17.11.08 Vom Zauber der Übergänge Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis im Festspielhaus Baden-Baden
War es nun die Faszination für die Künstlerpersönlichkeit Anne-Sophie Mutter oder schlicht die Begeisterung für ihre Art, Brahms zu spielen? Jedenfalls ließ sich das Festspielhaus-Publikum, ganz gegen sonstige Gewohnheiten, immer wieder zu spontanen Beifallsbekundungen zwischen den Sätzen hinreißen. Die Meisterin nahm es gelassen, lächelte milde; doch was sie gemeinsam mit Lambert Orkis, ihrem langjährigen Partner am Klavier, aus diesen Sonaten zutage förderte - das ging schlichtweg unter die Haut.
Brahms zitiert sich in diesen Werken ständig selbst: In der schwärmerischen Sonate A-Dur op. 100 sinniert das Klavier über das frühlingshafte „Wie Melodien zieht es mit leise durch den Sinn“; in der G-Dur-Sonate ist es das von Clara Schumann so sehr geliebte Regenlied, das immer wiederkehrt – Brahms schuf diese Sonate als Andenken an Claras Sohn Felix, der kurze Zeit zuvor an Lungentuberkulose gestorben war.
Die Sonaten werden weitgehend angetrieben durch ein ständiges Zusammenballen und Entladen, und zwischendurch breitet sich die Musik immer wieder in lyrischen Ruhe-Inseln aus: plötzlich ist alles ganz schwerelos, innig, elegisch.
Genau in diesen Übergängen liegt der Zauber, und genau an diesen Nahtstellen spielt sich zwischen Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis allerlei Faszinierendes ab. Die beiden scheinen sich blind zu vertrauen; was der eine ausspricht, das hat der andere bereits vorausgedacht. Und so tauchen die beiden ihr Spiel in immer neue Anmutungen, die stets überraschen, weil sie bis zum Äußersten ausgekostet sind.
In der A-Dur-Sonate umfängt das Klavier die Violine mit zarten Wendungen; Lambert Orkis ist ein feingeistiger, aber entschlossener Dialogpartner, der im richtigen Moment die entscheidenden Impulse setzt. Anne-Sophie Mutter hingegen lässt - wenn sie nicht die Führung übernimmt - ihren Geigenton ganz luftig-zart unter dem Klavierklang verschwinden. Schließlich entschleunigen beide so gekonnt, dass die eben noch erregte Musik plötzlich in einer ganz fragilen Struktur offen liegt.
Dabei sind die Klangfarben betörend. Das „Andante tranquillo“ fasst Anne-Sophie Mutter in einen edlen, fadenfeinen Ton - beinahe noch schlanker perlt darunter das Klavier. Meisterhaft ist zudem der Spannungsaufbau am Beginn der Regenlied-Sonate: Dieses Stück nimmt ganz unmerklich an Fahrt auf; man beginnt bei einem leise entworfenen Gedanken und endet bei einem extrem nach vorne gespielten Klang, der aschfahl abstirbt und tonlos ausschwingt. Dabei geht Anne-Sophie Mutter offensichtlich jedes Risiko ein. Das Vorhaltsmotiv im zweiten Satz spielt sie dort, wo die Saiten gerade noch ansprechen – so gibt sie der Szenerie, die viel von einem Mondlicht-Zauber hat, den Schleier des Unwirklichen.
Ganz anders die Sonate d-moll: Das Gespräch wird hier aufgehoben, es gibt fast nur noch die leidenschaftliche Diskussion. Man stachelt sich regelrecht an, reibt sich auf – zwischendurch glättet man zwar und entschärft das Tempo (eindrucksvoll: der kontrastierende, nach innen gekehrte zweite Satz), doch das Finale ist schließlich Entfesselung pur.
Mit den Ungarischen Tänzen ist man anschließend bestens gerüstet für den Zugaben-Marathon, der unweigerlich kommen muss, denn die erwartet großen Beifallsstürme wollen nicht abreißen – und erst recht nicht nach lasziven, zigeunerhaften Weisen. Doch da spielen die beiden ein ganz zartes „Guten Abend, gut’ Nacht“: Das Publikum quittiert es schmunzelnd und lässt sich besänftigen.