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03.11.08
Die Spannung zwischen Trauer und Trost
Frieder Bernius und der Kammerchor Stuttgart mit dem Brahms-Requiem im Festspielhaus
Die biblischen Texte, die Brahms vertonte, kreisen meist um den unvermögenden Menschen und dessen Suche nach Trost und Sinn im Leid: Zwei Pole als nahezu unauflösbares Rätsel. In dieser Spannung befindet sich das gewaltige „Deutsche Requiem“, das keine liturgische Totenfeier ist, denn hier steht nicht die Bitte um Erlösung im Vordergrund, sondern die Trauer und die Tröstung der Hinterbliebenen.
In dieser Spannung befindet sich auch das „Schicksalslied“ (aus Hölderlins „Hyperion“), das göttliches Paradies und menschliches Leid hart nebeneinander stellt, wobei ihm Brahms ein umstritten-versöhnliches Ende gibt. Und „Nänie“, geschrieben unter dem Eindruck des Todes von Anselm Feuerbach, betrauert die Vergänglichkeit des Schönen – doch Brahms fügt Schillers Text (auf der Grundlage eines antiken Trauergesangs) eine musikalische Dimension bei, welche den Verlust überwindet.
Frieder Bernius, Leiter und Gründer des Stuttgarter Kammerchores und der Klassischen Philharmonie Stuttgart, nahm sich im Festspielhaus diesen gewichtigen Fragen an – und fand zu einer glänzenden Interpretation. Diesen sanften Trost herauszuheben, ihn im-
mer wieder abzugrenzen gegen jähe Unerbittlichkeit, schließ-
lich Leiden und Sterben reflektorisch zu durchdringen – all das gelang Bernius und seinen Ensembles meisterhaft.
In „Nänie“ entfaltet sich das Schöne, das sterben muss, zunächst in den edlen Holzbläsern; trotz Trauergesang ist dies keine Klage im eigentlichen Sinne, eher eine undramatische Huldigung (an den Künstlerfreund), die weite melodische Räume und große Bögen sucht. Behutsam werden diese Bögen geschichtet, bis der Höhepunkt des Werks („Aber sie steigt aus dem Meer“) in seiner ganzen Schönheit freiliegt und die abschließenden Verszeilen ruhevoll ausklingen – was nicht zuletzt der satten Farbe des Alts zu verdanken ist, der sich wunderbar mit den Bläsern verbindet.
Man könnte die gesamte Aufführung mit folgenden Attributen überschreiben: Schlicht und kultiviert, aber mit dem größtmöglichen Ausdruck. Der weiche und bewegliche Sopran verkörpert im „Schicksalslied“ bildhaft die „glänzenden Götterlüfte“: Aus dem ersten Teil des Gedichts ergibt sich die Anmutung einer vollkommenen Ruhe und Festigkeit. Doch dann fällt man plötzlich der Geborgenheit heraus; dann liegt das Schicksal des leidenden Menschen in den aufschäumenden Streichern, überhaupt in der ganzen dramatischen Sogwirkung, die in diesem Moment vom Orchester ausgeht.
Die Dimensionen des möglichen Trostes, der Reflexionen über Leben und Ziel sind geistige Dimensionen – und es ist eine große Kunst, diese im „Deutschen Requiem“ herauszuarbeiten und zu einem ganzen, großen Bogen zu formen. Auch hier gelingt es Frieder Bernius, den Stuttgarter Kammerchor und die Klassische Philharmonie wie selbstverständlich zu glaubwürdigen Aussagen zu führen: Ein schwebendes Streichervorspiel, danach ein Chor, der streng auf sein Ziel gerichtet ist und im zweiten Satz stellenweise eine gläserne, ja fast abweisende Farbe trägt – all das bringt die Gedanken um Hoffnung und Vergänglichkeit stets auf den Punkt. Ein Höhepunkt ist der Dialog mit dem Solo-Bariton: Michael Volle wirft mit unglaublicher Klangdramatik ein bittendes „Herr, lehre doch mich“ geradezu schicksalhaft in den Raum – als fokussiere diese Passage sämtliche quälenden Gedanken, die einen Menschen befallen können.
Umso heller danach die Farbe, welche die pastorale Idylle des vierten und fünften Satzes umgibt – ein weicher Schimmer liegt über diesem Bild des Trostes, in das sich Sopranistin Sunhae Im (für die kurzfristig erkrankte Birgid Steinberger) mit einem schlanken und silbrigen Klang nahtlos einfügt. Und als sich die Musik nach dem beschworenen Triumph über den Tod am Ende den Verstorbenen zuwendet – da klingt der Chor, als habe alles menschliche Leben schon längst eine höhere Dimension erreicht: Ergriffene Stille herrscht nach dem letzten Ton; dann bricht lang anhaltender Beifall los.
(Foto: Marcus Gernsbeck; erschienen am 03. 11. im Badischen Tagblatt; www.badisches-tagblatt.de)
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