Trauer, seine Resignation - und all jene Facetten werden von Walter Donati in beeindruckender Weise freigelegt. Er gehört zu den Glanzlichtern des Abends, er fesselt mit seinem abgründigen, leidenschaftlichen Bariton und seinem ausdrucksstarken Spiel.
Schwärmend und schwelgend hingegen Keith Ikaia-Purdy als André Chénier; seine obertonreiche, in allen Lagen ausgewogene Stimme passt dazu: Eine glaubhafte Darstellung des Poeten, der nach Höherem strebt.
Christina Niessen gibt der Figur der Madeleine hingegen eine faszinierende Brüchigkeit – und setzt daneben einen entschlossen-metallischen Sopran als Gegengewicht.

Die Profilstärke der gesamten Aufführung setzt sich fort bis in die Nebenrollen: Der Auftritt der alternden, vaterlandsliebenden Madelon (Anna Maria Dur), die ihren Enkel für die Revolution gibt, geht unter die Haut. Ehrlich und vertrauenerweckend zeichnet außerdem Lukas Schmid die Figur des Roucher, einen Freund des Chénier; in überzeugender Adelspose tritt Sabina Willeit (Gräfin von Coigny) auf, hervorragend agiert der Chor (Leitung: Carl Robert Helg)

Und ein ebenso rauschhafter Bilderbogen kommt schließlich aus dem Orchestergraben: Jochem Hochstenbach und die Badische Staatskapelle entfesseln Giordanos wunderbar sprechende Musik; sie entwerfen die Idee einer oberflächlichen Leichtigkeit vor dem Hintergrund der pochenden Unruhe. Sie zaubern Süße im einen Moment und brechen im nächsten unerbittlich in die Szene hinein; sie klingen fahl und leer, als Gérard resigniert.

Das Publikum reagiert anschließend genauso leidenschaftlich: Selten hat man soviel einstimmige Begeisterung erlebt.
(Fotos: Jacqueline Krause-Burberg)

weitere Termine: Mittwoch, 22, 10. und Freitag, 31. 10., jeweils um 20 Uhr



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