15.12.08 Wenn stupende Technik auf Humor trifft Michala Petri und Lars Hannibal zeigen in Bruchsal außergewöhnliche Bandbreite
Vollkommen gelassen steht sie auf dem Podium, die Augen hat sie dabei geschlossen – fast die ganze Zeit über während des Spiels. Die dänische Blockflötistin Michala Petri ist nicht nur eine unbestrittene Meisterin ihres Fachs, sondern sie beherrscht dieses Fach auch mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit: In ihren Sonaten, Variationen und Fantasien, die ihr technisch alles abverlangen, nimmt sie sich völlig zurück und lässt stattdessen schwindelerregende Trillerketten, schnurgeraden Läufe und Flatterzungen-Passagen (Töne mit leichtem Tremolo) für sich sprechen, und sie verquickt dies unglaublich agil: Nichts, aber auch gar nichts scheint ihr irgendeine Form der Anstrengung zu bereiten.
Bei den Bruchsaler Schlosskonzerten durften die Zuhörer auf eindrucksvolle Art erleben, welche enorme Bandbreite die Blockflöte hat: Gleich ein ganzes Bündel (von Sopranino bis Tenor) bringt Michala Petri mit auf die Bühne; sie bewegt sich bei weitem nicht nur im konventionel-
len Rahmen zwischen Renaissance und Barock, vielleicht noch ergänzt um die eine oder andere zeitgenössische Komposition – denn erst im 20. Jahrhundert entdeckte man die Blockflöte wieder, nachdem sie im Konzertrepertoire mehr als 150 Jahre von der Bildfläche verschwunden war.
Nein, das Repertoire der sympathischen Musikerin ist viel differenzierter, reicht bis hin zu Astor Piazzolla, denn - so erfährt man nebenbei - der Tango wurde Ende des 19. Jahrhunderts erstmals auf einer Flöte gespielt.
Gemeinsam mit ihrem Partner und Ehemann Lars Hannibal (Laute, Gitarre) lässt sie sich nun auf ein ebenso virtuoses wie humorvolles Programm ein: Bachs Sonate F-Dur (BWV 1033) beginnt erst mit einer ruhigen Einleitung, doch dann wirft sich Michala Petri schwungvoll hinein in die brillanten Figuren, bei denen einfach jeder Ton sitzt und alles mit der gleichen Intensität, demselben runden Klang gespielt wird. Selbst die langsamen Sätze, bei denen sie die schlichten Kantilenen unter einen einzigen großen Bogen nimmt – sie alle folgen in ihrer Einfachheit noch einer sanft pulsierenden Bewegung (beispielsweise in der c-moll-Partita für Solo-Flöte), denn Michala Petri versteht es meisterhaft, diesen Bögen sofort eine Richtung zu geben. Sie stößt sie an, und der Ton schwingt beinahe von alleine; es ist ein ganz natürlicher, weicher Atemfluss.
An der Laute ist Lars Hannibal ist ein aufmerksamer Partner, er folgt jeder Regung – man spürt, dass die beiden bestens aufeinander eingespielt sind. Er fängt die Blockflöte mit behutsamen Gegenstimmen ab, umschmeichelt sie mit bewegter Begleitung oder gibt ihr mit rhythmischen Akzenten einen festen Rahmen; wach und flink wechseln die Figuren zwischen den beiden Instrumenten – etwa in Corellis Variationen über einen altspanischen Tanz („La Follia“). Vivaldis G-Dur-Sonate (RV 59) ist schließlich ein einziges Sprühen und Aufjauchzen.
Im zweiten Teil profiliert sich die Blockflöte dann als lautmalerisches und bildreiches Instrument: In Piazzollas „Histoire du Tango“, deren Einzelsätze mit „Bordel“. „Café“ und „Night Club“ überschrieben sind, erwartet man selbstverständlich eine schwül-laszive Atmosphäre, und man fragt sich zunächst, ob die Blockflöte dem entsprechen kann. Doch ein helles, fröhliches Parlieren verbreitet schließlich die Anmutung von Leichtlebigkeit, und den verhangen-melancholischen Ton beschwört ein tieferes Instrument. Für die klare nordische Farbe in schlichten Volkstänzen, zarten Hirtenliedern und flimmernden Elfentänzen sorgen fünf Stücke aus Sammlungen von Edvard Grieg, darunter den „Lyrischen Stücken“ – original geschrieben für Klavier, von Lars Hannibal eingerichtet für Blockflöte und seine katalanische Gitarre, mit der er den Rest des Abends bestreitet. Dazwischen lockern die beiden das Programm immer wieder mit launigen Zwischenmoderationen auf, und Michala Petri zeigt ihren Sinn für Humor schließlich in ihren eigenen Variationen über das dänische Volkslied „Mads doss“: Extravagante Glissandi und derbe (gesungene) Gegenstimmen zum Flötenton sorgen hier bereits für Schmunzeln – und nach der aufschäumenden, temperamentvollen „Fantaisie norvegienne“ (von Edouard Lalo) gibt es zwei ebenso pikante Zugaben. Denn nun sei man eingespielt, und in dieser wunderbaren Akustik könne man ohnehin nicht aufhören, so der flapsige Kommentar.
In „Souvenir“ von Ladislav Kupkovic windet sich die Blockflöte kokett bis schadenfroh um die immer gleiche, sehr begrenzte Begleitung; Asger Lund Christiansen lässt in seiner „Garden Party“ eine flinke Bachstelze und einen wortkargen Kuckuck miteinander in einen komischen Dialog treten. Selten hat erlebt man eine solche Vielfalt; den beiden Künstlern gelingt höchstes Konzertniveau und Musik-Kabarett an einem einzigen Abend.