09.12.08
Schöne Stimmen, gute Instrumentalisten - aber zuviel Oberfläche
Christine Schäfer, Matthias Goerne und Hilary Hahn im Festspielhaus Baden-Baden


Ein Abend nur mit Bach: Das scheint hinsichtlich einer schlüssigen Dramaturgie offensichtlich immer wieder Probleme zu bereiten. Schon einmal hat sich ein solches Programm im Festspielhaus als unausgewogen erwiesen - zumal dann, wenn das Orchester zwischen den Kantaten offensichtlich nur dazu da ist, die Atmosphäre mal eben etwas aufzulockern.

Eher wie ein Flickenteppich wirkte auch das Konzert, das die drei Solisten Christine Schäfer, Matthias Goerne und Hilary Hahn vereinte; problematisch war zudem, dass die einzelnen Arien (geschlossene Kantaten waren gar nicht erst zu hören) durch ständigen Zwischenapplaus abgefangen wurden.

Hilary HahnVon dem schwungvollen, ja fast ungestüm agierenden Münchener Kammerorchester hätte man gerne mehr gehört: Das von Alexander Liebreich straff geführte Ensemble ist bezeichnenderweise kein Barockorchester, klingt aber dennoch täuschend „echt“; es
spielt zugespitzt und direkt, zeitweise fast schroff trotz großer Gesten und luftiger Bögen – und
es agiert immer pointiert.
Die Streicher begleiten zwei Arien aus der „Matthäus-Passion“ und
der h-moll-Messe, dazu eine Kantate. Ansonsten bleibt dem Ensemble lediglich die Ouvertüre der h-moll-Suite und zwei kurze Sinfonien des Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel (oder Einzelsätze); dazu allerdings ein „Air“, das aufhorchen lässt, weil es mit jenem abgedroschenen Popularstück so gar nichts gemein hat: Endlich einmal wurde es so gespielt, wie es sein soll und wie man es sonst nie zu hören bekommt; fein gewoben, in die Tiefe gehend, und nicht mit dem bekannt breiten Legato überzogen.

Und auch sonst gibt es einige Glanzlichter im Orchester: Eine Flötistin, die im Programmheft leider nicht erwähnt ist, profiliert sich in der h-moll-Suite, und als tragende Säule einer hervorragenden Continuo-Gruppe sticht die Cellistin Kristin von der Goltz heraus.

Christine SchäferEin wenig hatte man allerdings das Gefühl, als würden die Instrumentalisten ausgebremst, noch ehe sie richtig begonnen haben – und zwar von Gesangspartien, die auf diese Weise ebenso in der Luft hingen.
So kam den besagten drei Solisten nun die schwierige Aufgabe zu, aus jeder Momentaufnahme ein in sich geschlossenes Hörerlebnis zu machen, und hervorzuheben ist hier besonders Hilary Hahn: Die ganze Zeit über stellt sie sich völlig uneitel und zielstrebig in den Dienst ihrer obligaten Violinpartien. Beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit sie die tragenden Linien der Musik vorantreibt, um dann im nächsten Moment die Singstimmen lautmalerisch zu umspielen (etwa in der Sopran-Arie „Angenehmer Zephyrus“ aus der Namenstagskantate BWV 205): Obwohl selbst keine Barockgeigerin, tut Hilary Hahn das alles mit einem schlanken und gerade geführten Ton, mit einer leichten Gestik, die einem barocken Programm absolut angemessen ist. Dass sie zwischendurch sogar im Orchester mitspielt, spricht weiterhin für ihre Ensemble-Qualitäten.

Matthias GoerneDie beiden Sänger hatten hingegen etwas Mühe, in ihren Aussagen von Anfang an auf den Punkt zu kommen: Vor allem von der darstellerisch sonst so hervorragenden Christine Schäfer, die auf der Opernbühne selbst aus Nebenrollen ein Ereignis macht, hätte man etwas mehr erwartet: Gewiss, sie hat keine üppige Stimme, aber sie füllt vor allem mit ihrer Art, sich zu präsentieren, den Saal nicht immer aus; ihr Gesang bleibt manchmal verhalten, gar privat. Aber möglicherweise ist dies an jenem Abend ja tatsächlich der Häppchen-Kultur geschuldet.
Dabei hat ihr Sopran – der durch seine Klangsubstanz, seine Klarheit und seinen geschlossenen, schimmernden Ton betört – so großartige Möglichkeiten. Und diese brechen auch immer wieder durch, etwa im gehauchten „Wann kommst du“ (aus: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“); nur werden solche Anmutungen eben nicht mit letzter Konsequenz durchgehalten. Auch Matthias Goerne (Bariton) findet erst nach der Pause zu wahrer Größe: „Gebt mir meinen Jesum wieder“ beispielsweise ist packend, mitreißend; hier macht er seine Arie zum Miniatur-Drama.

Am Ende bleibt der Eindruck schöner Stimmen und hervorragender Instrumentalisten – die aber größtenteils ihre Qualitäten nicht ausspielen konnten.
(Fotos: Andrea Kremper)



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