08.12. 08 Wenn der Meister spricht Alfred Brendel zum letzten Mal im Festspielhaus/ Auszeichnung mit dem Herbert-von-Karajan-Musikpreis
Der Blick ins Programmheft wundert – und er wundert auch wiederum nicht. Der letzte Abend mit Alfred Brendel im Festspielhaus Baden-Baden (zudem gekrönt durch die Auszeichnung mit dem Herbert-von-Karajan-Musikpreis) ist kein grandioses Klavier-Rezital, etwa mit Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert im Zentrum, oder mit Bach und Schönberg als äußere Eckpfeiler; vielleicht gar noch mit Werken von Franz Liszt, dessen Musik nicht nur hochvirtuos ist, sondern von Brendel auch in ein ganz eigenes Licht gerückt wurde – eine Tatsache, die oft untergeht in der allgemeinen Wahrnehmung Brendels als Spezialisten der Wiener Klassik.
Nein, der Meister setzt sich
genau zweimal ans Klavier. Für Mozarts Es-Dur-Konzert KV 271 („Jeunehomme“) und die anschließende Zugabe; sein Auftritt wird umrahmt von einer Mendelssohn-Ouvertüre und einer Schubert-Sinfonie. Ein fast
schon demonstrativ normales Konzertprogramm – aber mit welch einer Aussage: Denn bei Brendel sind kurze Motive immer größtmögliche Äußerungen; Phrasen oder Figurenwerk gar durchdachte Argumentationsketten. Durchgeistigt, aber intensiv berührend wie stets: Das Publikum applaudiert minutenlang im Stehen, ehrt die große Lebensleistung dieses Ausnahme-Interpreten.
Es ist freilich nicht einfach, Worte zu finden für einen Musiker, über den eigentlich alles gesagt ist, der mit Attributen wie „Philosoph“ oder „Hamlet am Klavier“ bedacht wurde. Den Namen Berthold Brechts möchte man dieser Reihe gerne noch hinzufügen – denn so wie Brecht mit schlichten Worten großartige Verse schuf, so zeigt der bescheiden und eben unspektakulär auftretende Brendel, dass jede Note Funktion ist, dass sich Musik in der Verbindung zwischen den Tönen abspielt.
Der langsame Satz im Mozart-Konzert wird zum herausragenden Ereignis, und das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg bereitet dies gewissermaßen von langer Hand vor: Denn der Beginn der Ouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ nimmt mit den schlummernden Streichern und einer fast tonlosen, aussagekräftigen Ruhe jene sinnierende Atmosphäre vorweg. In diesem Werk ist es einer der gelungensten Momente des Orchesters, das von Hans Zender trotz Gipsarm souverän geführt wird: Der Dirigent hatte es sich nicht nehmen lassen, den letzten Auftritt Brendels (der am 18. Dezember in Wien seine Pianistenlaufbahn beendet) in Baden-Baden zu begleiten.
Was ist das für ein Dialog zwischen dem Interpreten und dem Orchester – ein Dialog, der zur Zeit Mozarts vor allem im ersten Satz großes Aufsehen erregt haben muss, weil das Klavier früher als erwartet ins Geschehen eingreift und das Geflecht an Äußerungen dadurch umso dichter wird. Und dann, im Andantino, gibt es nur noch zarte Verschmelzungen; ein Klavier, dass sich öffnet und durchlässig ist für jeden Gedanken, das schließlich mit Nachdruck Impulse setzt. Brendel ist markant in den Richtungswechseln und zieht sich leise nachdenkend in die Moll-Trübungen zurück. Er gestaltet seine Phrasen wie ein Opernsänger die Rezitative: sprechend, direkt, handlungstragend. Er schafft betörende Echo-Wirkungen, indem er selbst schemenhaft wirkende Klänge noch abschattiert, sich dann aber – von den Streichern begleitet – kristallin vom Diskant aus herabstürzt. Im abschließenden Rondo verschwindet zwar in manchen Läufen der eine oder andere Ton, aber das sind Kleinigkeiten; das Wesentliche passiert woanders: Alfred Brendel spricht in seinen Tönen zum Orchester (und zum Publikum), als wolle er jedem Motiv, jeder Phrase noch im Moment des Spiels eine neue Sichtweise abgewinnen.
Als Zugabe schließlich Bach, das Choralvorspiel "Nun komm der Heiden Heiland" in einer Bearbeitung Ferruccio Busoni: Das ist Versenkung pur.
Das Publikum scheint wie in Trance, man hört kein Husten im ausverkauften Festspielhaus – und das lag sicher nicht nur an den „gesundbeterischen Fähigkeiten“ von Andreas Mölich-Zebhauser (so Frank Elstners Vermutung bei der anschließenden Preisverleihung): Der Intendant hatte vor dem Konzert dezent darauf hingewiesen, dass sich Alfred Brendel beim Spiel gerne selbst hört – und für diese Stille bedankte sich der 77jährige anschließend mit demonstrativem Applaus.
Die Laudatio seines Freundes, des Literaturkritikers und Schriftstellers Peter Hamm, quittiert Brendel mit dem schlichten Satz: „Ich danke dir, dass du mich so umfassend an mich erinnert hast“ - und erntet begeisterte Lacher.
Auf Brendels Humor hatte auch Peter Hamm hingewiesen, ebenso auf seinen Sinn für das Spiel mit der Sprache und der Poesie, die nicht nur seinen Interpretationen, sondern auch in seinen Gedichtveröffentlichungen Ausdruck findet.
Als Hamm die musikalischen Lesarten Brendels als „intellektuelle Abenteuer“ würdigt, als spezifische Form des Denkens“, als „Kunst zu singen und zu sprechen“ – da kann man durchweg nur bestätigend nicken: Genau das hatte man zuvor gehört.
Die Interpretationen Karajans, so erzählt Brendel, hätten ihn seinerzeit geprägt und sein kritisches Bewusstsein geschärft - da passt es ins Bild, dass Karajans Witwe Eliette ein Grußwort schickte: „Ich bin überzeugt davon, dass Herbert mit der Wahl des Preisträgers sehr zufrieden gewe-
sen wäre.“
Ministerpräsident Günther Oettinger überreichte Brendel schließlich den mit 50 000 Euro dotierten Preis des Kuratoriums des Kulturstiftung Festspielhaus; Brendel lässt den zweckgebundenen Betrag seinem „Young Musician´s Piano Trust“ zu Gute kommen, welcher jungen Pianisten hervorragende Instrumente zur Verfügung stellt.
Schuberts vierte Sinfonie c-moll beschließt den Abend, und diese Wahl ist klug: Denn diese Sinfonie ist dramatisch-pulsierend, melancholisch, lyrisch; sie greift also sämtliche Stimmungen auf, ohne dabei allzu gewichtig zu werden – und sie wird vom SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg ebenso gespielt: Ein Abend mit einem langen und ganz besonderen Nachklang. (Fotos: Andrea Kremper/ Tom Mö)