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04.11.08
Intimer Kreis und großes Drama
Packende Händel-Kantaten im Festspielhaus
„Ein Fest für Händel“ – das klingt, als hätte der barocke Meister eine kleine, aber feine Gesellschaft zur gepflegten Abendunterhaltung geladen, und in der Tat: Es war ein recht intimer Kreis, der sich zum Kantaten-Abend im Festspielhaus einfand.
Jene weltlichen Kantaten sind eine Rarität; man hört sie selten, und offensichtlich sprechen sie auch nur ein kleines Publikum an – es sei denn, das Konterfei der Bartoli ziert die Plakate.
Doch es gibt auch andere viel versprechende Interpreten dieser Miniatur-Dramen, die menschlicher Lust und Leidenschaft ein Podium gaben, als Papst Clemens XI. im Jahr 1703 nach einem Erdbeben die Aufführungen von Opern verbot.
Zu diesen Interpreten gehört zum Beispiel die junge französische Dirigentin Emmanuelle Haїm, die
mit dem Ensemble Le Concert d’ Astrée und den beiden Solisten Magali Léger und Nathan Berg
einen gewichtigen Akzent in der Reihe der barocken Programme setzte.
Die quirlige Französin kann offensichtlich ihre Musizierlust
kaum mehr bändigen, sobald sie
mit zügigen Schritten die Bühne betreten hat: Dazu passt, dass sie während des Musizierens gekonnt zwischen Pult, Cembalo und Orgelpositiv hin und her wechselt; sie nimmt dies alles ganz leicht, ganz verspielt, ja fast tänzerisch – und dennoch mit ausgereiftem Blick für große Schwünge und kleinste Verzierungen.
Ihre Gesten sind sparsam und rhythmisch, eigentlich ist es eher ein wohlüberlegtes Andeuten, bisweilen sogar ein Deklamieren: Dass Emmanuelle Haїm eine Vorliebe für den Gesang hat und sich deswegen auf Vokalmusik konzentriert, ist ihrem Dirigat deutlich anzumerken.
Die Reaktionen des fabelhaften Concert d’ Astrée lassen gleich in den ersten Takten aufhorchen: Das ist ein sorgsam aufgefächerter, sehr pointierter Ton – kein Einebnen im allgemeinen Wohlklang. Darüber wölbt sich schließlich eine sprechende Oboe, die in „Delirio Amoroso“ gleich in der Einleitung Arkadien besingt – jener Ort des Glücks, wo sich die trauernde Clori wieder bei ihrem toten Geliebten Tirsi wähnt.
Langsam entfaltet sich eine packende Geschichte. Großartig, wie Sopranistin Magali Léger immer neue Affek-
te zeichnet – mit einer Stimme, die zwar nicht üppig ist, dafür aber reich an Farben: Sie führt sie schlank, gerade, manchmal mit fast schmerzhaftem Non-Vibrato in jenen Passagen, wo die Klagende im Leid versinkt. Doch dann lässt sie ihren Sopran dramatisch aufquellen und so verschwenderisch fließen, dass man die benommene Glückseligkeit am Ende hautnah spüren kann. Im Dialog mit der Blockflöte wählt Magali Léger selbst ein weiches Flautando, und mit ihren hervorragenden Piano-Qualitäten lässt sie feinstichige Figuren und lange Begleittöne einfach im Orchesterklang verschwinden.
Die obligaten Solo-Instrumente stehen ihr an Ausdruckskraft in nichts nach: In der Arie „Mein Gedanke fliege zum Himmel“ wird auch das Spiel von Nadja Zwiener (Violine) zum gewandten Höhenflug; mit schmerzerfülltem Seufzen begleitet hingegen Jonathan Cohen (Violoncello) die Sängerin, und Alexis Kossenko (Blockflöten) steuert einen unglaublich luftigen, beweglichen Ton bei („Hole nun die braunen Segel ein“).
Danach stehen die Zeichen auf Abwehr: Im zweiten Teil des Programms verkörpert Magali Léger die jungfräuliche Nymphe Daphne, die sich - vom liebestollen Apoll bedrängt – in einen Lorbeerbaum verwandelt. Apoll wiederum hat zuvor den Liebesgott Amor verspottet, der ihn daraufhin mit unerwiderten Gefühlen bestraft.
Nathan Berg (Bariton) tritt vom ersten Moment an als siegesgewisser Heilgott in Erscheinung; mit ausladenden Gesten und begleitet von einem rauschhaft agierenden Orchester prescht er voran. Sein großes Engagement führt zwar offensichtlich dazu, dass er manchmal zuviel Druck auf die Stimme bringt – jedenfalls klingt seine Höhe etwas angestrengt, der Klang wirkt manchmal hart. Insgesamt passt aber seine Haltung zur Figur, die er zu verkörpern hat, und geradezu anrührend ist am Ende seine Trauer-Arie („Lieblicher Lorbeer“).
Das Publikum dankt es mit großem Applaus und lauten Bravos; die Musizierenden wiederum bedanken sich mit Arien aus „Rinaldo“ und aus Jean-Philippe Rameaus „Les Indes galantes“.
(Foto: Marcus Gernsbeck)
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